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Aus: Ausgabe vom 17.04.2026, Seite 2 / Sport
Bewerbung für Olympische Spiele

Gibt es überhaupt ein tragfähiges Olympiakonzept?

Milliarden Euro für Großveranstaltungen wären besser in den Kommunen aufgehoben, findet Marvin Jansen
Interview: David Bieber
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Kampagnenplakat der Linkspartei gegen eine Bewerbung als Austragungsort für kommende Olympische Spiele (Gelsenkirchen, 4.4.2026)

Anlässlich der Bewerbungen um olympische und paralympische Spiele, über die derzeit abgestimmt wird: Wären die Spiele nicht eine große Chance für die jeweiligen Austragungsorte?

Klar, Olympia ist mit großen Versprechungen verbunden: internationale Aufmerksamkeit, wirtschaftliche Impulse und neue Infrastruktur. Ein Blick auf vergangene Austragungen zeigt jedoch, dass die Kosten für die Öffentlichkeit enorm sind, während viele der Versprechungen nur begrenzt oder gar nicht eintreten. So beliefen sich die öffentlichen Ausgaben für die Olympischen Spiele in Paris 2024 auf rund 6,6 Milliarden Euro. Geld, das auch direkt in Sportplätze, Wohnungsbau oder Jugendarbeit hätte fließen können.

Die entscheidende Frage ist: Wer profitiert wirklich? Es sind die großen Konzerne und das Internationale Olympische Komitee, das IOC, während die Menschen vor Ort die Rechnung zahlen.

Warum ist die Linkspartei dagegen, sich überhaupt zu bewerben?

Schon die Bewerbung kostet enorme Summen. Hamburg hat rund 13 Millionen Euro ausgegeben – für nichts. Gerade weil wir als Linke für Sport sind, lehnen wir die Olympischen Spiele in dieser Form ab. Denn es dreht sich in erster Linie nicht um Sport, sondern um Gewinne. Gleichzeitig fehlt es den Kommunen überall an Geld. Während von Haushaltszwängen gesprochen wird, sollen jetzt plötzlich Milliarden für ein zweiwöchiges Event da sein?

Wieso ist die Öffentlichkeit, speziell in NRW, bislang eher schleppend informiert worden?

Dass die Menschen in NRW bisher eher im Nebel stehen gelassen werden, überrascht mich leider gar nicht. Erst wird hinter verschlossenen Türen geplant und wenn die Kampagne läuft, sollen plötzlich alle begeistert sein. Aber so funktioniert Demokratie nicht. Wenn es um Milliarden geht, dann müssen die Menschen von Anfang an informiert werden – nicht mit Hochglanzbroschüren, sondern mit echten Zahlen und offenen Debatten. Dabei sollte ehrlich gefragt werden: Wollen wir wirklich ein zweiwöchiges Spektakel oder dauerhaft gute Bedingungen für alle, die hier jeden Tag Sport machen?

Gibt es überhaupt ein tragfähiges Olympiakonzept für die »Bewerberregion« Rhein-Ruhr und Köln?

CDU-Ministerpräsident Hendrik Wüst wirft einfach Zahlen in den Raum. Kosten von 4,8 Milliarden und Einnahmen von 5,2 Milliarden Euro. Das klingt wie ein gutes Geschäft, wird sich aber als Luftschloss erweisen. Für welche Spiele gilt das überhaupt – 2036, 2040 oder 2044? Wie sollen Kosten über so einen langen Zeitraum stabil bleiben? Die Realität zeigt, dass die Kosten in Paris am Ende etwa dreimal so hoch gewesen sind wie ursprünglich geplant. Bei einem dezentralen Event in 17 Städten wird das sicher nicht billiger. Zwar wird mit vorhandenen Sportstätten argumentiert, aber Fragen zu Verkehr, Unterbringung und langfristiger Nutzung sind nicht geklärt. Übrigens sind Gewinne für die Austragungsorte die Ausnahme, zuletzt passierte das in Los Angeles 1984.

Sportgroßereignisse sind zudem geprägt von Sponsorenverträgen und auch von Korruption. Wie sieht es da bei Olympia aus?

Also mal ehrlich: Dass es beim IOC nicht ganz sauber zugeht, ist kein Geheimnis. Da gab es immer wieder Korruptionsskandale bei Vergaben. Auch sonst ist Olympia heute ein Milliardenbusiness, bei dem es kaum noch um den ursprünglichen olympischen Gedanken geht. Während Sponsoren und Funktionäre sich eine goldene Nase verdienen, müssen viele Teilnehmende sich bei der Bundeswehr verpflichten oder Onlyfans-Kanäle einrichten, um ihren Sport zu finanzieren. Und während wir die Rechnung zahlen, sollen wir uns freuen, irgendwie dabei gewesen zu sein. Nicht der Sport steht im Mittelpunkt, sondern das Geschäft für einzelne Profiteure.

Was können Sie über die zu erwartenden Kosten sagen? Und welchen Beitrag könnten diese Ausgaben alternativ beispielsweise im Sozialwesen leisten?

Wir reden hier über Milliarden, während das Geld an allen Ecken und Enden fehlt. Als Linke wollen wir eine Stadt, in der Kinder und Jugendliche gute Sport- und Freizeitangebote erhalten, öffentliche Einrichtungen bestens ausgestattet sind und auch ältere Menschen dauerhaft mitgenommen werden. Wir wollen, dass Sport für alle Menschen möglich ist – unabhängig vom Stadtteil oder dem finanziellen Hintergrund.

Marvin Jansen ist stellvertretender Geschäftsführer der Fraktion Die Linke im Rat der Stadt Essen und sitzt im Ausschuss für die ­dortigen Sport- und Bäderbetriebe

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