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Sprechen, Schreiben, Schweigen

Es muß eine düstere Vorahnung gewesen sein, unter der Kurt Tucholsky den bekannten Eintrag in sein Notizbuch vornahm. Eine symbolische Treppe zeichnete er, mit den drei Stufen: Sprechen – Schreiben – Schweigen. Am 21. Dezember ist es 75 Jahre her, dass der Journalist und Zeitkritiker im Alter von 45 Jahren im schwedischen Göteborg für immer verstummte. Genau diese Treppe ist auch auf einer Gedenktafel abgebildet, die die deutsche Botschaft in Stockholm am Dienstag an Tucholskys Grab im schwedischen Mariefred anbringen wird. Damit will die Botschaft, die auch für die Grabpflege aufkommt, die Erinnerung an den berühmten Exilanten wachhalten – an den »Publizisten, Schriftsteller, Friedenskämpfer«, wie es auf der Tafel weiter heißt.

Tucholsky lebte mehrere Jahre in Schweden im Exil und verewigte das trutzige Schloß Gripsholm bei Mariefred in seiner gleichnamigen Erzählung. Dennoch ist die Erinnerung an den Schriftsteller bei den Skandinaviern alles andere als präsent. Seit dem Wegfall des Urheberrechts vor fünf Jahren sind in Deutschland mehr als 60 Neuausgaben seiner Werke erschienen, dazu fast 30 Hörbücher und Vertonungen. Gleich zwei Verlage wollen dem Leser gar ein »Weihnachten mit Tucholsky« verkaufen. Doch ein schwedischer Leser, der sich für Tucholsky interessiert, findet nicht einmal mehr eine Übersetzung von »Schloß Gripsholm« – vergriffen.
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Dabei ist Tucholskys Name einmal im Jahr, am Tag des inhaftierten Schriftstellers am 15. November, in den schwedischen Medien präsent. Dann verleiht die dortige Sektion des Schriftstellerverbandes PEN ein mit 15000 Euro dotiertes Tucholsky-Stipendium an einen Journalisten, der aus politischen Gründen im Exil leben muß. Auch Tucholsky stand am Ende seines Lebens völlig ohne finanzielle Mittel da und war auf fremde Unterstützung angewiesen. Seit 1930 wohnte er in einer Villa in Hindas bei Göteborg. Zu dieser Zeit hatte er aufgehört, im sich faschisierenden Deutschland Texte zu veröffentlichen, denn »gegen einen Ozean pfeift man nicht an.« Er wollte »mit diesem Land, dessen Sprache ich so wenig wie möglich spreche, nichts mehr zu schaffen« haben. 1933 war er einer der ersten, den die Nazis ausbürgerten. 1935 starb er an einer Überdosis Schlafmittel. Ob er diese freiwillig oder unabsichtlich einnahm, ist bis heute nicht geklärt. »Das Andenken an Kurt Tucholsky und seine besondere Beziehung zu Schweden, wie auch die Pflege des Grabes, liegen der Deutschen Botschaft sehr am Herzen« sagt der deutsche Botschafter in Stockholm, Joachim Rücker.

(dapd/jW)
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Erschienen in der Ausgabe vom 20.12.2010, Seite 12, Feuilleton

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