Tarifflaute an der Hafenkante
Von David Bieber, Duisburg
Bei einem Pressegespräch am Montag in Duisburg brachte Verdi-Gewerkschafter Niels-Holger Schmidt den Kern des Konflikts auf den Punkt: »Ist man bereit, auf Augenhöhe mit den Beschäftigten zu reden?« Gemeint sind die Duisburger Hafen AG (Duisport) und die Logistikfirma Rhenus. Beide verweigern bislang Gespräche über einen Tarifvertrag für die Hafenarbeiter. Besonders brisant: Die Duisport‑Tochterunternehmen, darunter die Duisport Logistics and Port Services (DLPS), gehören zu 100 Prozent der öffentlichen Hand.
Beschäftigte aus zentralen Betrieben an der sogenannten Hafenkante – darunter DLPS und Rhenus Port Logistics Rhein-Ruhr – haben sich zusammengeschlossen und eine Tarifkommission gegründet. Ihr Ziel: ein Tarifvertrag. »Damit wollen wir gleichwertige Lohn- und Arbeitsbedingungen wie in bereits tarifierten Betrieben der Region erreichen«, erklärt Sören Brandes, Gewerkschaftssekretär bei Verdi in Duisburg. Derzeit sind nur drei von 20 Hafenbetrieben tarifgebunden. »Die beiden dicken Brummer gehören nicht dazu«, ergänzt sein Kollege Schmidt und verweist auf andere Häfen in der Region. Dort seien bessere Bedingungen längst Realität: weniger Arbeitsstunden, höhere Monatslöhne, betriebliche Altersvorsorge und verlässlichere Schichtzeiten. 2004 existierte bereits ein betriebsübergreifender Tarifvertrag. Seitdem jedoch wurde der Hafen in zahlreiche, oft »tarifflüchtige« Gesellschaften zersplittert.
Rund 40 Beschäftigte und Verdi-Mitglieder schilderten beim Pressetermin die Zustände in den Betrieben. Ein Auszubildender von Rhenus berichtete, dass er trotz identischer Aufgaben weniger verdient als andere Azubis im Hafen. Christoph Maas, Kranführer bei DLPS und Mitglied der Tarifkommission, fordert endlich geregelte Arbeitszeiten und planbare Schichten. Bislang, so erzählt Gewerkschafter Günay Al, werden die Kollegen am Hafen ungleich bezahlt. Einige verdienten 2.700 Euro, andere mit vergleichbaren Tätigkeiten 3.500 Euro brutto. »Völlige Intransparenz«, sagt Al.
Währenddessen hält sich die Kapitalseite bedeckt. Geschäftsführer Markus Bangen, dessen Jahresbezüge laut WAZ 2023 bei mehr als 570.000 Euro lagen, lässt gegenüber jW lediglich mitteilen, man halte an der bisherigen Haltung fest. Ein Signal für Veränderung ist das nicht. Also weiter wie gehabt?
Verdi gibt sich gelassen. Die neu gegründete Tarifkommission habe den formellen Prozess angestoßen und werde der Geschäftsleitung nun konkrete Angebote vorlegen. Gleichzeitig ruft die Gewerkschaft zu Verhandlungen auf. »Die Beschäftigten organisieren sich und gewinnen an Stärke«, betonen die Gewerkschafter. Aus dem Saal hallen Rufe: »Tarifvertrag, jetzt!« Verdi sieht sich gut aufgestellt. Der Mitgliederzuwachs halte an und zeige deutlich den Wunsch nach Veränderung, erklärte Brandes am Montag im Duisburger DGB-Haus.
Und sollte Duisport nicht mit Tarifverhandlungen bis Mai dieses Jahres einverstanden sein, sei ein Arbeitskampf nicht ausgeschlossen. »Die Kolleginnen und Kollegen sind gesprächsbereit – aber im Zweifel auch kampfbereit«, meinen die Gewerkschafter. Bei der zudem im Frühjahr anstehenden Betriebsratswahl wollen sich einige der anwesenden Beschäftigten auch aufstellen, damit »gewerblich tätige und nicht nur kaufmännische Angestellte im Betriebsrat von Duisport« vertreten sind. Bislang, so die einhellige Meinung, seien nur »leitende Angestellte Teil des Betriebsrats und keiner von der Basis«.
Verdi fordert mehr Transparenz – vor allem beim Betriebsrat und Gesamtbetriebsrat. Die Gewerkschaft selbst blickt derzeit kaum durch die komplexen und teils verworrenen Strukturen der einzelnen Tochtergesellschaften. Juristisch werde nun geprüft, ob alles korrekt abläuft. Ein Beschäftigter fasst die Stimmung zusammen: »Der Betriebsrat ist für mich schlicht nicht existent.«
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