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Aus: Ausgabe vom 04.04.2026, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Lange vorbereitet

Lenin 1916: Jeder Krieg ist die Fortsetzung einer bestimmten Politik – einer reaktionären oder revolutionären
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September 1916 in Frankreich: Ein Soldat ruht sich auf 18-Pfund-Granaten in der Nähe von Albert aus

Vom marxistischen Standpunkt aus muss man den politischen Inhalt eines Krieges in jedem einzelnen Fall und für jeden Krieg besonders bestimmen. Wie bestimmt man aber den politischen Inhalt eines Krieges?

Jeder Krieg ist nur die Fortsetzung einer Politik. Was war das für eine Politik, deren Fortsetzung der gegenwärtige Krieg ist? Ist dieser Krieg die Fortsetzung der Politik des Proletariats, das zwischen 1871 und 1914 der einzige Vertreter des Sozialismus und der Demokratie in Frankreich, in England und in Deutschland war? Oder ist er nicht vielmehr die Fortsetzung der imperialistischen Politik, der Politik des Kolonialraubs und der Unterdrückung schwacher Völker durch eine reaktionäre, dem Untergang entgegengehende und sterbende Bourgeoisie?
Es genügt, die Frage zu präzisieren und sie richtig zu stellen, um eine völlig klare Antwort zu erhalten: Der gegenwärtige Krieg ist ein imperialistischer Krieg, ein Krieg von Sklavenhaltern, die wegen ihres Arbeitsviehs in Streit geraten sind und die Sklaverei festigen und verewigen wollen. (…)

Es ist nicht wahr, dass Frankreich in diesem Krieg von 1914 bis 1917 um Freiheit, nationale Unabhängigkeit, Demokratie usw. kämpft. Es kämpft darum, dass es seine Kolonien behält, darum, dass England die Kolonien behält, auf die Deutschland – natürlich vom Standpunkt des bürgerlichen Rechts – viel mehr Rechte hätte. (…) Den Krieg führt das bürgerliche Frankreich, das reaktionäre Frankreich, der Bundesgenosse und Freund des Zarismus (…).

Sagen Sie nicht, es sei schwer, revolutionäre Kriege von reaktionären zu unterscheiden. Wollen Sie außer dem wissenschaftlichen Kriterium, das ich schon genannt habe, auch ein rein praktisches, ein jedermann verständliches Kriterium?

Hier ist es: Jeder einigermaßen bedeutende Krieg wird von langer Hand vorbereitet. Wenn ein revolutionärer Krieg vorbereitet wird, dann fürchten sich die Demokraten und Sozialisten nicht, im voraus zu erklären, dass sie in einem solchen Krieg für die »Verteidigung des Vaterlands« sind. Wenn jedoch ein reaktionärer Krieg vorbereitet wird, entschließt sich kein einziger Sozialist, im voraus, d. h. vor der Kriegserklärung, zu sagen, er sei für die »Vaterlandsverteidigung« in einem solchen Krieg.

Marx und Engels fürchteten sich nicht, in den Jahren 1848 und 1859 das deutsche Volk zum Krieg gegen Russland aufzurufen. Aber 1912, in Basel, wagten es die Sozialisten nicht, von der »Vaterlandsverteidigung« in dem Krieg zu sprechen, den sie schon damals kommen sahen und der auch tatsächlich im Jahre 1914 kam.

Unsere Partei fürchtet sich nicht, öffentlich zu erklären, dass sie einen Krieg oder einen Aufstand begrüßen würde, den Irland gegen England, Marokko, Algerien oder Tunis gegen Frankreich, Tripolis gegen Italien, die Ukraine, Persien oder China gegen Russland usw. beginnen könnten.

Und die Sozialchauvinisten? Und die »Zentristen«? Wagen sie es, offen und offiziell zu erklären, dass sie für die »Vaterlandsverteidigung« eintreten oder eintreten werden, wenn zum Beispiel zwischen Japan und den Vereinigten Staaten ein Krieg entbrennt, ein ausgesprochen imperialistischer Krieg, der viele Hunderte Millionen von Menschen bedroht und der seit Jahrzehnten vorbereitet wird? Sollen sie es versuchen! Ich gehe jede Wette ein, dass sie das nicht tun werden, denn sie sind sich nur zu gut darüber im klaren, dass sie, wenn sie sich dazu entschlössen, zum Gespött der Arbeitermassen würden, dass sie von ihnen ausgepfiffen und aus den sozialistischen Parteien verjagt würden. Aus diesem Grund werden die Sozialchauvinisten und die »Zentristen« jede eindeutige Erklärung zu dieser Frage vermeiden und sich weiterhin drehen und wenden, lügen, die Frage verwirren und sich hinter Sophismen verstecken, ähnlich jenem Sophismus, der vom letzten Kongress der französischen Partei im Jahre 1915 angenommen wurde: »Das angegriffene Land hat das Recht, sich zu verteidigen.«

Als ob das Wesen der Sache darin bestünde, wer zuerst angegriffen hat, und nicht darin, welches die Ursachen des Krieges sind, welche Ziele er hat und welche »Klassen« ihn führen! Hätten zum Beispiel 1796 mit gesundem Menschenverstand begabte Sozialisten England das Recht auf »Vaterlandsverteidigung« zusprechen können, wenn sich die revolutionären französischen Truppen mit den Iren verbrüdert hätten? (…) Und könnte man morgen Russland und England das Recht auf »Vaterlandsverteidigung« zuerkennen, wenn sie, nachdem Deutschland ihnen eine Lehre erteilt hat, von Persien im Bunde mit Indien, China und anderen revolutionären Nationen Asiens, die ihr 1789 und ihr 1793 durchmachen, angegriffen werden?

Lenin: Offener Brief an Boris Souvarine. Geschrieben in der zweiten Dezemberhälfte 1916, zuerst veröffentlicht in: La Verité, Nr. 48, 27. Januar 1918. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, Band 23. Dietz-Verlag, Berlin 1960, Seiten 200–203

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