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26.03.20265 Leserbriefe
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Am Ziel vorbei
Regierung stellt Klimaschutzprogramm vor
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) ist sich ganz sicher, dass er mit seinem nun vorgelegten und vom Kabinett abgesegneten Klimaschutzplan die gesetzlichen Ziele bis 2030 erreichen wird. Auf höchstens 35 Prozent des Niveaus von 1990 sollen die CO2-Emissionen bis dahin sinken. Derzeit bewegen sie sich noch bei 52 Prozent. Der vom Klimaschutzgesetz vorgesehene unabhängige Expertenrat ist weniger optimistisch. Er sieht mit den jetzt vorgeschlagenen Maßnahmen ein knappes Verfehlen der gesetzlichen Ziele und sogar Anhaltspunkte dafür, dass deren von der Bundesregierung veranschlagten Effekte deutlich überschätzt werden. Die Ziele würden also nicht nur knapp, sondern krachend verfehlt. Von den jährlichen Minderungszielen ist schon gar nicht mehr die Rede, die die Sektoren Verkehr und Gebäude Jahr für Jahr verfehlen.
Und dennoch sieht Schneiders Plan für diese beiden Bereiche kaum Maßnahmen vor. Nicht einmal so einfache wie ein Tempolimit oder ein attraktiveres Deutschlandticket, die sozusagen kostenlos zu haben wären. Beim Ticket könnte ein niedrigerer Preis sogar zu Mehreinnahmen führen, weil damit mehr Käufer geworben würden. Ansonsten soll der Treibhausgasausstoß vor allem durch die verstärkte Elektrifizierung der Industrie und Maßnahmen in der Energiewirtschaft vermindert werden. Prominentester Vorschlag: Die Ausschreibungsmenge für Windkraftprojekte soll in den nächsten Jahren um zwölf Gigawatt erhöht werden, wie der Bundesumweltminister verkündete. Dabei vergaß er jedoch zu erwähnen, dass dies vom Klimagesetz ohnehin vorgeschrieben ist, aber seine Kabinettskollegin Katherina Reiche (CDU, ehemals Eon) daran arbeitet, den Ausbau zu sabotieren. Neue Windkraft- und Solaranlagen, so wird in ihrem Ministerium derzeit diskutiert, sollen sich künftig nach dem Stand des Netzausbaus richten, statt wie bisher die Netzbetreiber zu verpflichten, die Netze an den Ausbau der erneuerbaren Energieträger anzupassen. Nach einer am Mittwoch vorgestellten Kurzstudie des Beratungsunternehmens Enervis könnten geplante Projekte mit einer Leistung von über 30 Gigawatt und 45 Milliarden Euro Investitionsvolumen gefährdet werden. 30 Gigawatt entsprechen etwa 25 bis 40 Großkraftwerken.
Fazit: Der Effekt des neuen Klimaplans ist mehr als fraglich, und in vielen Punkten, wie bei den LNG-Terminals und den Kraftwerken, aber auch bei den drohenden Angriffen auf Wind- und Solarenergie, wird es in Zukunft mehr gesellschaftlichen Druck brauchen, um im Klimaschutz zumindest ein wenig voranzukommen. Denn eines sollte auch klar sein: Die vermutlich verfehlten gesetzlichen Ziele sind viel zu niedrig angesetzt, wenn es darum geht, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu beschränken, oder sie zumindest »deutlich unter zwei Grad Celsius« zu halten, wie in den internationalen Verträgen vereinbart worden ist.
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Onlineabonnent*in Olaf M. aus M. 26. März 2026 um 15:49 UhrEs wird gesellschaftlichen Druck brauchen, um dem Klimaschutz endgültig den Garaus zu machen! Wenn auch zaghaft gehen Reiches Bemühungen in die richtige Richtung: Die Kapitalisten müssen für ihre Solar- und Windkraftinvestitionen endlich selbst das unternehmerische Risiko tragen. Es kann nicht sein, dass wir alle dafür als Steuerzahler und Stromkunden aufkommen müssen, so wie es derzeit noch ist. Dem Geschäftsmodell der staatlich subventionierten Bereicherung des Großkapitals, das auf dem Märchen basiert, man könne durch eine Reduktion des CO₂‑Ausstoßes das Klima verbessern, muss endlich der Stecker gezogen werden. Wir brauchen einen vernünftigen Energiemix, der zuverlässig und bezahlbar ist. China macht es uns vor.
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Istvan Hidy aus Stuttgart 26. März 2026 um 10:57 UhrDas Ganze hat inzwischen etwas Absurdes. Ein Land mit rund einem Prozent der Weltbevölkerung versucht, sich mit immer neuen Vorschriften, Verboten und Verzichtsappellen zum moralischen Klimavorreiter zu stilisieren – während ringsum buchstäblich die Welt brennt. Kriege eskalieren, Raffinerien werden bombardiert, Tanker stehen in Flammen – und gleichzeitig läuft eine massive militärische Aufrüstung, die auch Deutschland im Rahmen der NATO aktiv mitträgt. Diese Hochrüstung verschlingt Ressourcen, Energie und Milliarden – und produziert Emissionen in einem Ausmaß, über das im Klimadiskurs auffällig geschwiegen wird. Hier liegt der eigentliche Skandal: Während Bürgern eingeredet wird, sie müssten sich immer weiter einschränken, wird an anderer Stelle ein energieintensiver militärischer Komplex ausgebaut, der all diese »Klimaanstrengungen« konterkariert. Das ist kein Randaspekt – das ist ein zentraler Widerspruch. Man kann nicht gleichzeitig von Klimanotstand sprechen und eine Politik unterstützen, die global auf Aufrüstung und Eskalation setzt. Das eine frisst das andere auf. Was hier betrieben wird, wirkt weniger wie ernsthafte Klimapolitik als wie eine Form politischer Selbstinszenierung: harte Eingriffe im Inland, symbolische Maßnahmen nach außen – und Schweigen bei den wirklich großen Emissionstreibern. Oder anders gesagt: Während Deutschland sich im Klein-Klein der Klimaregeln verliert, wird global mit ganz anderen Mitteln die Zukunft verheizt. Und genau darüber wird nicht ehrlich gesprochen.
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Reinhard Hopp aus Berlin 26. März 2026 um 17:29 UhrEine ausgezeichnete Analyse! Zu ergänzen wäre jedoch noch die tendenziöse und devote Rolle der Mainstreammedien. Statt umfassender Aufklärung – was ihre Verpflichtung gegenüber der Öffentlichkeit wäre (!) – unisono permanentes fraternalistisches Verschweigen zugunsten des bellizistischen Komplotts.
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Onlineabonnent*in Marianne L. aus S. 26. März 2026 um 07:55 UhrWarum wird im Rahmen des Klimaschutzes nicht über das Militär und die Vernichtung von Energieanlagen gesprochen? Allein die Sprengung von Nord-Stream 2 oder die brennenden Öl- und Gasfelder im Nahen Osten setzen global mehr Treibhausgase frei als wir lokal einsparen können. Auch deshalb sollte die US-Station Ramstein als wichtiger Brückenkopf für die US-Kriegsführung geschlossen werden. Das wäre ein bedeutsamer Beitrag zum Schutze menschlichen Lebens und zum Schutze der für das Leben wichtigen Ressourcen. Dr. Marianne Linke
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Onlineabonnent*in Heinrich H. aus S. 25. März 2026 um 20:06 UhrEin Tempolimit ist nicht einfach! Von der FDP wissen wir schon lange, dass es dafür an Verkehrsschildern mangelt. Gegen drohende Angriffe auf Wind- und Solarenergie gibt es doch das KRITIS-Dachgesetz. Also alles in Butter?
Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
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