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Aus: Ausgabe vom 28.03.2026, Seite 3 / Inland
Zellentod in Würzburg

Warum sind für Sie zum Tod von Sam S. Fragen offen?

Bayern: Behörden erklären Zellentod von Geflüchtetem voreilig zum Suizid, kritisiert Eva Greber
Interview: Hendrik Pachinger
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Luftaufnahme der JVA Würzburg

Ein afghanischer Geflüchteter namens Sam S. hat die Inhaftierung in der Justizvollzugsanstalt in Würzburg nicht überlebt. Zu Beginn des Monats wurde er leblos in seiner Zelle entdeckt. Was ist passiert?

Sam S. saß seit dem 23. Februar in Untersuchungshaft und wurde am 2. März, genau eine Woche später, tot in der JVA aufgefunden. Die Umstände seines Todes sind noch nicht geklärt, das Todesermittlungsverfahren läuft noch. Polizei und Staatsanwaltschaft sprechen von Suizid, dabei wurden bei Einlieferung von Sam in die JVA keine Hinweise auf Eigengefährdung festgestellt. Auch zwei ärztliche Einschätzungen während der Untersuchungshaft, unter anderem vom Anstaltspsychiater, hatten keine Suizidgefahr attestiert.

Wieso wurde Sam S. überhaupt in der JVA untergebracht?

Sam wurde wegen eines Angriffs am Würzburger Hauptbahnhof verhaftet und am gleichen Tag in Untersuchungshaft genommen. Unabhängig davon, ob eine Inhaftierung berechtigt ist oder nicht, ist ein solcher Freiheitsentzug ein schwerer Grundrechtseingriff. Das geht mit einer besonderen Obhuts- und Fürsorgepflicht einher. Sam litt unter Epilepsie, wurde bereits am Kopf operiert und war seit seiner Ankunft in Deutschland außerdem mehrfach in psychiatrischer Behandlung. Es ist nicht nachvollziehbar, warum eine Person, die bekanntermaßen mehrfach psychiatrisch auffällig war, nicht in einer Klinik untergebracht wird, in der das Personal über ein viel umfangreicheres Wissen im Hinblick auf Suizidgefahr verfügt.

Die Staatsanwaltschaft und Polizei sprachen direkt von Suizid, obwohl die Ermittlungen noch andauern. Für Sie sind aber noch Fragen offen.

Ja, schon in den ersten Presseartikeln an Sams Todestag wurde von den Behörden Suizid als Todesursache in den Raum gestellt. Dabei sind bis heute weder der Obduktionsbericht fertiggestellt noch das Todesermittlungsverfahren abgeschlossen. Wir fragen uns, wie es sein kann, dass schon vor drei Wochen Informationen zu Sams Todesursache als Fakt verbreitet wurden.

Es ist nicht das erste Mal, dass es in Unterfranken zu Todesfällen im Gefängnis kommt. Im benachbarten Schweinfurt starb Rooble ­Warsame 2019 in einer Polizeizelle. 2021 ein 36jähriger Obdachloser – ebenfalls in Würzburger Polizeigewahrsam. Gibt es ein strukturelles Problem, und wird sauber ermittelt?

Staatliche Gewaltakteure haben in einer geschlossenen Einrichtung die Deutungsmacht über das, was passiert. Ermittlungen werden nicht von unabhängigen Behörden geführt, sondern von eigenen Kollegen. Die Dokumentation der Kampagne »Death in ­Custody«, die Todesfälle in Gewahrsam in Deutschland aufzeigt, lässt nur erahnen, wie groß das Problem wirklich ist. Im Fall von Sam wurden die Angehörigen von Anfang an nicht über Geschehnisse informiert. Weder über Sams Verhaftung, noch über seinen Tod, noch über die Obduktion seines Leichnams. Wie gerade von wem ermittelt wird, lässt sich also nur schwer sagen. Von einer unabhängigen und lückenlosen Aufklärung ist angesichts dessen leider nicht auszugehen.

Sie kritisieren außerdem den Umgang mit den Angehörigen durch die Behörden.

Uns fehlt jegliches Verständnis dafür, dass Familie und Angehörige durch uns erstmals von Sams Tod erfahren haben. Sie haben erst eine Woche nach Sams Tod die offizielle Bestätigung der Behörden bekommen – und das auch nur deshalb, weil sie selbst die Polizei in Würzburg aufgesucht haben, um dort mehr Informationen zu erhalten. Dort wurde ihre Bitte, den Obduktionsbericht einzusehen, mehrfach abgelehnt, und sie wurden dazu aufgefordert, sich mit mündlichen Aussagen zufriedenzugeben.

Wie geht es jetzt weiter?

Wir werden uns weiter dafür einsetzen, dass der Fall lückenlos aufgeklärt wird. Das sind die verantwortlichen Behörden den Angehörigen von Sam schuldig. Außerdem benötigen sie finanzielle Unterstützung, da auf ihren Wunsch hin Sams Leichnam nach Afghanistan überstellt wurde, um im Kreise seiner Familie beerdigt werden zu können. Die hohen Kosten dafür müssen vollständig von ihnen getragen werden. Deshalb gibt es auf der Plattform betterplace.org eine Sammelaktion. Wir hoffen, dass sich viele Menschen solidarisch zeigen und dazu beitragen, dass die Familie in Frieden trauern kann.

Eva Greber engagiert sich in der Initiative »Aufklärung für Sam S.«

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