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Aus: Ausgabe vom 08.04.2026, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Ruhelose Seelen

»Romería«: Der dritte Teil des Spielfilmzyklus über Selbstfindung und Familie der katalanischen Regisseurin Carla Simón
Von Robert Best
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Marina (Llúcia Garcia) hält sich am Rand und lässt sich begutachten

Tiefes Blau, winddurchwehte Wuschelhaare, Haut, die schon beim Hinsehen nach Salz schmeckt – und Vigo. Die galizische Hafenstadt ist die heimliche Heldin eines ruhigen und wuchtigen Films, expressiv als wildromantisch rauher Küstenort inszeniert von Kamerafrau Hélène Louvart und Regisseurin Carla Simón. Simón, als Waise aufgewachsen, legt mit »Romerìa« den dritten Teil ihres Spielfilmzyklus zu Selbstfindung und Familie vor.

Die 18jährige Marina – vielschichtig gespielt von Neuentdeckung Llúcia Garcia – war noch ein kleines Kind, als ihre jungen, bereits getrennten Eltern an den Folgen von AIDS starben. Eine heiße Liebe habe sie verbunden, mit Höhen, Tiefen und Drogenräuschen aller Art, liest und hört Marina. Aufgewachsen bei der Familie ihrer Mutter in Barcelona, fährt Marina nach Vigo, zum Wohnort ihres Vaters, im Gepäck eine Kamera und das Tagebuch ihrer Mutter.

Für die Bewerbung auf ein Stipendium braucht sie die Sterbeurkunde ihres Vaters. Eine vermeintliche Formalie. Doch etwas stimmt nicht mit dem Papier. Alfonso Piñeira ist als kinderlos ausgewiesen. Marina soll mit ihren Großeltern, Alfonsos Eltern, wiederkommen.

So wird sie bei der Familie ihres Vaters vorstellig. Sein Bruder Iago, dessen Kinder, die Großeltern und weitere: Je mehr nahe, aber bis dato unbekannte Verwandte Marina kennenlernt, desto mehr häufen sich die Ungereimtheiten hinsichtlich des Lebens ihres Vaters. Ein begnadeter Seemann sei er gewesen, sagt Iago – »süchtig nach dem Meer« –, der über den Atlantik gesegelt sei, nach Peru, nach Santa Cruz. Und dann die Partys auf seinem Boot – legendär. Ist er wirklich 1987 gestorben, wie sie immer dachte? Oder doch erst Jahre später?

Und diese Konjunktive! Mal lähmen sie, mal treiben sie an. Wie wäre es gewesen, in der Familie ihres Vaters aufzuwachsen? In diesem bunten Haufen mit vielen Onkels und Tanten, Cousinen und Cousins, lachenden, kiffenden, das Leben umarmenden jungen Leuten, die Marina oft vergebens integrieren möchten, aber auch nicht zuviel Aufwand betreiben und sich wieder ihrem Joint widmen (den Marina ablehnt) oder einem Bad im Atlantik. Marina hält sich am Rand, beobachtet, bevor sie in Aktion tritt, lässt sich begutachten, hört »Du siehst deiner Mutter gar nicht ähnlich« ebenso wie: »Du bist ihr Ebenbild!«

Sie entwickelt ein Gespür dafür, wann Vertrauen angebracht ist und wann Skepsis. Einem Onkel sagt sie, was sie lange sich selbst gesagt hat: »Was weißt du schon? Du warst nicht dabei.« Es ist und gibt ihr Gewissheit, dass es allen gleich geht: Niemand kann die Geschichte ihrer Eltern genau wiedergeben. Entweder ist diese Liebe zu groß, oder die Überlieferungen sind zu bruchstückhaft. Wer waren meine Eltern? Wer bin ich? Hinter der Suche nach Antworten verbirgt sich ein kognitiver Katzensprung, die Suche nach den Eltern in Fleisch und Blut. Mit deren traumartiger Vergegenwärtigung gönnt Regisseurin Simón der abstinent lebenden Marina eine Bewusstseinserweiterung allererster Güte (und dem Film einen formalen Twist, der auch alles bis dahin Gesehene neu wertet).

Im Spanien der 80er Jahre waren offenbar kurzzeitig alle, die sich nicht die Franco-Diktatur zurückwünschten (und die vielleicht auch), außer Rand und Band vor Lebensfreude und Nachholbedarf in Sachen Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll. Eine Kehrseite: Überdosen und, von mächtigen Tabus umgeben: AIDS. »Es war ein Massaker.« Vigo war kulturell wie wirtschaftlich ein Hotspot. Hier landete das Heroin, die »Shore«. Alfonso fischt es in einer wasserdichten Kiste vom menschenleeren, felsigen Strand.

Tod und Disco Hand in Hand: Eine Art »Clip im Film« zum 80er-Hit »Bailaré Sobre Tu Tumba« der galizischen Punkband Siniestro Total verbindet sie zu einer Schmerz-Lust-Zeremonie. Tanzende werfen weiße Tücher über nicht mehr Tanzende. Ein Verweis auf einen galizischen Mythos, der im Film erwähnt wird: die »Santa Compaña«, die »Heilige Gefolgschaft«, eine nächtliche Prozession von Toten, Geistern oder ruhelosen Seelen, die mit Tüchern bedeckt durch einen Ort zieht und alle Häuser besucht, in denen bald jemand stirbt.

Das schwer fassbare Leben von Marinas Eltern und ihr ebensowenig greifbarer Tod fügen sich so ein in eine »größere Erzählung«, in die Folklore, in die Landschaft. Viele Fragen bleiben unbeantwortet, Widersprüche nicht gelöst. Aber es stellt sich etwas ein, das Sigmund Freud (in Korrespondenz mit Romain Rolland) »eine unauflösbare Verbundenheit« mit dem Ganzen nannte, ein tatsächlich tröstliches, momentweise euphorisierendes »ozeanisches Gefühl«.

»Romería: Das Tagebuch meiner Mutter«, Regie: Carla Simón, Spanien/BRD 2025, 114 Min., bereits angelaufen

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