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Aus: Ausgabe vom 05.03.2026, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Es gibt Probleme

Wischiwaschi linksliberal: İlker Çataks mit dem Goldenen Bären ausgezeichneter Spielfilm »Gelbe Briefe«
Von Robert Best
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Ein Ehepaar: Bühnenstar und Dramaturg (Özgü Namal und Tansu Biçer)

Selfie mit dem Gouverneur im Foyer? Smalltalk mit der Istanbuler TV-Agentin? Nein, danke. Nach der umjubelten Premiere ihres neuen Stückes im Staatstheater Ankara relaxt Bühnenstar Derya (Özgü Namal) lieber backstage mit Flachmann und Zigarette. Dramaturg Aziz (Tansu Biçer), ihr Ehemann, muss die Verehrer vertrösten.

Im Zentrum von İlker Çataks Film »Gelbe Briefe«, frisch mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichnet, stehen dieses Künstlerpaar und die Teenagertochter, die auf eine Privatschule soll, damit sie auch mal Elfriede Jelinek zu lesen kriegt.

Aziz, ein mit dem Nacken knackendes Nervenbündel, das ernsthaft seine Mutter bittet, seine Frau zurechtzuweisen, lehrt Theaterwissenschaften an der Universität. Seine Devise »Theater kann die Welt retten« vertritt er so humorlos, dass irgend etwas daran nicht stimmen kann. Tochter Ezgi rollt vor allem mit den Augen und belächelt die Boomerbohème. Derya, als interessanteste, weil mehrschichtige Figur, trägt den Film mit einer gewissen Flamboyanz. Wenn sie Kaffee kocht, brennt er an, und es gibt statt dessen Bier.

Der Gouverneur schmollt, weil Derya kein Aftershowfoto mit ihm wollte. Sie dagegen stellt empört fest, dass während der Aufführung sein Handy geklingelt hat: »Dreimal!« Sie verweigern einander die Anerkennung. Beherrschen die Codes der jeweils anderen Sphäre – Politik, Kultur – nicht.

Während Derya sich aufregt, redet im Radio jemand über Demonstrationen, Krieg oder Terror. Konkreter benannt wird die offenbar herrschende politisch-gesellschaftliche Unruhe bis Filmende nicht. Es gibt Probleme. Immer wieder sieht man in »Gelbe Briefe« Szenen von Demonstrationen mit Flaggendurcheinander von Ukraine über Regenbogen bis Palästina und entsprechend viel Polizeiaufgebot. Aziz ermuntert seine Studis zur Teilnahme an einer Demo. Sinngemäß: »Ihr werdet nie etwas über Dramaturgie lernen, wenn ihr nicht die Dramaturgie dieses Staates kennenlernt.« Auf Aufnahmen martialischer Büttel folgt als Kontrast oft eine Szene mit harmonisch langhaarigen Peaceniks beim Protest oder in Singrunden mit Gitarre. Von hanebüchener Holzschnittartigkeit sind auch die Sätze, die die Stützen des Systems rechtfertigend von sich geben: »Ich erfülle nur meine Aufgabe!«

İlker Çatak betont in Interviews, er habe ein Regieangebot für den Kassenschlager »The Housemaid« abgelehnt, um »Gelbe Briefe« zu drehen beziehungsweise fertigzustellen. Die Entstehungsgeschichte reicht zurück zum gescheiterten Putschversuch in der Türkei 2016, in dessen Nachgang einigen Quellen zufolge 500.000 Menschen verhaftet und mehr als 100.000 entlassen wurden.

Am Tag nach der Premiere wird Deryas und Aziz’ Theaterstück abgesetzt. Derya erhält die Kündigung (in einem gelben Briefumschlag). Auch Aziz ist seinen Job los, durch die Uni geht eine Kündigungswelle. Die Betroffenen protestieren vergeblich. Derya und Aziz hatten sich offenbar online kritisch über die Machthaber geäußert.

Gegen Aziz wird wegen Präsidentenbeleidigung ermittelt. Jetzt heißt es warten. Aber worauf genau? Lässt sich noch Gegenwehr auf die Beine stellen? Derya will nachts ruhen, doch Aziz geht auf und ab. Er spricht: »Es ist die Anspannung. An Schlaf ist nicht zu denken.«

Da wären sie wieder, meine drei Probleme.

Erstens: Figuren erklären die Handlung, wo aussagekräftige Bilder für sich sprechen würden. Da dürfte auf der Tonspur auch gerne mal nichts oder was Konträres laufen.

Zweitens: Unterkomplexe Figuren haben Konflikte mit der Außenwelt, aber wenige bis keine mit sich selbst. Was für ein Unterschied zu den spannungsgeladenen Seitenaufnahmen von Leonie Benesch als Lehrerin, die ihre Schulkinder vor dem Hintergrund einer Diebstahlserie abwechselnd beschützt und verdächtigt. Realisiert in »Das Lehrerzimmer« (2023) vom selben Team: Çatak, Produzent Ingo Fliess und Kamerafrau Judith Kaufmann.

Drittens: Politik ist nur Hintergrundrauschen: Der Staat ist irgendwie autoritär, der Künstler wischiwaschi linksliberal (so wie der Kritiker unbillig besserwisserisch; touché).

In der zweiten Hälfte kehrt man zurück zu den Wurzeln: Die Familie wohnt im Istanbuler »Exil« bei Aziz’ Mutter. Aziz und Derya erarbeiten ein brisant gemeintes Stück (»Gelbe Briefe«) für das Off-Theater ihrer Jugend. Aziz schreibt es nachts. Derya liest es. Ihre Unterhaltung darüber klingt so: – »Ist das nicht genau das, was wir in der aktuellen Situation brauchen?« – »Ja.« – Aha.

Aber es stellen sich den beiden auch ergiebige Fragen wie diese: »Soll ich meine alten Posts löschen, um beruflich wieder Fuß zu fassen?« Von Zwickmühlen dieser Art beziehungsweise den mit ihnen einhergehenden dramatischen Kicks hätte »Gelbe Briefe« noch mehr vertragen.

Gedreht wurde in Deutschland. Durch Zwischentitel deklariert, »spielt« Hamburg Istanbul und Berlin Ankara. Parallelen werden erzeugt, die Alsterfähre »spielt« etwa die Fähre zur Prinzeninsel. Und es wird, vergleiche Demobilder, munter gemischt und gemanscht. Beim Eintritt ins Gericht wirft Aziz einen bedeutungsschweren Blick zurück auf einen klar fokussierten Gedenkstein mit der Jahreszahl 1933. (Das Original steht vor dem Hamburger Oberlandesgericht.)

Auf die Gefahr hin, etwas verpasst zu haben, aber meines Erachtens ist nicht immer gleich »1933«. Aber ja, nichts ist wichtiger, als den neuen Faschismus zu erkennen, zu benennen und zu bekämpfen. Diese implizit vom Film transportierte Grundidee trägt, bei all dessen politischer Unbedarft- und Unbestimmtheit, sicher manch geneigter Betrachter mit.

Am besten gefällt mir »Gelbe Briefe«, wenn »gespielt« wird: wenn an einer Demo hingebungsvoll der Dichter Nâzim Hikmet deklamiert wird, wenn Mutter und Tochter im Bett herumalbern, wenn Schauspielerinnen rauchend auf der Feuertreppe Liebesdialoge schmachten. Die »Off-Szenen« stehlen dem Plot allemal die Show.

»Gelbe Briefe«, Regie: İlker Çatak, Deutschland/Frankreich/Türkei 2025, 128 Min., Kinostart: heute

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