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Es riecht nach Grill

Mensch oder Tier: Jagd und Kannibalismus in der jüngeren Romanliteratur

Foto: imagebroker/IMAGO
Der Seehase (Cyclopterus lumpus), gemeinhin auch Lumpfisch genannt

Mit ihrem Roman »Trophäe« treibt die 1976 geborene flämische Schriftstellerin Gaea Schoeters ein eher schlichtes Thema konsequent und überraschend tiefgründig auf eine unbequeme Spitze. Im Zentrum steht Hunter White (sic!), der in Afrika seinem Kindheitstraum Großwildjagd nachgeht, einem, wie es im Roman heißt, »perversen Reiche-Leute-Hobby für mordlustige Psychopathen«. Ihm selbst geht’s eher um, na ja, Wertschätzung und Würde oder so:

»Im Töten wehrloser Tiere, die nur flüchten können, liegt keine Ehre: Das ist kein Beweis der Männlichkeit, sondern der Eitelkeit. Hunter bevorzugt gefährliches Wild: Das Risiko, dabei selbst sterben zu können, macht den Kampf aufrichtiger. (…) So hat der Mensch gejagt, bevor er Waffen hatte. Tief in seinem Innern resonieren die Wörter der Männer mit uralter DNA in seinen Zellen.«

Die »Big Five« nun hat er seiner Frau schon ausgestopft präsentiert, so weit, so geschmacklos. Begeben wir uns auf die wildesten moralischen Argumentationswege von Naturschutz und Tierwohl: Ohne die Gelder, die für solche Jagdlizenzen erzielt werden, seien nämlich Zucht- und Schutzprogramme nicht zu finanzieren, sei Artensterben nicht zu verhindern.

»Mit mangelnder Tierliebe hat das nichts zu tun, das eine schließt das andere nicht aus, genauso, wie die Grausamkeit der Natur ihr nichts von ihrer Schönheit nimmt.«

Und während man als Leser kaum noch überrascht ist, wenn man hört, dass diese ethische Zwickmühle für die einheimischen Völker im Grunde genauso gilt, elektrisiert den »Abenteurer« die Rede von den »Big Six«: Löwe, Elefant, Nashorn, Büffel, Leopard – und Mensch: »Trophäenjagd als Naturschutz, Menschenjagd als Entwicklungshilfe.« Es brauche hier allerdings eine »strenge Quote«, um »den Trophäenpreis hoch zu halten«; simple Marktmechanismen seien das. Der Mensch sei ja auch nur ein Tier, und überhaupt gelte: »No prey no pay.«

Eine Logik, so gnadenlos wie die Natur. Zwischen Schlucken und Schmunzeln fühlt man sich hier an andere Romane erinnert, die ähnlich perfide solche einer kranken Ratio entspringenden Standpunkte weiterdenken.

»Der Club der Artenhasser« (»The Extinction Club«) des britischen, wiewohl in Tschechien geborenen Expeditionsschriftstellers Robert Twigger (Jahrgang 1965) etwa glänzte mit dem bitterbösen Argument: Wenn die Natur schon dabei ist, eine Art oder Gattung aussterben zu lassen, dann sollten wir sie doch bitteschön dabei auch unterstützen – und die letzten Exemplare endlich ausrotten!

»Der Riesenalk, die Wandertaube, der Dodo, die Schnecke aus dem Pazifikraum, diese Fische, die der Major vergiftet hat – ich muß gestehen, mein Kummer ging gegen Null. (…) Wir tun der Natur damit sogar einen Gefallen, wenn wir zu deiner Ausrottung beitragen, denn Natur bedeutet Evolution, und Evolution bedeutet Fortschritt.«

Twigger schreibt eigentlich über eine (auch bibliothekarische) Expedition auf der Suche nach dem in freier Wildbahn ausgerotteten Davidshirsch, auch Milu genannt, und gräbt dabei tief in theoretischen Diskursen ums (Über-)Leben und (Aus-)Sterben.

»Als Menschen schätzen wir zu Recht die Fähigkeit, sich einer neuen Umgebung anzupassen. Jene, die sie nicht haben, nennen wir fröhlich ›Dinosaurier‹. Firmen, die sich nicht anpassen können, verdienen den Bankrott. (…) Und meinen wir nicht tief in uns, daß diejenigen Arten, die ausgestorben sind, es irgendwie auch ›verdient‹ haben, daß ihre bloße Unfähigkeit zur Anpassung ein moralischer Makel an ihnen war? (…)

Treibt man dies nur ein bisschen weiter, entdeckt man dann nicht eine Moral, die sich in keinster Weise von den grausamsten Eugenikern unterscheidet? (…) Der Archetypus des Überlebenden ist der Insasse eines Konzen­trationslagers. (…) Und sehr viele Überlebende des Holocaust antworten auf die entsprechende Frage: ›Die Besten haben nicht überlebt.‹«

Hier reflektiert Twiggers Buch, ausgehend von einem Hirsch, Existentielles, kommt tiefgründig daher, doch kompositorisch stellt es eher ungelenk einen wildwuchernden, wenig organisierten Zettelkasten dar.

Der Londoner Ned Beauman dagegen, geboren 1985, präsentiert mit dem durchaus vielschichtigen Roman »Der gemeine Lumpfisch« (»Venomous Lumbsucker«) ein großartig durchdachtes Konstrukt. Als nach Jahrzehnten ausgiebigen Artensterbens in einem chinesischen Zoo mit Chiu Chiu der letzte Panda verendet, ist nicht nur für die Öffentlichkeit das Maß voll. Es werden endlich Gesetze erlassen. Wer z. B. nachweislich eine Gattung ausrottet, wird auch zur Rechenschaft gezogen.

Eigentlich. Doch Firmen, die, um ihre wirtschaftlichen Ziele zu erreichen, über ebensolche Leichen gehen müssen, können auch schon im Vorfeld Lizenzen kaufen … oder sogar, und das ist noch lukrativer, jemanden beauftragen, der wissenschaftlich nachweist, dass die vernichteten Exemplare doch gar nicht die allerletzten waren. So wie die anfangs enthusiastisch-naive Ökoberaterin Karin Resaint, die von einer Mining Company losgeschickt wird, um den titelgebenden Seehasen ausfindig zu machen. Dessen Brutgründe wurden nämlich durch großflächige Abraumarbeiten zur Manganernte dem Erd- oder besser Meeresboden gleichgemacht.

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Doch Beaumans überdrehte Utopie geht noch viel weiter. Da wird mit Auslöschungszertifikaten und Leerverkäufen wild spekuliert, da entbrennt ein heißer Kampf um Genomdaten in Biobanken. Denn bedrohte Lebewesen werden »für das Scannermikroskop filetiert« und sogar menschliche Gehirne schichtweise in Datenbanken abgelegt. Je feiner die Schnitte, desto gründlicher die Bewahrung von Bewusstsein und Persönlichkeit:

»Wenn man das Gehirn eines Menschen scannte, dann geschah das in der Hoffnung, diesen Menschen eines Tages in einer neuen unbestechlichen Form wiederbeleben zu können. Aber wenn man das Gehirn einer West-Pipinelle oder eines Barkudia-Skinks scannte, dann nur, weil dieser Scan es nach dem Ausrotten der Spezies einfacher machte, in einem bestimmten gesetzlichen oder ordnungspolitischen Kontext zu argumentieren, dass die Spezies in diesem Sinn nicht ganz verloren sei.«

Ein Hackerangriff vernichtet nun aber auch die Biodaten des possierlichen Tiefseebewohners, und es beginnt der erwartbare Wettlauf. Den Tieren geht das vermutlich ohnehin alles an der Schwanzflosse vorbei, wenn »die lebende Population bei null« liegt. Denn Zertifikate und digitales Modellieren machen das Spiel mit dem Aussterben berechenbar und verhandelbar, aber sie verhindern natürlich erst einmal gar nichts. Und sind damit offensichtlich sogar weniger effektiv als Gaea Schoeters »licences to kill«.

Diese Romane reißen immerhin existentielle Fragen an, die ethisch-moralisch nicht immer eindeutig beantwortet werden können. In der Dichtung aber sind die hier angedeuteten »Lösungen« nicht nur erlaubt, sie dürfen sogar unterhalten. Und das gelingt ihnen weithin, etwa wenn ein Begleiter auf Hunter ­Whites Namen erwidert, er sei dann wohl »Driver Black«; oder wenn es bei Beauman heißt, man könne ja »weder Pandas essen noch Gletscher«. Oder wenn man bei Schoeters liest, die Armee erschieße »jedes Jahr mehr Wilderer, um ihr Jagdwild zu beschützen, als die Wilderer Nashörner abknallen. Auftrag der Regierung. Zum Schutz der Wirtschaft. Die Menschenjagd ist ein Nebenprodukt der Trophäenjagd.« So nüchtern und konsequent wie makaber, zugegeben. Und unterhaltend auch eher so, wie man Horrorfilme »genießt«.

Noch einen Schritt weiter in diese Richtung geht die preisgekrönte argentinische Schriftstellerin Agustina Bazterrica, geboren 1974, in ihrem dystopischen Roman »Wie die Schweine« (2020), der mittlerweile unter dem Titel »Zart ist das Fleisch« neu erschienen ist. Denn hier steht Menschenfleisch, nachdem alle Tiere durch ein Virus ungenießbar geworden sind, sogar auf dem Speiseplan:

»Immigranten, Obdachlose, Arme. Sie wurden verfolgt und geschlachtet. Legalisiert wurde dieses Vorgehen, als die Regierungen unter Druck gesetzt wurden von einer milliardenschweren Industrie, die zum Stillstand gekommen war. Die Schlachthöfe und Richtlinien wurden entsprechend angepasst. Es dauerte nicht lange, da wurden sie wie Vieh gezüchtet, um die massive Nachfrage nach Fleisch zu stillen.«

Ganz offen steht da aber auch von Anfang an der Zweifel des »angeblich«: »So zumindest die offizielle Version«, heißt es. »Gleichzeitig wurden Studien und Berichte lanciert, um die öffentliche Meinung zu manipulieren.« Schlachthoferbe Marcos, die Hauptfigur, glaubt etwa zu wissen, »dass alles nur inszeniert ist, um die Überbevölkerung zu stoppen, (…) eine offizielle Wahrheit, und folglich eine relative.«

Mit den Bezeichnungen hatte das angefangen: »Der Übergang« sei eins dieser »Wörter, die die Welt verschleiern«. Und schon wundert man sich, wenn jemand »das betäubte Weibchen Fleisch nennt und nicht Stück oder Produkt«. Bis ins verstörendste Detail geht dieses Verklären der Entmenschlichung.

»Nach einiger Zeit nannten die Leute in Anlehnung an die Bezeichnungen für Schweinefleisch die Extremitäten Pfötchen und Füßchen. Die Industrie griff diese Diminutive, die den Schrecken übertünchten, auf und führte sie mit behördlicher Genehmigung offiziell ein.«

Natürlich ist dennoch nicht jeder »imstande, die tägliche Routine des Tötens auf sich zu nehmen, das automatisierte, leidenschaftslose Schlachten von Menschen«. Sergio aber, »einer der Betäuber«, erklärt seine wichtige Rolle im Produktionsprozess so:

»Wenn du zu stark zuschlägst und sie tötest, ruinierst du das Fleisch. Und wenn du zu schwach zuschlägst und sie nicht bewusstlos werden, und folglich bei lebendigem Leib geschlachtet, ruinierst du das Fleisch auch. Verstehst du?«

Schon hier deutet sich an, dass das Folgende die technischen Hintergründe und Abläufe gnadenlos explizit ausführt: »Das Weibchen, das Sergio betäubt hat, ist bereits ausgeblutet. Das dritte harrt noch seiner Enthauptung.« Und wenn Sie es nicht noch ausführlicher ertragen, dann bitte nicht das hier lesen: »Dann wird der Kadaver in das Brühbecken gekippt, wo er gedreht wird, während eine Rolle mit Schabeglocken ihn enthaart.« Weiter geht’s mit detailliertem Zerteilen, Verwerten, Einlagern etc., ich erspare mir das hier selbst. Nur eins noch, um den mitunter furchtbar alltäglichen Ton einzufangen. Marcos bekommt so ein »Weibchen« geschenkt, gleich mit dem Vorschlag: »Behalte sie noch ein paar Tage, und dann grillen wir schön.« Später zuckt man schon zusammen, wenn es nur heißt: »Es riecht nach Grill.«

So sicher sich aber hier Grauen und Abscheu entfalten dürften, so wenig neu ist natürlich auch dieses Thema. Bereits vor einem halben Jahrhundert (1973) hatte Richard Fleischer (sic!) unter dem Titel »Soylent Green« den Roman »Make Room! Make Room!« (1966) von ­Harry Harrison verfilmt, und schon da waren die grünen Linsen eben nicht aus Soja. Da aber der überaus umständliche damalige deutsche Verleihtitel »… Jahr 2022 … die überleben wollen« auf unsere jüngste Vergangenheit verweist, schließt sich doch irgendwie ein Kreis.

Und was die anthropophagen Tendenzen betrifft: Jonathan Swift hatte in seinem »Modest Proposal« von 1729 den Iren vorgeschlagen, die Kinder der Armen einzupökeln und als Fleisch verkaufen zu lassen: »A young healthy child well nursed is at a year old a most delicious, nourishing, and wholesome food, whether stewed, roasted, baked, or boiled; and I make no doubt that it will equally serve in a fricassee or a ragout.« (Ein junges, gesundes, wohlgenährtes Kind vom Alter eines Jahres bietet ein höchst schmackhaftes Nahrungsmittel und eine gesunde Speise, ob geschmort, gebraten, gebacken oder gekocht; und ich zweifle gar nicht, dass es ebenfalls als Frikassee oder Ragout sich wird anwenden lassen.)

»Soylent Green« hatte die Überbevölkerung als Ursache des industriellen Kannibalismus hinzugefügt. Harrisons Roman stellte zwar den demographischen Wandel in den Mittelpunkt der Misere (stolze sechs Jahre vor den »Grenzen des Wachstums« übrigens), doch erst Fleischers Adaption erweiterte das Grauen um diese blutrünstige Ebene. Harrison hatte sich sogar gegen diese »Effekthascherei« verwehrt. Bazterrica aber knüpft nun offensichtlich lose daran an und führt den Gedanken explizit und detailliert aus.

»Mit Hilfe von Originalfleisch seien die Überbevölkerung, die Armut und der Hunger zwar nicht gänzlich ausgemerzt, aber wenigstens unter Kontrolle gebracht worden. Jeder habe in diesem Leben eine Aufgabe, und die Aufgabe von Fleisch sei es eben, geschlachtet zu werden.«

Natürlich geht es bei alledem nicht zuletzt um den Wert eines Menschen. Als bei Bazterrica ein Bewacher »mit einem Weibchen erwischt« wird, das an den Folgen stirbt, gibt es eine Anzeige wegen der »Zerstörung eines beweglichen Wirtschaftsguts, (…) und die Sicherheitsfirma muss den Wert des Weibchens ersetzen«. – Bei Beauman vergleicht ein Mitarbeiter die Schnittpräzision, die er sich leisten kann, um Hirn und Bewusstsein seiner verstorbenen Frau möglichst getreu zu digitalisieren, mit der Vorspeise seines Chefs, für den das Carpaccio vom Kalbshirn, »auf 100 Mikrometer geschnitten«, kaum mehr als ein »biotechnologischer Gag« ist. – Und im Roman von Schoeters »gelingt« es den einheimischen Völkern erst über den Trophäenpreis, »ihrer Existenz einen Wert beizumessen«, was vorher kaum möglich war:

»Wären sie Tiere, würde ihr Status auf der Roten Liste ›vom Aussterben bedroht‹ lauten, und es würden alle möglichen Maßnahmen ergriffen, um sie zu schützen (…), aber alle gerichtlichen Verfahren wurden systematisch eingestellt, die Kläger wurden bedroht oder verschwanden.«

Starker Tobak, all das. Zu ertragen sind diese Gedanken auch in der Literatur nur bedingt, denn über individuelle Serienkiller, blutige Rachefeldzüge und andere Thrillertopoi mit Horrorpotential geht manches hier deutlich hinaus. Jeder möge da sein eigenes Limit setzen. Eine Gesellschaft aber, die durch Konsumverhalten und ökonomische Zwänge Entmenschlichung nicht nur toleriert, sondern industrialisiert, muss äußerstes Unbehagen wecken. Wir blicken in Abgründe, in denen Undenkbares sichtbar wird, denn diese Romane thematisieren ethische Konflikte – indem ihr dunkler Humor sie ignoriert.

Menschen essen, Menschen töten, Tiere töten, Tiere essen – wo war noch mal die Grenze?

→ Gaea Schoeters: Trophäe. Btb-Verlag, Wien 2024

→ Robert Twigger: Der Club der Artenhasser. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2003

→ Ned Beauman: Der gemeine Lumpfisch. Liebeskind-Verlag, Berlin 2023

→ Agustina Bazterrica: Zart ist das Fleisch. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2026

Zum Autor: Rüdiger Wartusch

Wacken-Veteran Wartusch, geboren zu Beginn der Saison 1966/67, hat vier Kinder, liest ziemlich viel und erkennt gern Zusammenhänge. Vom Fleisch konnte er bisher nicht ganz fallen, doch es besteht Hoffnung.

Themen:
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Erschienen in der Ausgabe vom 16.05.2026, Seite 6, Wochenendbeilage

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