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Ein Bolschewik

Heute wird in Paris der Journalist und Schriftsteller Henri Alleg beerdigt, der am 17. Juli, kurz vor seinem 92. Geburtstag an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben war. Er wurde 1958 durch sein Buch »La Question« berühmt, in dem er die am eigenen Leib erfahrenen Folterpraktiken der französischen Kolonialbehörde im algerischen Unabhängigkeitskampf beschrieb. Trotz Verbots fand es in Frankreich damals weite Verbreitung und trug wesentlich dazu bei, die öffentliche Meinung gegen den Kolonialkrieg Frankreichs zu mobilisieren.

Der am 20.7.1921 in London als Sohn polnisch-russischer Juden geborene Alleg, der eigentlich Harry Salem hieß, zog mit seinen Eltern nach Paris und ging im Alter von 18 Jahren nach Algerien, wo er sich der Kommunistischen Partei anschloß und 1951 Herausgeber der antifranzösischen Tageszeitung Alger républicain wurde. Als die 1955 von den Franzosen verboten wurde, ging Alleg in die Illegalität, 1957 wurde er verhaftet, systematisch gefoltert und in der Bretagne inhaftiert,von wo er 1961 fliehen konnte und sich in die Tschechoslowakei absetze.
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Nach der algerischen Unabhängigkeit 1962 kam es zu Differenzen zischen der algerischen KP und der Unabhägigkeitsbewegung FNL, in deren Folge der Alger républicain abermals verboten wurde, 1965 mußte Alleg das Land verlassen. Er ging nach Frankreich, arbeitete für L’Humanité, wurde kein modischer Eurokommunist und auch kein Freund des Regierungseintritts der KPF 1981 unter Mitterrand, rückblickend der Beginn der politischen Erosion der Partei. Der portugiesische Schriftsteller und Journalist Miguel Urbano Rodrigues schrieb in seinem Nachruf auf Alleg: »Einmal sagte ich ihm, daß er in mir das Bild eines Bolschewiken von 1917 hervorruft.«

(jW)
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Erschienen in der Ausgabe vom 29.07.2013, Seite 12, Feuilleton

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