75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Sa. / So., 6. / 7. August 2022, Nr. 181
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
13.10.2021 16:05 Uhr

Alle Macht den Hits

Politische Kunst ist immer ein Trotzdem: Chumbawamba funktionieren nach dem Party-Wunschprinzip und spielen auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz
Von Christof Meueler

Chumbawamba spielen mit Violine, und es macht nichts. Das ist weder klebrig noch kitschig, sondern einleuchtend. Chumbawamba sind eben eine revolutionäre Band. Stellen Sie sich mal vor, es gäbe einen starken militanten linken Flügel in der SPD, bei den Grünen wären Ebermann, Trampert und Ditfurth immer noch bestimmend, die DKP wäre superhip und die FAU zusammen mit den nicht untergegangenen Autonomen eine mächtige Massenbewegung – dann hätten Sie einen ungefähren Eindruck, wie diese Acht-Personen-Band politisch-ästhetisch funktioniert. Nämlich nach dem Wunschprinzip der marginalisierten Mix-Cassette. Da wird viel draufgepackt, miteinander abgestimmt und sehr auf Kontexte und Wirkweisen geachtet. Es gilt das legendäre Theorem von Diedrich Diederichsen zur Erklärung von Pop: »Aus dem Zusammenhang reißen, in den Zusammenhang schmeißen«.

Party for your right to fight

Und Chumbawamba aus Leeds, Nordengland, machen seit 20 Jahren politischen Pop, der sich sogar verkauft. Das gibt es ganz selten. Anders als beispielsweise The (International) Noise Conspiracy sind sie nicht von Gram zerfurcht, daß sie überhaupt existieren, sondern gelassen und tendenziell auf Party. Sie haben musikalisch besseres zu tun, als für den reinen Rock zu kämpfen, vor allem können sie es auch. Textlich wie musikalisch wirken sie bewußtseinserweiternd. Ihre Platten sind vollgestopft mit Zitaten, Anspielungen und Erklärungen in Form wie Inhalt. Um es mit Public Enemy statt mit den Beastie Boys zu sagen: »Party for your right to fight«. Sie interessieren sich gleichermaßen für Molotow-Cocktails, Linux, bolivianische Lesbengruppen wie für Elvis. Nach dogmatisch-klassischem Motto: »Stop complaining about the media. Become the media.« Chumbawamba sagen von sich, daß sie nach wie vor als Kollektiv alle Entscheidungen gemeinsam treffen, auch wenn sie nicht mehr zusammen in einem besetzten Haus wohnen.

Man könnte auch Godardfilm dazu sagen, vorzugsweise einer aus dessen maoistischer Periode Ende der 60er Jahre. Wie zum Beispiel »1 + 1«: Die Rolling Stones 1968 beobachten, wie sie im Studio gerade »Sympathy for the Devil« aufnehmen und dazwischen Szenen schneiden, in denen Schwarze sich auf einem Autoschrottplatz gegenseitig Gewehre zuwerfen und dabei beispielsweise Eldridge Cleaver zitieren. Godard hat etwas später für längere Zeit mit den richtigen Filmen aufgehört und auf Video-Arbeit gesetzt.

Im Hitformat

Chumbawamba haben dagegen nie aufgehört, im Hitformat weiterzumachen. Den ganzen Everybody-dance-Bewegungen in den 90ern zum Trotz. Doch selbstverständlich kann man die bei ihnen merken und getanzt wird sowieso. In den Achtzigern munterten sie Punk (plus Folk) auf, in den Neunzigern kreisten sie um House (plus Folk), in den Nullerjahren zeigen sie, daß Weltmusik (plus Folk) nicht dumm machen muß – zu hören auf dem ausgezeichneten jüngsten Album »Un«, das fast parallel mit den in aller Strenge ruhig-reduzierten »English Rebel Songs 1381-1984« erschien. Untertitel: »In the name of all the poor oppressed in the land of ENGLAND«. Chumbawamba spielen hier sozusagen unplugged oder auch akustisch, wie sie es auch für das Konzert der Rosa-Luxemburg-Konferenz versprochen haben. Die »Rebel Songs« enthalten untergegangene Lieder der Diggers, der Chartisten wie auch der Miners, die bekanntlich als letzte selbstbewußte Kraft der britischen Arbeiterklasse vom Thatcher-Regime 1984 eingemacht wurden. »Politische Kunst ist immer ein Trotzdem«, erzählte Sänger Dunstan Bruce Martin Büsser im jW-Gespräch 2002 (siehe unten). Auf dem Innencover von »Un« wird John Lennon von 1966 zitiert: »No, no, no; you’re wrong«. Sollten alle Linke dreimal am Tag vor sich hin sagen, sonst glauben sie’s morgen schon selber nicht mehr. Das ist ja die große Gefahr: die Idee, weil man angeblich nichts machen könnte, gleich gar nichts mehr zu machen. Und bloß auch nicht daran denken. Chumbawamba wurden einmal von der Musikindustrie diverse Beatles-Samples (die sie selber einsangen) verboten. Die Platte kam unter dem Titel »Jesus H Christ« trotzdem als Bootleg auf den Markt – mit der Labelbezeichnung »Tragic Flop 001«. In einem ihrer schönsten Lieder (über Ulrike Meinhof) hatten sie die Dinge 1990 grundsätzlich klargestellt: »don’t thing I walked into banks to stand in the qeue / don’t thing I pressed up to plexiglass just to talk to you / don’t wait for me to say I’m sorry – I won’t / who wants to be a green MP? – I don’t«.

Als die Nicht-MPs (Members of Parliament) Chumbawamba 1997 ihren großen Hit »Tubthumping« landeten, waren sie überall in den Radios, wußten aber im Gegensatz zu The Clash, daß die Revolution nicht mit einem eigenen Nummer-Eins-Hit gestartet wird. Statt dessen haben sie lange gut davon leben können. Wer will das nicht außer den »linken Spießern« (Slime), die das verräterisch finden? »Tubthumping« schaffte es bis in den Soundtrack eines Fußball-Computerspiels von Nintendo. Wer weiß, wie man besseren Fußball spielt, der kann sich auch vorstellen, daß ein berühmter Slogan von Chumbawamba in direkte Aktion umwandelbar ist: »Enough is enough!«


Chumbawamba über Musik als Emotion und Erinnerung
(Dunstan Bruce im jW-Interview vom 28. September 2002)

Im Musikgeschäft sitzen noch immer überall bornierte Juristen, die keine Ahnung davon haben, daß Samples durchaus kreativ und künstlerisch verwendet werden können. Wenn wir fremde Stücke über Samples zitieren, stehlen wir ja nichts, sondern leisten im Gegenteil Erinnerungsarbeit, die dem zitierten Künstler zugute kommt. Die Situation ist allemal pervers: Wir leben in einer Zeit, in der das künstlerisch Neue an sich ja gar nicht mehr möglich ist. Im Grunde könnte man also jeden Musiker permanent dafür verklagen, daß er dieses Gitarrenriff oder jene Baßlinie verwendet hat. Es fehlt nur noch, daß im Zuge der Privatisierung nicht nur Firmennamen, sondern auch gängige Worte geschützt werden. Stell dir vor, jemand käme auf die Idee, das Wort »und« zu schützen und im nachhinein alle Autoren zu verklagen, die es weiterhin benutzen. So ähnlich ist die Situation mit Samples auf dem Musikmarkt.(...)

Wenn unsere Musik und unsere Texte zu klar und eindeutig sind, bekommen wir den Vorwurf, platt zu sein. Wenn es zu komplex wird, heißt es am Ende, daß die Botschaft ihre politische Wirkung verfehlt. (...) Schön wäre, wenn beides funktionieren würde – der Spaß an der Musik und ein Nachdenken über all die Zitate. Das kann man natürlich nicht verlangen, nur erhoffen. Musik funktioniert eben sehr emotional. (...)

Politische Kunst ist immer ein Trotzdem. Wir machen trotzdem weiter! Ernüchternd ist allerdings, daß die Menschen so unflexibel geworden sind, so satt. Nicht mal der 11. September hat irgendeine Veränderung gebracht. Alle haben kurz nach den Anschlägen getönt, daß nichts mehr so wie früher sei. Aber hat sich etwas geändert? Im Umgang mit dem Kapitalismus? Mit den armen Ländern? Oder auch nur im Umgang miteinander? Nichts. Die Lernfähigkeit, der bewußte Umgang mit der Geschichte, ist den Menschen abhanden gekommen. (...) Wer kann denn heute noch davon ausgehen, daß die Menschen Brecht oder Baader-Meinhof kennen?

Abonnieren Sie den Konferenz-Newsletter