Kleinkrieg im Bretteldorf
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichteten Wiener Proletarier in Kaisermühlen eine Siedlung. Der sozialdemokratischen Stadtverwaltung war die wachsende »G'stettn« ein Graus
Die Weiten Sibiriens reichen vom Ural bis an den Pazifik, vom Arktischen Ozean bis in die Steppen Kasachstans und der Mongolei. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts fanden sie an den Rändern der späteren österreichischen Landeshauptstadt ein Pendant. Von »roten Kosakendörfern«, die um Wien entstehen würden, sollte der SDAP-Politiker Julius Deutsch später sprechen; die Bewohnerinnen und Bewohner der »G’stettn« in Kaisermühlen hatten andere Namen für ihre Enklaven. Als »Bretteldorf« bezeichneten sie die von ihnen besiedelte Gegend; die Gaststätten, in welchen sie Zuflucht angesichts der rauhen Lebensbedingungen fanden, hießen »Franz-Josefs-Land« und »Zum Nordpol«.
Auwald, Sumpfland und Bretterbuden: So sah das Areal um den heutigen Donaupark und die UNO-City vor mehr als hundert Jahren aus. Seit 1880 diente es als Müllablagerungsstätte, »Mistg'stettn«, zuerst für Koksrückstände aus der Gaserzeugung, später als Deponie für den Kehricht aus der Stadt. Wo die Reichen ihren Abfall entsorgen ließen, fanden die Bewohner des »Bretteldorfes« Ressourcen. Mit der Verwertung von Müll, der aus dem Stadtzentrum kam, ließen sich durchaus kleine Existenzen bestreiten: »Koksstierer« und »Bandlstierer« suchten nach brauchbarem Material, ein »G'stettenmeister« ließ sich direkt neben der Deponie nieder. Um 1905 wohnten vor Ort dauerhaft elf Personen, wenig später kamen Arbeiter- und Erwerbslosenfamilien hinzu.
Der vermeintlich wertlose Boden im ehemaligen Überschwemmungsgebiet ist heute begehrter Baugrund, bevorzugt vergeben an den Immobilienkonzern Glorit. Große Teile davon befinden sich bis heute im Besitz des Augustiner-Chorherrenstifts Klosterneuburg. 1922 setzte sich der sozialdemokratische Bürgermeister Jakob Reumann beim Stift für großzügige Pachtparzellen bei der christlichen Großgrundmacht ein. Sein Nachfolger Karl Seitz hingegen bekämpfte das »Bretteldorf« mit allen erdenklichen Mitteln und wetterte in hauseigenen Organen dagegen. Die Arbeiter-Zeitung ließ sich auf exotisierende Vergleiche mit »arabischen Lehmhütten in Nordafrika« ebenso wie mit »Elendshütten der armen Landbevölkerung in Süditalien« ein.
Bei der Mehrheit der Siedler handelte es sich weder um Italiener noch um Araber; nicht mit »Deutschen«, sondern mit »Slawen« hätte man es laut Arbeiter-Zeitung im »Bretteldorf« mehrheitlich zu tun. Aus ihren Gärten waren Hütten geworden und aus diesen Hütten Wohnstätten. Sie waren weder geplant noch vermessen worden, die Stadtverwaltung bezeichnete sie als lose Ansammlung »eigenmächtig und unbefugt errichteter vorschriftswidriger Baulichkeiten«. 1921 standen im »Bretteldorf« rund 300 Häuser, zwei Jahre waren es mehr als 500. Auf Theophilus Muth, den katholischen Seelsorger von Kaisermühlen, wirkte das Anwachsen eines Dorfes im Dorf, das wild aus der Wildnis hervorgegangen war, fast wie ein profanes Wunder: »Wie war dies möglich?! In Wien?! Wo niemand einen Pflock in den Erdboden einschlagen darf, ohne die Behörde zu fragen, war ein ganzes Dorf entstanden, ohne dass eine Behörde gefragt oder eine der vielen Bauvorschriften, die bei Neubauten nicht umgangen werden können, beobachtet worden wäre.«
Sibirisch war das »Bretteldorf« nicht wegen des Klimas, sondern infolge der Distanz zu der im Rathaus vorherrschenden Ideologie. Keine vier Kilometer vom Stephansdom entfernt entstand ein Siedlungsgebiet, das sich der Ordnung der Herrschenden entzog. Dort wurde nicht normiert, sondern improvisiert – doch keineswegs nur für den vorübergehenden Aufenthalt. Die Besetzer des »Bretteldorfs« hatten sich nicht in einem Provisorium eingerichtet, sondern ihre Sach’ auf festen Grund gestellt. Der erste behördliche Auftrag »zur Abtragung der eigenmächtig und unbefugt errichteten vorschriftswidrigen Baulichkeiten« ging 1909 noch vom politischen Kontrahenten aus; doch auch die Sozialdemokraten des Roten Wien sollten den aus Not, Hunger und Wohnungsmangel geborenen »Wildwuchs« nur vorübergehend tolerieren.
Im Sommer 1925 schickte die Stadt Wien eine Kommission ins »Bretteldorf«, bekräftigte das Bauverbot und kündigte die schrittweise Beseitigung der »wilden« Siedlungen an. Die Bretteldorfer antworteten darauf mit zivilem Ungehorsam. Nicht Vertreter der Bourgeoisie opponierten diesmal gegen das Rote Wien, sondern proletarische Siedler gegen eine sozialdemokratische Verwaltung, die ihnen vorschrieb, wie ein ehrhafter Proletarier zu wohnen hätte. Wer den richtigen Arbeiter plante, musste den falschen vorab räumen lassen. Doch die Siedlerinnen und Siedler setzen sich dagegen zur Wehr: Sie protestierten gegen allfällige Zwangsumsiedlungen in die »kümmerlichen Löcher in den Gemeindehäusern«.
Der gesellschaftliche Gesamtarbeiter ist kein Naturphänomen, er muss gemacht werden. Sein Idealtyp wohnte im Gemeindebau und arbeitete in einem stadteigenen Betrieb. Der soziale Wohnbau war somit Teil eines Disziplinierungsprogramms, von dem die Stadt Wien als ideelle Gesamtkapitalistin nur profitieren konnte. Die Subalternen, die nicht wohnten, sondern hausten, passten nicht in das Bild des Roten Wien – dementsprechend wurden die Bewohner des »Bretteldorfs« als schmutzig und »mit ekelerregenden Krankheiten behaftet« gezeichnet. Anders als die Kolonisten in der Lobau gehörten sie zur Wiener Siedlerbewegung: Ihr Verein »Franz Josefs-Land« war Mitglied des Österreichischen Verbandes für Siedlungs- und Kleingartenwesen, als dessen Zentralsekretär Otto Neurath fungierte. Als die Gemeinde 1924 die ersten Kleingartenpachten kündigte, um Grund für ihr Wohnbauprogramm freizumachen, beschwor Neurath die Aufgebrachten, ihre Interessen dem »Geist proletarischer Solidarität« unterzuordnen.
Was dieser Solidaritätsbegriff für »wilde« Siedler bedeuten konnte, zeigte sich wenig später im »Bretteldorf«: Als »solidarisch« galt, wer dem kommunalen Ordnungsanspruch wich. Doch die Bretteldorfer lebten weder auf kommunalem Pachtgrund, noch waren sie von Gemeindekrediten abhängig. Im Sommer 1925 erklärten sie das Tischlerhaus zum »Kriegsministerium«, in Versform lenkten die Siedlerkinder ihre Wut auf die »Stadtgewaltigen der Gem. Wien«: »Der Macht, die es will mit brutaler Gewalt / Der rufen wir vor uns'rer Schwelle Halt / Hand weg von unserm Hab und Gut / Wir sind entschlossen mit eisernem Mut«. Mit dem Vorläufer der späteren »Bretteldorfer Nachrichten«, einem »Kampforgan für die Gesamtinteressen der werktätigen arbeitslosen Bewohnerschaft«, machten die Siedler immer wieder auf ihre Lage aufmerksam und polemisierten später gegen das »Kotmeer« und die »menschengefährliche Mistablagerung«, die zu ihrer Vertreibung führen sollte – nicht ohne Resonanz: Bürgerliche Blätter nutzten die Gelegenheit, bezeichneten die roten Rathausbeamten als »Häuserrasierer«.
Die »Bretteldorfer« forderten öffentlich finanzierte Infrastruktur und setzten sich weiterhin gegen die Enteignung von selbstgeschaffenem Wohnraum zur Wehr. Sie hatten sich eigenmächtig Grund und Boden angeeignet und ihn zu ihrer Existenzgrundlage gemacht. Im »Bretteldorfer Krieg« von 1925 kämpften sie für dessen Erhalt – und stellten damit eine zentrale Frage in den Raum: Was, wenn wir uns Boden nehmen, ihn bearbeiten und darauf bestehen, dass Gebrauch vor Eigentum geht? Dann trifft die Wohnungsfrage erneut auf ihre verdrängten Anfänge, die als Spätfolgen der »ursprünglichen Akkumulation« in die Gegenwart hineinwirken. Sibirien liegt dann wieder in Wien – als Niemandsland, in dem Arme und Erwerbslose sich ohne offizielle Erlaubnis ein Zuhause schaffen.
Barbara Eder ist regelmäßige Autorin für die junge Welt
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