Zum Inhalt der Seite

Bewegung in Endlager-Debatte

Auch in die festgefahrene Endlagerdebatte kommt Bewegung. Der Karlsruher Geoforscher Frank Schilling plädiert für einen Abschied vom bisherigen Konzept, wonach der Atommüll für 100000 oder sogar eine Million Jahre sicher unter der Erde gelagert werden soll. Er wirbt statt dessen für eine Lagerung auf Zeit.

Schilling verweist darauf, daß ein Dauerendlager in Salz-, Granit- oder Tonformationen erst in 40 oder 50 Jahren zur Verfügung steht. Bis dahin bleibe der hochradioaktive Müll in oberirdischen Hallen. »Lieber rasch ein sicheres Endlager auf Zeit, etwa für 500 Jahre, als bis auf weiteres eine unsichere überirdische Zwischenlagerung«, sagt der Experte.

Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander griff die Idee am Mittwoch auf und erweiterte sie um eine Variante. Es müsse auch erörtert werden, ob eine oberirdische Lagerung der Abfälle für 100 bis 150 Jahre in Betracht käme, sagte der FDP-Politiker und Atomfreund. Eine solche Aufbewahrung böte die Chance, den Abfall bei einem späteren wissenschaftlichen Fortschritt in einigen Jahrzehnten womöglich als Energieträger zu nutzen.


Das sei kein Beitrag zur Atommüllentsorgung, erklärt dagegen die Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. Damit würde der Status quo des Atommülldilemmas nur fortgeschrieben. Sander plädiere letztlich dafür, die Entsorgung der radioaktiven Abfälle auf die lange Bank zu schieben. »Absurd ist die Vorstellung, den heißen Müll oberirdisch zu lagern und auch noch als Wärmequelle zu nutzen«, sagte BI-Sprecher Wolfgang Ehmke. Auf der Tagungsordnung stehe statt dessen ein Neustart der Endlagersuche ohne Gorleben.

Die Grünen im niedersächsischen Landtag nannten Sander einen »proatompolitischen Wirrkopf«. »Bei Sander geht alles durcheinander: Endlager Gorleben, oberirdische Lagerung, Sicherheitsstandards – ja, nein, vielleicht«, sagte Fraktionschef Stefan Wenzel. Jetzt erkläre er den radioaktiven Müll auch noch zum möglichen Energieträger der Zukunft. Sander sei »auf dem besten Weg, die Option auf eine bundesweite Endlagersuche erneut zu verhindern«
junge Welt

Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Erschienen in der Ausgabe vom 12.05.2011, Seite 3, Schwerpunkt

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!