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Pol & Pott

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Foto: imago stock&people

Auch die Coole Wampe beklatscht die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht. Am 8. Mai 1945 um 23.01 Uhr im ehemaligen Offizierskasino der Pionierschule I in Berlin-Karlshorst mussten Keitel, Friedeburg und Stumpff unterschreiben. Damit endete offiziell der Krieg in Europa. Woanders fingen später neue Kriege an: Korea, Vietnam, Iran–Irak, Golf, Ruanda, Jugoslawien, Afghanistan, Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, Sudan, Ukraine, Israel–USA–Iran – leck mich.

Für uns kein Grund, den 8. Mai nicht zu feiern. Außerdem ist Roswitha an diesem Tag geschlüpft, allerdings 20 Jahre später im Kreißsaal des Bezirkskrankenhauses Karl-Marx-Stadt. Wir blicken zurück: Rossi als blutverschmierter Winzling auf der Babywaage: »Tach, Mutti!« Ihre Mutter völlig erschöpft: »Äh, was, das redet schon?« – Rossi: »Der wievielte ist heute?!« Die Schwester so: »Es ist ein Mädchen.« Die Mutter: »Meine Tochter hat was gefragt.« Die Schwester: »Heute ist der 8. Mai 1965, 23.01 Uhr.« Die Mutter zu Klein-Rossi: »Dein Geburtstag: 20 Jahre Ende des Faschismus, auf die Minute.« Roswitha: »Gutes Timing, Mama! Und was machen wir jetzt?« Dann verbrachte die Schwester das frisch geborene Rossi-Kind in einen separaten Raum, in dem Dutzende von Neugeborenen getrennt von ihren Müttern schliefen oder krähten. So war das in den 60ern.

Dass Roswithas Sprachzentrum direkt nach ihrer Geburt bereits aktiv war, ist ungewöhnlich. Aber sie musste sich im Mutterleib viel anhören, und das wollte jetzt mal raus. So versuchte sie, die anderen aus dem Säuglingskollektiv in Gespräche über Marxismus/Leninismus zu verwickeln, was misslang. Referierte dann über Brutkästen wie das Modell »Isolette II-M-1300« von den Drägerwerken in der BRD und wie gut es sei, so etwas nicht zu brauchen, sondern in sterile Mulltücher des VEB Kombinats Technische Textilien Karl-Marx-Stadt gehüllt auf den Nachhausetransport zu warten – zustimmendes Grunzen hier und da, im wesentlichen aber Geplärr.

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Eine Grunderfahrung, die sie bis heute prägt. Sie ist eher wortkarg. »Roswitha, möchtest du Prosecco oder Apfelsaftschorle?« frage ich die Freundin. Ich habe beides in der Kühltasche. Sie knapp: »Ja.« Wir hocken auf einem Mäuerchen vor dem oben genannten historischen Ort, der von 1994 bis 2022 deutsch-russisches Museum hieß. Um 16 Uhr ist Demo. »Nostalgie …«, grummelt Rossi in ihren Sprudelbecher. »Kapitulation gibt’s heute nicht mehr. Die Kriege sind permanent geworden, weil sich Kriegswirtschaft so toll lohnt für die sogenannten Eliten.« Udo schleppt Tüten mit Essen an für ein Picknick im Museumspark. »Lasst uns symbolisch anstinken gegen das Kapital!« tönt er und packt einen sehr, sehr reifen Camembert aus. »Sylvie hat wieder ein Westpaket aus der Normandie geschickt, der DHL-Bote musste seinen Lieferwagen stundenlang lüften.« Armer Kerl – es trifft immer die Falschen.

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Zu einem reifen Camembert frische Erdbeeren reichen und einen Feldsalat mit Vinaigrette und gerösteten Pinienkernen bereiten. Dazu Baguette. Als Dessert Tarte aux pommes.

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Erschienen in der Ausgabe vom 09.05.2026, Seite 8, Pol & Pott

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