Aus Leserbriefen an die Redaktion
»Wie weiter mit der Solidarität?«
Zu jW vom 13.4.: »Gefahr des guten Beispiels«
Ich war bei der »Es reicht«-Solidarität-Veranstaltung in Berlin anwesend. Es war eine gute Veranstaltung, nur leider stellte fast niemand die Frage: Ja, es reicht, aber wie weiter mit der vielgelobten Solidarität? Leider war das Treffen nicht so konzipiert worden, dass es für die Beantwortung dieser äußerst wichtigen Frage Raum gegeben hätte. Obwohl viele Organisationen und Menschen teilweise von weit her angereist waren, wurde keine weitere (der reichlich vorhandenen) Zeit genutzt, mögliche Aktivitäten – wie z. B. die Lancierung eines Hilfskonvois »Europa Solidaria« – zu initiieren resp. zu koordinieren. Es wäre eine sehr wichtige – und praktische! – Gelegenheit gewesen, dies gemeinsam zu debattieren und eventuell zu Resultaten zu kommen. Die Solidarität zu feiern ist das (manchmal wichtige) eine, sie mit konkreten praktischen Aktivitäten zu realisieren ist das (oft schwierigere!) andere. Im Falle Kubas im Moment überlebenswichtig! Wieso das so leichtfertig übersehen respektive nicht stärker eingefordert wurde, muss man selbstkritisch beantworten.
Gion Honegger, Zürich
Kunst als Teil der Gesellschaft
Zu jW vom 10.4.: »Zur Größe des Realismus«
Leider hat sich der Autor dieses lesenswerten Beitrags nicht der üblichen Seitenhiebe gegen den sozialistischen Realismus enthalten können. Das ist insbesondere deshalb so bedauerlich, weil gerade Willi Sitte einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet hat, in diese Diskussion positive Überlegungen einzubringen. Zeit seines Lebens wandte er sich gegen Abgehobenheit oder Verflachung künstlerischen Schaffens. Die Kunst lebt nicht von und in den Lüften, sie ist Teil einer Gesellschaft, die nach Antworten auf die drängenden Fragen ihrer Zeit sucht. Was ist böse daran, dass jene, die den Künstler nähren und ihm Freiraum für seine Tätigkeit gewähren, ihn darum bitten, dass sein Beitrag zum allgemeinen Tun eine gewisse Verständlichkeit aufweisen sollte? Die Menschen brauchen das Tun der Künstler, um ihre Welt besser fühlen und verstehen zu können. Was ist daran unverständlich, dass sie dazu die Erwartung formulieren, die Antworten mögen mit ihrem Leben zu tun haben, um Verständlichkeit bemüht und handwerklich solide gefertigt sein? Gerade darum ging es dem großen Künstler Willi Sitte sein Leben lang.
Joachim Seider, Berlin
»›Kapitalpartner‹ statt ›Sozialpartner‹«
Zu jW vom 11./12.4.: »Kesseltreiben«
Es gibt ein paar Begriffe, die immer wieder mindestens für Verwirrung, mehr aber noch für Ärger sorgen. Zentral im Bereich der politischen Ökonomie dieser Gesellschaftsformation hat sich der Begriff »Sozialpartnerschaft« festgesetzt. Diese übliche Bezeichnung des Verhältnisses zwischen Unternehmen und Gewerkschaften im Kapitalismus als eines partnerschaftlichen oder gar sozialen, ist mit der Realität nicht vereinbar. Ehe- oder Tanzpartner begegnen sich im liebevollen oder sportlichen Miteinander. Eine zumeist nährende Verbindung. In einem Unternehmen, in dem der Verkauf und die Verwendung der Arbeitskraft für den Produktionsmitteleigentümer als Kostenfaktor im Geschäftsbericht auftauchen und zudem gesetzmäßig geringgehalten werden müssen, kann es höchstens zu einem Streit über die Höhe der Vergütung zwischen Verkäufer und Käufer wie auf dem Basar zugehen. Das hat auch mit dem beschönigenden Adjektiv »sozial« überhaupt nichts zu tun. Fassen wir zusammen. Üblicherweise werden in diesem Land zwischen Unternehmen und Gewerkschaften Tarife abgeschlossen, die für einen festgelegten Zeitraum u. a. die Höhe der Löhne und Gehälter der Werktätigen festlegen. Bleibt es dabei, dass die Gewerkschaften nach wie vor über die Tarifverhandlungen einen Verteidigungs- oder Abwehrkampf gegen die Übermacht beispielsweise der Konzerne führen und keine z. B. politischen Forderungen stellen, reduziert sich die Funktion des DGB höchstens auf eine Beihilfe zur Kapitalverwertung. Der dazu passende Begriff wäre »Kapitalpartner« statt »Sozialpartner«. Dann darf sich das Führungspersonal des DGB in Aufsichtsräten, Vorständen oder sogar als Arbeitsdirektor:innen auf die bequemen Sessel der Führungszentralen setzen. Schlimm dabei, dass sich zumindest in den oberen Funktionärskreisen diese Sklavensprache festgesetzt hat. Daran sollten die organisierten Kolleginnen und Kollegen dringend arbeiten. Dann merken sie auch, dass der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit ein Klassenwiderspruch ist!
Manfred Pohlmann, Hamburg
Der einfache Weg
Zu jW vom 11./12.4.: »›Einmal habe ich Ulbricht aus der Badewanne holen lassen‹«
Leider wird diese Expertise bei der heutigen Linken in der Masse ungehört verhallen, da nur sie selbst ihr Maßstab ist. Von historischer Bildung und wissenschaftlicher Tiefe und Durchdringung der heutigen Probleme will sie nichts wissen (oder bleibt vulgär oberflächlich) und muss darum bedeutungslos bleiben. Sie folgen eher dem liberalen Mainstream, der so ungemein angenehm ist, weil er von einem nichts fordert, schon gar kein eigenes Denken mit selbst definierter Standortbestimmung. Damit sind sie willige Werkzeuge einer immer enthemmteren, offen militaristisch und kolonial agierenden liberalen Pseudoelite, die genauso ungebildet ist. Der aber die Felle wegschwimmen. Ich teile die Skepsis von Herrn Niemann absolut. Die Problematik des Scheiterns des europäischen sozialistischen Versuchs würde ich mir gern vertieft von Herrn Niemann auseinandergesetzt wünschen.
André Möller, Berlin
Zeit seines Lebens wandte sich Willi Sitte gegen Abgehobenheit oder Verflachung künstlerischen Schaffens.
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