Eine Million Näherinnen für mehr Lohn
Bangladesch: Massenproteste in der Textilindustrie für Erhöhung des Mindestlohns um umgerechnet 125 Euro
Massenproteste für einen höheren Mindestlohn haben Bangladeschs Textilindustrie lahmgelegt. 529 Fabriken blieben am Montag offiziell geschlossen. In vielen anderen wurde nur eingeschränkt gearbeitet, weil sich ein großer Teil der Belegschaft im Ausstand befindet. Landesweit wurden wichtige Straßenkreuzungen besetzt. Die Polizei ging mit Wasserwerfern, Schallgranaten und Tränengas gegen Demonstrierende vor. Auch am Dienstag blieben viele Betriebe zu.
Bangladesch ist der zweitgrößte Textilproduzent der Welt nach China. Die meisten Produkte werden zollfrei in die EU ausgeführt, vor allem nach Deutschland. Platz zwei halten die USA. Derzeit liegt der Mindestlohn, den nicht nur Neueinsteiger erhalten, sondern der größere Teil der Belegschaft, bei 12.500 Taka – umgerechnet rund 90 Euro. Die Protestierenden fordern eine Anhebung auf 30.000 Taka, das wären etwa 215 Euro.
Der Mindestlohn ist seit 2023 nicht erhöht worden. Schon damals war es eine breite Protestbewegung, ganz ähnlich der heutigen, die immerhin eine Anhebung des damaligen Lohns von 8.300 Taka um rund 50 Prozent durchsetzen konnte. Gewerkschaften hatten damals mindestens 23.000 Taka gefordert und das Ergebnis unzureichend genannt. Die Inflationsrate liegt seitdem bei etwa zehn Prozent. Zuletzt hat der Iran-Krieg auch in Bangladesch die Treibstoffkosten in die Höhe getrieben, Transporte verteuert und zu weiteren Preisanstiegen geführt.
Zur Streikbeteiligung hat das Branchenportal Bangladesh Textile Journal diverse Medienberichte ausgewertet und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass am Montag in den fünf wichtigsten Industrieregionen des Landes, wo sich die Textilfabriken konzentrieren – insbesondere in Vororten der Hauptstadt Dhaka – 987.000 Beschäftigte die Arbeit niedergelegt haben. In Gazipur meldeten 276 von 836 Fabriken mindestens schwere Störungen im Betriebsablauf. Allein dort gingen um die 650.000 Näherinnen und Näher auf die Straße. In Savar-Ashulia waren 185 von 441 Fabriken betroffen und knapp 300.000 Beschäftigte lautstark am Protestieren.
Für das indische Magazin Outlook werfen die Proteste »Fragen nach angemessener Entlohnung, den Bedingungen in den Fabriken und der Zukunft einer Industrie auf, die eine Schlüsselrolle in der Ökonomie des Landes spielt«. Gerade Letzteres ist nicht übertrieben: Die Branche liefert rund 80 Prozent der Exporterlöse des südasiatischen Landes. Sie macht ein Zehntel der gesamten Wirtschaftskraft aus. Etwa vier Millionen Menschen sind nach wie vor oft unter prekären Bedingungen in der Textilindustrie beschäftigt. Der überwiegende Teil sind Frauen, die mit ihrem Lohn meist eine ganze Familie durchbringen. Damit es überhaupt dazu reicht, nach der Miete noch eine Mahlzeit auf den Tisch zu bringen und die Kinder zur Schule zu schicken, schuften viele zwölf, 14 oder mehr Stunden am Tag.
Nach dem Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza im April 2013, bei dem 1.100 Tote zu beklagen waren, gab es erheblichen Druck auf die Fabrikbesitzer, Sicherheitsmaßnahmen zu verbessern. Vor allem zum Brandschutz finden seitdem öfter behördliche Kontrollen statt. An den Arbeitsbedingungen aber hat sich kaum etwas geändert. Die Bezahlung ist schlechter geworden. Arbeiterinnen, die das wirtschaftliche Rückgrat Bangladeschs schaffen und Modekonzernen Milliardenprofite garantieren, nagen am Hungertuch.
»Wenn die Fabrikbesitzer ihre Beschäftigten nicht ordentlich bezahlen können, müssen sie bessere Preise mit den internationalen Abnehmern aushandeln. Sie können kein Geschäft auf dem Rücken unterbezahlter Arbeiter aufbauen«, sagte Babul Akhter, Gewerkschaftschef der Bangladesh Garment and Industrial Workers Federation, der Agentur Reuters. Die Regierung hat am Sonntag eine Mindestlohnkommission eingesetzt, die Fabrikbesitzer haben bisher lediglich 25 Prozent mehr angeboten.
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