Zurück in die Zukunft
Von Péter Jánosfalvi
Das Problem des »freien Marktes«, des Wunschtraums des Liberalismus, ist nicht, dass er zuviel Freiheit gewährt, sondern zuwenig und in bezug auf Eigentumsverhältnisse diktatorisch ist. Das mussten auch die DDR-Bürger nach 1989 erfahren. Mit diesem vertrackten Umstand setzt sich das Kanaltheater in Eberswalde auseinander. »Kantinengeflüster – Visionen der Erinnerung« führt zunächst zurück in die 80er Jahre: Dem Sozialismus ist die Zukunft abhanden gekommen, im Parteiklientel grassiert Dilettantismus, und ein System, das den Menschen dienen sollte, scheint zum Selbstzweck geworden – was reaktionär wirken mag, es aber nicht ist. Denn die ersehnte bessere neue Welt erweist sich nach der »Wende« als die schlechte alte. Die Folge sind gebrochene Biographien, enorme Verluste. 35 Jahre später reflektieren viele Enttäuschte wieder, was verloren ging und was im Sozialismus besser war.
Der Schock, den die 90er Jahre für die Ostdeutschen bedeuteten, ist zweifellos am bildmächtigsten von Frank Castorf in Szene gesetzt worden, der bekanntesten Persönlichkeit der Theaterwelt, die sich gegen westlich-kapitalistische Arroganz zur Wehr setzt. Mit ihren Mitteln auf entsprechend kleinerer Bühne hat die semiprofessionelle Gruppe des Kanaltheaters, ausgehend von ihren eigenen Lebensgeschichten, das Thema aufgegriffen, über allem die Frage: »Wer wollen wir gewesen sein?« Das im vergangenen Jahr uraufgeführte Stück ist nun wiederaufgenommen worden.
Heute, wo wir den Vormarsch der extremen Rechten beobachten – der in Ostdeutschland und anderen postsozialistischen Gesellschaften organisch mit den Sünden der »Wende« zusammenhängt –, ist die Möglichkeit, sich daran zu erinnern, dass es etwas Besseres gab, erfrischend, wenn nicht erhebend. Es tut gut, zu sehen, dass man von einer linken Alternative sprechen kann, wenn die extreme Rechte die stärkste politische Kraft ist.
Nächste Vorstellungen: 18., 24. und 25. April
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