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16.05.2026
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Palästinas Kulturerbe bedroht
Die Organisation Riwaq hat sich der Rettung traditioneller Architektur verschrieben
Die Stadt Jaffa hat einen ganz besonderen Namen: Umm Al-Gharib, Mutter der Fremden. Sie hatte diesen Namen allerdings nur auf arabisch und nur bis 1948. Denn 1948 hörte Jaffa auf, die Stadt der Fremden zu sein, und damit auch die Stadt der Flüchtlinge, wo immer sie herkamen. 1948 vertrieben die bewaffneten Verbände des neu geschaffenen jüdisch-zionistischen Staates Israel alle palästinensischen Bewohner. Darunter war auch der Vater von Suad Al-Amiry, Architektin und Schriftstellerin. Die Familie fand schließlich Zuflucht in Amman. Dort wuchs Suad auf mit den Erzählungen des Vaters über den Verlust seiner Heimatstadt Jaffa.
Nach dem Junikrieg 1967 war ihr Vater nicht mehr aufzuhalten. Er reiste über die Allenby-Brücke in die neu besetzte Westbank und von dort weiter nach Jaffa. Er wollte zu seinem Elternhaus. Er fand es: noch in alter Pracht. Amiry ging zur Eingangstür und klingelte. Eine jüdisch-israelische Frau, die neue Bewohnerin und »Eigentümerin«, öffnete ihm. Er stellte sich vor, erklärte ihr, dass dies sein Elternhaus sei, in dem er aufgewachsen war, und bat darum, kurz eintreten zu dürfen. Er hoffte ganz naiv, das Bild seiner Mutter, das immer an der Wand gehangen hatte, mitnehmen zu können. Die Israelin wies ihn schroff ab, gefolgt von der Drohung, dass die Polizei ihn verhaften werde, sollte er nicht sofort verschwinden. Dann schlug sie ihm die Haustür vor der Nase zu. Vater Amiry wusste nicht, wie ihm geschah. Als er nach Amman zurückkam, sah Suad ihren Vater zum ersten Mal völlig am Boden zerstört. Er heulte tagelang.
1981 beschloss Suad, Palästina für sich zu finden. Sie reiste quer durch das Land und konzentrierte sich auf die palästinensischen Dörfer: mehrere hundert in Israel sowie all die Ortschaften in der Westbank. Grund dafür waren die Erzählungen des Vaters, der immer wieder über die Zerstörungen der israelischen Armee nach 1948 berichtet hatte: über die zahllosen Dörfer, plattgewalzt von Bulldozern der Zionisten. Sie wollte endlich alles mit eigenen Augen sehen. An der Universität Birzeit, wo sie eine Stelle als Dozentin bekam, lernte sie ihren Mann kennen, den Historiker Salim Tamari. Er ermutigte sie, ihr Studium fortzusetzen. Suad promovierte schließlich an der Universität Edinburgh mit der Arbeit »Raum, Verwandtschaftssysteme und Gender. Die soziale Dimension der bäuerlichen Architektur in Palästina« (»Space, Kinship and Gender: The Social Dimension of Peasant Architecture in Palestine«).
Von dort war es ein kleiner Schritt zur Gründung einer NGO, mit der sie 1991 Neuland beschritt: »Riwaq« mit Sitz in einem wunderschönen alten Haus in Al-Bireh setzte sich zur Aufgabe, die traditionellen Bauernhäuser in den Dörfern quer durch die Westbank zu erhalten. Daher auch der Name: »Riwaq-Zentrum für die Erhaltung der traditionellen Architektur«. Riwaq registrierte in jahrelanger Arbeit mehr als 50.000 Gebäude in 422 Dörfern und Städten. Aber es ging Riwaq und Suad Al-Amiry nicht nur um die Erhaltung von alten Gebäuden. Ziel war es, die eindrucksvollsten Häuser, oft fast Paläste, zu sozialen Treffpunkten zu machen: zu Frauenzentren, Bibliotheken, dörflichen und städtischen Gemeinschaftsorten und vielem anderen mehr. Entscheidend waren dabei immer die Wünsche der Menschen vor Ort.
Renovierungen waren mit den begrenzten Mitteln von Riwaq nur in 50 Dörfern möglich. Die Arbeit daran wurde vor allem von den Einheimischen durchgeführt. Dafür erhielten sie die notwendige Ausbildung, und mit ihrer Arbeit konnten sie Geld verdienen, nicht zuletzt in einer Zeit, als – wie heute – kein Palästinenser mehr in Israel arbeiten durfte. Auch in Gaza hatte Riwaq aktive Teams. Alle architektonisch wichtigen Gebäude, alle kulturellen Kleinode wurden registriert. Heute, nach zweieinhalb Jahren Völkermord und flächendeckenden Zerstörungen, neben denen die Gewalt von 1948 verblasst, existieren davon nur noch Ruinen. Aber die Menschen in Gaza geben nicht auf: Sie bauen zum Beispiel die historische Omari-Moschee, von der kaum etwas übriggeblieben ist, Schritt für Schritt wieder auf – mit ihren bloßen Händen. Ihre Forderung: »Denkt an Gaza! Helft uns, Gaza wieder bewohnbar zu machen!«
Helga Baumgarten ist emeritierte Professorin für Politik der Universität Birzeit und schreibt wöchentlich ihre Kolumne »Brief aus Jerusalem«
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