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Aus: Ausgabe vom 21.03.2026, Seite 11 / Feuilleton
Göttinger Elch

Ein Universum

Die Gedanken sind freier: Zur Verleihung des »Göttinger Elchs« an das unendlich komische Zeichnerduo Rattelschneck
Von Stefan Gärtner
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Marcus Weimer und Olav Westphalen, die sich Rattelschneck nennen, erhalten den diesjährigen »Göttinger Elch«, diesen Preis für »ein Lebenswerk satirischer Provenienz und/oder eine satirische Mehrfachbegabung«, und bei der neuerlichen Lektüre des »Dicken Rattelschneck-Buchs« (Berlin 2001) kommt mir gleich »Im Linienbus« wieder unter. Zentrale Zeile des doppelseitigen Comics: »Nonne anal – ich hab mehr Glück als Verstand.«

Nun werden es sich Rattelschneck, die längst auch in feinen Bürgermedien veröffentlichen, verbitten, ihr so umfangreiches wie fabelhaftes, ja epochemachendes Werk auf eine jahrzehntealte Zeile reduziert zu sehen, deren blasphemischer Wert freilich mit der Information sinkt, dass es sich bei der Nonne bloß um den verkleideten Busfahrer handelt, der wiederum keiner ist, weil der Bus lediglich »eine Attrappe mit Trabi drunter« vorstellt. »Muss man sich mal vorstellen, kann sich keiner vorstellen«, würde Heinz Strunk in einem solchen Fall sagen; aber die Gedanken sind bekanntlich frei, und die Gedanken von Rattelschneck sind immer noch mal etwas freier.

Deshalb ist »Im Linienbus« so spezifisch wie »Pimmelnase«, ein Witz, den man bei Amazon als Postkarte kaufen kann (1,35 Euro zzgl. Versand), wie es ja auch seinen guten Sinn hat, dass sprechende, dick mit Margarine beschmierte und mit Fleischsalat belegte Klappbrote so eine Rattelschneck-Erfindung sind wie »Rümpfchen«, das Kind ohne Arme und Beine, dem bei der Freischwimmerprüfung 38 Sekunden fehlen. Die Frau des Bademeisters kommt Mitleid an: »Ich sticke dir ein Abzeichen! Noch heute abend in Heimarbeit!« Aufschrift: Landratte … Zugegeben, auch die Blätter um Rümpfchen sind schon etwas älter und passen womöglich nicht mehr in unsere umfänglich aufgeklärten, ambiguitätsskeptischen Zeiten, die gern vergessen wollen, dass Komik zumal darin besteht, zu sehen, wie weit man gehen kann; aber das geht an Rattelschneck auch vorbei.

Denn mag es zu leicht dahingesagt sein, dieser Künstler oder jene Künstlerin erschüfen »ein eigenes Universum«, hier ist es wahr, und der füglich der Caricature brute zugerechnete Frei- und Krakelstil, den so viele Jüngere zu kopieren versucht haben, von dem aber beim Kopieren immer nur Gekrakel bleibt – dieser Stil also, der früher froh nach Kugelschreiber aussah und heute eine Gepflegtheit erreicht hat, die das ganz grobe Signal nicht mehr braucht, ist natürlich als solcher schon eine Absage an realistische, gar idealistische Kunstauffassung, falls es nicht im Gegenteil der reine, von den Füßen wieder auf den Kopf gestellte Realismus ist, einen Witz so unmittelbar niederzulegen, wie er einem durch die Birne rauscht. Zumal dann, wenn man Rattelschneck ist und ja sogar aus zwei Birnen besteht.

In der Poesie gilt »Gelegenheitslyrik« als minderklassig, wobei selbst Goethe darauf bestand: »Alle meine Gedichte sind Gelegenheitsgedichte, sie sind durch die Wirklichkeit angeregt und haben darin Grund und Boden. Von Gedichten, aus der Luft gegriffen, halte ich nichts.« Bei Rattelschneck ist freilich nicht zu sagen, wo der Boden aufhört und die Luft anfängt, was nicht mit simpler Ironie verwechselt werden muss und wieder zur Metapher vom Universum zurückführt, dem ja bereits die Scheidung von oben und unten nicht einleuchtet. »Rattelschneck ist Gott«, wird Walter Moers zitiert, und soll man Gott vorwerfen, dass er sich auch so benimmt? Entstellt zur Kenntlichkeit, wie es klassische Satiredefinition will, wird da selbstredend nichts, denn woran sollte sich diese Entstellung messen; und auch der hinter seinem Zeit-Schreibtisch sitzende Helmut Schmidt, der bei Rattelschneck so anders, so ganz anders aussieht als gewohnt, ist bloß der Helmut Schmidt, der den Redakteur anweist, einen Nachfolger für den verstorbenen Luis Murschetz zu finden: »Aber einen, der Politiker so zeichnet, dass man sie wiedererkennt!«

Am freisten, überraschendsten, das Kryptische sorgsam streifend, sind da die Bildgeschichten, die, meist über zwei Seiten, Raum schaffen für einen lustigen Bewusstseinsstrom, der jede Assoziation ernst nimmt und es auch kann, weil Eigengesetzlichkeit so selbstverständlich Trumpf ist. In einer solchen Geschichte ist die Welt immer das, was der Fall sein kann, ohne Umschweife, Übergänge und Verbindlichkeiten, und wer mag, kann etwa die Handlungswendungen und Assoziationssprünge in den dreizehn Bildern von »Nach Monaten« (Titanic 3/2025) zählen, wo es von »Je suis Charlie« über den Proust-Fragebogen hin zu einer Urnenbestattung im »sehr günstigen« Whirlpool geht. Denn zwar schließt jeder ordentliche Witz mit einer Pointe (und falls er in ihrer Verweigerung besteht, ist auch das eine), aber das ist nicht das Ende der Welt, schon gar nicht dieser, die schon darum kein Witz ist, weil sie aus immer noch mehr Witzen besteht.

Dabei – oder darum – haben Rattelschneck-Pointen oft etwas Loses, Lapidares, Hingesagtes: »Wie war die Mittagspause? – Hab im Maredo-Steakhaus stundenlang ne Blondine am Nebentisch angestarrt.« Ist das ein Witz? Ist das keiner? Welche Mittagspause dauert Stunden? (Was macht die Frau vom Bademeister im Schwimmbad?) Und ist das Blatt nun so akkurat koloriert, um den Witz zu behaupten oder zu entkräften? Verstünde man mehr von Quantenphysik, müsste man nicht nur ahnen, was es heißt, wenn sich die bipolare Vernunftordnung auflöst; aber Rattelschneck beweisen, dass es sehr unterhaltsam sein wird.

Der Appeal des Vorläufigen, Augenblicklichen kann die Pointe auch ins Kippfigürliche öffnen: »Nichts gegen arabische Musik an sich«, bellt der Tourist vom Kamel herab dem autochthonen Musikanten vor seinem Zelt zu, »aber es gibt gute und es gibt schlechte arabische Musik.« Für wessen Ohr arabische Musik immer gleich klingt, der wird die Erkenntnis zwar nach seiner Fasson lesen; doch dahinter spannt der Satz etwas auf, das so weit und rätselhaft ist, wie es unserer Betrachtung zupass kommt. Schlechte Rattelschneck-Witze kann es allerdings nicht geben, sowenig wie ein Universum unter seinen Möglichkeiten bleiben kann. Es ist das Universum; Punkt. Und falls man Universen gratulieren kann, tun wir es gern.

Stefan Gärtner betreibt mit Marcus Weimer (von Rattelschneck) z. Z. die komisch illustrierte jW-Gedichtserie »Mit Rainer Maria Rilke durchs Jahr« und hat soeben den Roman »Hotel Drei Jahreszeiten« (Literaturverlag Droschl) veröffentlicht.

Die Verleihung des 28. Göttinger Elchpreises findet am Sonntag, 22. März 2026, um 11 Uhr im Deutschen Theater Göttingen statt. Vom 22. März bis zum 17. Mai 2026 wird im Göttinger Alten Rathaus die Ausstellung »Wurmkur für alle! 40 Jahre Comics + Cartoons« von Rattelschneck gezeigt

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