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07.01.2024 19:30 Uhr

»Es gibt Dinge, die gesagt werden müssen«

Über die Rosa-Luxemburg-Konferenz, Nostalgie und Grenzen des Sagbaren. Ein Gespräch mit dem Komponisten Daniel Osorio
Von Carmela Negrete
»Ein Traum wird wahr« – Daniel Osorio (links)

In welches Genre passt Ihre Musik? Konzeptuelle Musik?

In Deutschland nennen sie es Neue Musik oder Avantgarde-Musik, aber das, worum es mir geht, oder woran wir in den kreativen Kollektiven arbeiten, an denen ich teilhabe, ist eine Musik, die nicht nur Kunst um der Kunst willen ist, sondern einen sozialen oder politischen Inhalt hat. Andernfalls hat es keinen Sinn. In den letzten drei bis vier Jahren, besonders während der Pandemie, haben wir die Idee entwickelt, die »Cronopien« zu gründen, ein Ensemble für Neue Musik, Avantgarde. Dabei haben wir versucht, einen Dialog mit Musikern zu führen, die nicht europäisch sind. Denn das ist das große Problem der europäischen Avantgarden, dass alles um Europa kreist. Es ist schrecklich, weil die akademische Musik alles ausblendet, was im Rest der Welt passiert. So habe ich Syrer und Musiker aus der Mongolei kennengelernt. Und so versuchen wir, eine neue Musik zu schaffen, aber immer mit Blick auf die Menschen.

An der Akademie ist alles sehr schön – das, wovon man träumt, wenn man aus einem Land der »dritten Welt« kommt. Man möchte Europa kennenlernen und die große akademische Welt der Avantgarde-Musik. Am Ende merkt man jedoch, dass viele Dinge auf der Strecke geblieben sind und weiterhin schreckliche soziale Probleme existieren, zu denen man nicht schweigen kann. In diesen Momenten entschied ich mich, dieses Projekt zu schaffen, das klar politisch-kulturell sein sollte. In dieser Reihenfolge sogar, also mehr politisch, denn zu dieser Zeit passierten auch viele Dinge in Chile. Dafür griffen wir die Tradition des chilenischen »Neuen Liedes« und des gesamten politischen Liedes Lateinamerikas der 70er Jahre auf. Ich bin in den 80ern damit aufgewachsen, mit dieser politischen musikalischen Tradition des Widerstands gegen Pinochet, die man nicht ausüben durfte. Mein Vater verbot mir streng, Quilapayún-Schallplatten zu besitzen oder diese Musik zu hören, weil er dachte, wenn ich sie lernen würde, wäre das für mich sehr gefährlich. Als unschuldiger Teenager würde ich diese Lieder auf der Straße singen, und mein Vater hatte große Angst, dass ich deshalb verhaftet oder verschwinden würde. Also, als ich nach Deutschland kam, gründete ich dieses Musikprojekt, und wir begannen, all diese Widerstandslieder zu spielen, die auf die aktuelle politische Situation anwendbar waren.

Das große Problem dieser Lieder ist, dass sie alle auf Spanisch sind, und natürlich gefiel den Leuten, wenn wir »El pueblo unido« oder »Venceremos« sangen, aber das Wichtigste entging ihnen. Sie verstanden den Text nicht. Also begannen wir, das Programm mit Rezitationen zu ergänzen, übersetzten alle Lieder in Echtzeit und projizierten sie, während wir sangen, und erklärten den Kontext jedes Liedes. Auf diese Weise sollte das politische Lied, das wir sangen, nicht nur Nostalgie sein. Alle linken Deutschen geraten in Tränen, wenn sie »El pueblo unido« hören. Aber wir wollten mehr als das. Wir versuchten, den Blick auf die Gegenwart zu richten, auf das, was in Argentinien, Chile oder Gaza passiert. Die Lieder bekommen eine neue Aktualität, einen neuen Kontext.

Wer wird mit Ihnen auftreten? Und was werden wir bei der Rosa-Luxemburg-Konferenz von Ihnen hören?

Ein deutscher Musiker namens David Beyer und ein anderer chilenischer Musiker, der erst kürzlich angekommen ist und noch sehr jung ist, ein Student. Ich mag es sehr, mit ihm zu sprechen, weil er zu einer Generation aus dem heutigen Chile gehört, die ich nicht kannte. Er ist ein sehr politisch denkender junger Mann. Wir drei werden ein Konzert mit ausgewählten Liedern aus dem Programm geben, das wir im Laufe vieler Jahre entwickelt haben. Es heißt »Der andere 11. September«. Dieses Programm ist für die Konferenz zu umfangreich und widmet sich der Geschichte Chiles vor dem Putsch, während des Putsches und all dem, was nach dem Putsch geschah. Wir haben einen Text geschrieben, den eine Bäuerin zwischen den Liedern erzählt und der den gesamten Prozess beschreibt. Es ist ein schöner, aber einfacher Text, der versucht zu zeigen, wie eine bescheidene Frau das gesamte Drama des Putsches und der Diktatur erlebt hat. Es ist eine Hommage an Allende, an Víctor Jara … Ich möchte nicht zu viel über die Lieder verraten, aber sie stehen in engem Zusammenhang mit dieser Hommage an diese beiden für mich so wichtigen Personen.

Wie haben Sie 2023 den Jahrestag der Ermordung von Víctor Jara in Deutschland erlebt?

Von Saarbrücken aus konnte ich nicht an vielen Veranstaltungen teilnehmen, aber ich habe den Eindruck, dass ein wenig die historische Perspektive verlorengegangen ist. Die 40-Jahr-Feier war intensiver, weil ich glaube, dass vorher niemand über die Zeugen der Diktatur sprechen wollte, und es gab plötzlich eine riesige Flut an Geschichten. Traurige und unglaubliche Geschichten. Jetzt lag der mediale Fokus auf anderen Themen, nicht in Chile, sondern in Deutschland. Ich habe Angst, dass wir in der Nostalgie steckenbleiben. Im September haben wir in Berlin eine Hommage an Víctor Jara im Iberoamerikanischen Institut veranstaltet. Stefan Litwin komponierte sogar ein Lied für Jara. Es ist ein Werk für zeitgenössisches Klavier mit einer sehr unterschiedlichen musikalischen Sprache, von der ich denke, dass Víctor Jara gesagt hätte: »Genial«. Denn er war auf der Suche danach, seine poetische und musikalische Sprache zu erneuern. Luigi Nono, ein kommunistischer Komponist und Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei in Italien, besuchte Chile und sprach mit Víctor Jara, der sehr beeindruckt von dessen kreativer Kraft war, und Nono war auch sehr aufgeregt. Jara bereitete ein Theaterstück namens »Die sieben Staaten« (Los siete estados) vor. Das wenige, was erhalten geblieben ist, klingt sehr anders als das, was er zuvor gemacht hatte, weil er sich in einer sehr kreativen Phase befand.

Wie erleben Sie den Aufstieg der extremen Rechten, während zugleich viele Kulturveranstaltungen wegen vermeintlicher politischer Inkorrektheit abgesagt werden?

Ich verfolge beides mit Entsetzen und mich ergreift fast schon Angst. Als ich ankam, galt der Aufstieg der extremen Rechten als undenkbar. Und jetzt sehe ich, wo die extreme Rechte steht, und wie global dieses Phänomen ist. In Deutschland beunruhigt es mich sehr, wie sehr beeinflusst wird, was du sagst und wie du es sagst, denn ich kenne Künstlerkollegen, die von Ausstellungen oder Konzerten ausgeladen wurden. Das Saarlandmuseum hier hat der phantastischen jüdischen Künstlerin Candice Breitz eine Ausstellung abgesagt, weil sie angeblich den Angriff der Hamas nicht so energisch verurteilte, wie es verlangt wurde. Dabei war es eine großartige, feministische Ausstellung. Das passiert auch anderen Kollegen mit Konzerten. Es gibt keinen Dialog mit allen Beteiligten, es gibt nur Schwarz und Weiß. Das ist schrecklich, besonders für Künstler. Und man gibt dir nicht einmal die Gelegenheit zu antworten. Ich bin deutscher Staatsbürger, aber man merkt, dass ich kein Deutscher bin, und manchmal frage ich mich in einigen Gebieten, ob ich sicher bin.

Sie haben eine akademische Karriere und sind politisch engagiert. Haben Sie Angst, dass Ihnen die Teilnahme an Konferenzen wie der RLK berufliche Probleme verursachen könnte?

Als man mich eingeladen hat, habe ich sofort zugesagt. Es gibt eine Gefahr, aber wenn die Rosa-Luxemburg-Konferenz mich einlädt, wird ein Traum wahr, den ich schon lange hatte. Ich wollte schon immer in Berlin bei dieser Konferenz auftreten. Es gibt immer mehr Schwierigkeiten, aber es gibt Dinge, die gesagt werden müssen. Im Fall von Saarbrücken haben andere Künstler und ich eine Erklärung zur Unterstützung von Candice Breitz unterzeichnet, denn bei ihr handelt es sich eindeutig um Zensur. Man muss als Künstler aktiv werden, auch wenn es natürlich beängstigend ist, aber ich kann nicht schweigen.

Daniel Osorio, Jahrgang 1971, ist chilenischer Komponist und leitet das Ensemble »Die Cronopien – Kollektiv für Interkulturelle Neue Musik«. Seit 2005 lebt er in Saarbrücken

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