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Nach den Feiern die Bomben
Vorabdruck. Der Kommunist Hans Lebrecht erlebte 1948 die von der Sowjetunion unterstützte Staatsgründung Israels mit und wandte sich gegen die im Zuge der Nakba begangenen Verbrechen
In diesen Tagen erscheint im Hamburger Verlag Galerie der abseitigen Künste die Autobiographie von Hans Lebrecht »Ein deutscher Jude gegen die Nazis. Ein israelischer Aktivist für einen gerechten Frieden in Palästina.« Wir dokumentieren daraus mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber und des Verlags einen Auszug aus dem Kapitel zur Gründung des Staates Israel. (jW)
In den späten Nachmittagsstunden des 14. Mai 1948 wurde der jüdische Staat Israel von Ben-Gurion in einer feierlichen Sitzung des Provisorischen Volksrates in der Aula des Museums von Tel Aviv proklamiert. Nachdem wir dies in einer Live-Radioübertragung miterlebt hatten, konnte uns nichts mehr aufhalten. Wir ließen Ruthi und das halbjährige Baby Margalith in Esthers Obhut¹ und begaben uns nach Tel Aviv, um mit anderen Menschen auf den Straßen und Plätzen zu feiern. Nach zwei Uhr morgens gingen wir in Esthers Herbergszimmer, wo wir todmüde ins Bett fielen. Zwei Stunden später weckten uns die Sirenen, und Minuten später explodierten die ersten Bomben über unseren Köpfen. Wir begriffen sofort, dass die von vielen erwarteten Luftangriffe und die Invasion der arabischen Nachbarn begonnen hatten.
Tosca und ich zogen uns an und flüchteten zu Fuß die etwa fünf Meilen zu unserer Hütte. Der Weg war vom beängstigenden Lärm explodierender Bomben begleitet. Zu Hause angekommen, beruhigte Tosca unsere Kinder und ihre Schwester, die zur Arbeit gehen musste. Ich ging zu unserem Nachbarn hinüber, und gemeinsam begannen wir, einen Luftschutzbunker zu graben. Der ganze Tag verging. Am nächsten Abend, als die Sirenen erneut Alarm gaben, konnten unsere beiden Familien dort bis zur Entwarnung untergebracht werden.
Zwiespältige Freude
Dass die Kommunistische Partei die Proklamation des Staates Israel unterstützt hatte, wurde später von vielen linken Randgruppen kritisiert, ohne Rücksicht auf die damalige historische Situation. Die Erklärung der Parteiführung lautete, dass in der Unabhängigkeitserklärung mehrere Punkte niedergelegt seien, die sie für die Partei akzeptabel machten. Wir übersahen nicht, wie sehr die zionistische Ideologie und Praxis zur Leitlinie des Staates erhoben wurde, und versprachen, gegen sie zu kämpfen. Die Charta enthielt jedoch wichtige Punkte, die mit der damals in der Öffentlichkeit weitverbreiteten antibritischen und antikolonialistischen Stimmung übereinstimmten. Deshalb unterzeichnete die Partei. Sie wollte die Resolution der Vereinten Nationen unterstützen, in Palästina zwei unabhängige Staaten zu schaffen, einen jüdischen und einen arabischen. Darüber hinaus bestimmte die Satzung, dass Israel ein demokratischer Staat sein würde, der die volle soziale und politische Gleichheit aller seiner Bürger ohne Unterschied der Religion, der Herkunft, der Bildung und der Kultur garantierte. Wir waren jedoch misstrauisch, dass darin kein Wort über den palästinensisch-arabischen Staat verloren wurde, der parallel mit dem jüdischen Staat entstehen sollte. Sie erwähnte nur, dass die UNO in ihrer Resolution das Recht des jüdischen Volkes auf die Gründung eines unabhängigen Staates anerkannt hatte.
Wir waren begeistert, dass die Sowjetunion anerkannte, dass Palästina von zwei Bevölkerungsgruppen, den Arabern und den Juden, bevölkert war, die beide ihr Recht auf Selbstbestimmung und unabhängige Staatlichkeit hatten. Ebenso begeistert waren wir darüber, dass die Sowjetunion als erster Staat der Welt den Staat Israel anerkannte und diplomatische Beziehungen aufnahm.
Nur wenige Tage nach der Gründung des israelischen Staates konnte ich persönlich erleben, wie der Plan Dalet umgesetzt wurde. Am 21./22. April 1948 eroberte die Haganah die arabischen Viertel der Hafenstadt Haifa. Die Bemühungen eines arabisch-jüdischen Komitees, den Frieden zwischen den jüdischen und arabischen Gemeinden in der Stadt zu erhalten, scheiterten. Zwei prominente Mitglieder dieses Komitees, der damalige Herausgeber von Al-Ittihad, dem Organ der Liga für Befreiung, Emile Touma, und der Journalist Hans Salomon erzählten mir von ihren damaligen gemeinsamen Bemühungen um Frieden und gute Beziehungen zwischen den fast 60.000 palästinensischen und den 25.000 jüdischen Bewohnern der Stadt.
Meine persönliche Erfahrung mit den damaligen Ereignissen in Haifa begann mit einem Appell an die demokratischen Kräfte der jüdischen Bevölkerung, der Anfang Mai desselben Jahres von der Liga für die nationale Befreiung Palästinas veröffentlicht wurde. Darin hieß es unter anderem: »Vor zwei Wochen spielten die abziehenden britischen Kolonialisten Haifa in die Hände der Haganah. Diese ermordeten viele arabische Bürger. Es gab Greueltaten an inhaftierten arabischen Zivilisten. Häuser, Wohnungen und Geschäfte in arabischem Besitz wurden geplündert. All dies wurde mit Kriegshandlungen gerechtfertigt und angeblich gestoppt. Es sind jedoch mehr als zwei Wochen vergangen, und die Greueltaten, Plünderungen und Raubüberfälle gehen weiter. Von den mehr als 60.000 arabischen Bewohnern blieben etwa 10.000 in der Stadt und widersetzten sich der von den Briten unterstützten reaktionären arabischen Führung und ihren Panik auslösenden Verlautbarungen.«
In der Hand der Haganah
Am 17. Mai, drei Tage nach der Ausrufung des israelischen Staates, verteilte ich ein von der Partei herausgegebenes Flugblatt mit dem Aufruf von Haifa und dem Kol-Ha’am-Leitartikel in die Briefkästen und an Passanten in einigen Straßen des Viertels, in dem wir wohnten. Die Passanten nahmen die Flugblätter, und nur wenige, die den Inhalt erkannten, warfen sie weg oder machten unfreundliche Bemerkungen. Plötzlich hielt ein Motorrad mit Beiwagen an, die beiden Fahrer identifizierten sich als provisorische Sicherheitskräfte der Haganah. Sie brachten mich zum örtlichen Haganah-Hauptquartier und von dort nach Rücksprache zur Bezirkspolizeistation Ramat-Gan. Dort wurde ich angeklagt, ein Spion zu sein, der für die Palästinenser arbeite. Ich behauptete, dass der Inhalt des Flugblattes, das ich verteilte, durch die Zensur gegangen und bereits in der Tageszeitung Kol-Ha’am veröffentlicht worden wäre.
Die Polizeistation von Ramat-Gan war eine von den Briten errichtete »Tegart«-Festung aus Stahlbeton, von denen 69 im ganzen Land gebaut worden waren. Hier wurde ich von einem Haufen selbsternannter israelischer Polizeibeamter und Unteroffiziere verschiedener Ränge empfangen, die ich fast alle gut kannte, als ehemalige britische Polizeispitzel und verschworene antikommunistische Rechtsextremisten, die der Revisionistischen Partei Cherut und ihren Etzel-Milizen nahestanden und mit denen ich während meiner Aktivitäten im und um das Gebiet von Ramat-Gan einige Begegnungen hatte. Sie sagten mir bei ihren Verhören ganz offen, dass sie schon seit langem ein Auge auf mich hätten. Nun, so drohten sie, während niemand über meinen Aufenthaltsort Bescheid wisse, sei dies ihre Chance, mich für immer verschwinden zu lassen. Sicherlich wussten sie nicht, dass ich während meiner kurzen Zeit im Hauptquartier der Borochow-Haganah, bevor ich in die Polizeistation Ramat-Gan verlegt wurde, die Gelegenheit hatte, eine von Toscas Studentinnen zu bitten, ihr von meiner Festnahme zu berichten. Tatsächlich war ich aber nicht sicher, ob sie meine Bitte erfüllen würde.
Die Polizeischergen warfen mich, nachdem sie mich brutal zusammengeschlagen hatten, in eine Zelle, in der vier Kriminelle auf dem Boden saßen und Karten spielten. Es gab keine Stühle oder Betten, sondern nur den nackten Betonboden und einen Eimer zum Urinieren. Sie fragten, was ich getan habe, warum die Polizei mich erwischte. Ich erzählte es ihnen, und ich konnte ihnen sogar eines der Flugblätter geben, die ich in meine Unterwäsche gesteckt hatte. Ihre Antwort auf meine Geschichte war, warum ich, ein intelligent aussehender junger Mann, mich um diese arabischen Bastarde in Haifa kümmerte, und sie kehrten zu ihrem Kartenspiel zurück.
Ich wickelte mich in die von den Gefängniswärtern zur Verfügung gestellte Decke und versuchte zu schlafen. Aber ich war zu aufgeregt und bangte um mein Leben, für den Fall, dass die Polizei das tun würde, womit sie gedroht hatte. Es muss bereits gegen Mitternacht gewesen sein, als zwei der Polizeibeamten mich aufweckten und zurück in den Dienstraum brachten. Dort übernahm mich ein Offizier, einer meiner Folterknechte. Ich war mir fast sicher, dass dies die letzte Stunde meines Lebens sein würde.
Zu meinem Erstaunen und zu meiner Erleichterung gaben sie mir jedoch all meine Habseligkeiten zurück, die sie mir abgenommen hatten. Sie sagten mir, dass sie offensichtlich einen Fehler gemacht hätten und ich nach Hause gehen könne. Aber zuvor, so baten sie mich, solle ich trotz der nächtlichen Stunde, meinen Parteisekretär Mosche Skutelsky aufsuchen und ihm sagen, dass ich freigelassen worden sei. Ich war mir nicht sicher, ob dies ein fauler Trick war. Also ging ich zu einer Telefonzelle und rief Mosche an, um ihm von meiner Freilassung zu berichten. Er war froh, das zu hören, und sagte, ich solle zu ihm nach Hause kommen, da Tosca dort auf mich wartete. Ich ging hin, und dann begriff ich, was hinter meiner plötzlichen und nicht erwarteten Entlassung um Mitternacht steckte. Die Studentin, die ich im Hauptquartier der Haganah getroffen hatte, hatte meine Bitte erfüllt und Tosca von meiner Verhaftung berichtet. Und diese tat das, wovon sie überzeugt war, dass es das Richtige war, und ging zum Parteisekretär von Ramat-Gan und erzählte ihm, was sie von ihrer Schülerin gehört hatte.
Er übermittelte die Nachricht an die Parteizentrale in Tel Aviv. Das Politbüromitglied Meir Vilner, der Mitglied des Provisorischen Volksrates war, warnte den Ratsvorsitzenden, den späteren israelischen Außenminister und Premierminister Mosche Schertok, dass er der ausländischen Presse über die Verhaftung eines bewährten Parteimitglieds berichten würde. Das Ergebnis könne Schertok sich selbst ausmalen, vor allem angesichts der soeben eröffneten diplomatischen Beziehungen mit der Sowjetunion und der Ankunft der ersten Waffenlieferung aus der Tschechoslowakischen Republik (ČSR). So wurde ich also hastig aus der Haft entlassen.
Massaker in Ein-Zeitoun
Zwei Tage nach meinem Kampferlebnis wurde beim morgendlichen Appell jemand mit technischer Erfahrung mit Wasserpumpen gesucht. Ich sah meine Chance. Jahrelang hatte ich in der Textildruckerei die Dampfkessel, ihr Pumpenzubehör und andere Installationen gewartet. Ich bekam diesen Job.
Da sich die Pumpstation für die zentrale Wasserversorgung der Stadt Safed in den Händen der Kawukdschi-Armee befand, war es dringend erforderlich, zumindest ein provisorisches Wasserversorgungssystem einzurichten. Meine Aufgabe bestand darin, unter der Aufsicht eines Zivilingenieurs aus Haifa eine Wasserleitung von einem zwei Meilen südlich unserer Stellungen gelegenen Brunnen in den Ruinen des zerstörten arabischen Dorfes Ein-Zeitoun, etwa 240 Meter unterhalb der jetzt gesperrten Autobahn Safed-Akko, bis zum Turm des Wasserreservoirs auf dem Berg Kanaan zu verlegen.
Als ich zum ersten Mal den Ein-Zeitoun-Brunnen inspizierte, bekam ich den Schock meines Lebens. Der Anblick dieses Ortes war entsetzlich. Das Dorf lag vollkommen in Trümmern, ebenso die ehemalige Moschee, neben der das frische Quellwasser aus einer Höhle floss. In der Sommerhitze lag eine große Anzahl toter menschlicher Körper, darunter hochschwangere Frauen und viele Kinder. Was war in Ein Zeitoun geschehen?
Es gab zahlreiche Zeugen, jüdische Bewohner aus dem nahegelegenen Safed. Sie plünderten die Ruinen des Dorfes, um unter den zurückgelassenen Habseligkeiten der Dorfbewohner interessante Besitztümer zu finden. Sie erzählten uns stolz von den Mitgliedern der 3. Palmach-Brigade, die diese »arabischen Terroristen« vertrieben und alle, die zurückgeblieben waren, getötet hatten. Sie hatten alle Dorfbewohner, die nicht entkommen konnten, fast alles alte Leute, Frauen und kleine Kinder, zusammengetrieben und sie gezwungen, in den zweiten Stock der Moschee hinaufzusteigen. Dann hatten sie das Erdgeschoss mit Stroh gefüllt und angezündet. Jeder, der versuchte, den Flammen und dem dichten Rauch zu entkommen, indem er aus den oberen Fenstern sprang, wurde von Maschinengewehren getötet, ausnahmslos alle.
Auf das Massaker in Ein-Zeitoun am 1. Mai folgte am nächsten Tag ein ähnliches im nahe gelegenen Dorf Birya weiter oben auf dem Berg. Die Verbrechen waren Teil des Plan Dalet, diesen speziellen Teil des oberen Galiläas von palästinensischen Arabern zu säubern. Man vertrieb die Garnison transjordanischer und irakischer Truppen und die 15.000 arabischen Einwohner aus Safed. Die Massaker konnten von den nördlichen Stadtvierteln in Safed, die auf der anderen Seite eines Flusslaufs lagen, gut beobachtet werden. Sie lösten einen Exodus aus. Die jüdischen Streitkräfte feuerten, begleitet vom Donner eines Mörsers, auf Ziele in den Straßen der arabischen Viertel. Diese Mörser, »Davidka« genannt, waren eine Erfindung der israelischen Rüstungsindustrie und nach David Ben-Gurion benannt. Sie verursachten keinen großen Schaden, aber einen kolossalen und beängstigenden Donnerschlag. Natürlich setzten die Eroberer auch tödliche Waffen in Safed ein und säuberten es von seinen palästinensisch-arabischen Bewohnern.
Bevor wir mit der Arbeit begannen, forderte ich kategorisch, dass das schreckliche Chaos, das die Palmach in Ein-Zeitoun hinterlassen hatte, beseitigt wurde, zumindest die Leichname, die in der Sonne und Sommerhitze verrotteten. Wasser aus einer so unhygienischen Umgebung zu pumpen, wäre eine große Gefahr für die Gesundheit unserer Soldaten und der Bewohner der Umgebung. Nach dem kurzen Besuch einiger Offiziere vor Ort waren nach zwei Tagen tatsächlich alle Leichen begraben.
Ein Fall fürs Kriegsgericht
Unsere 9. Brigade nahm an dem teil, was in den Annalen des israelischen Unabhängigkeitskrieges als »Vierte Welle der Befreiung« bekannt wurde. Da es keine britischen Kolonialisten mehr gab, war diese Bezeichnung falsch. In Wahrheit ging es um die militärische Eroberung Nordpalästinas, das laut UN-Resolution Teil des arabisch-palästinensischen Staates werden sollte. Jemand mag jetzt, mehr als fünf Jahrzehnte später, fragen, warum ich mich nicht geweigert habe, in einem so aggressiven Krieg gegen die palästinensischen Araber zu dienen. Nun, zu jener Zeit war das nicht zu durchschauen. Wir waren überzeugt – und damals zu Recht –, dass die arabischen Armeen und irregulären Milizen im Namen oder zumindest im Rahmen des britischen Komplotts hinter den Kulissen handelten. Wir waren davon überzeugt, dass die Eroberung des Nordens Teil unseres Befreiungskrieges von der britischen Herrschaft und des Kampfes gegen ihre Rückkehr war.
Ar Rama, ein arabisch-christliches Dorf mit einer beträchtlichen drusischen Minderheit, wurde am 30. Oktober kampflos von Einheiten der 7. Brigade, der späteren Golani-Brigade eingenommen. Doch am folgenden Tag drang eine andere Einheit in das Dorf ein und vertrieb seine fast 1.000 christlichen Einwohner unter Androhung der Todesstrafe, schrieb Benny Morris, ein Historiker der Ben-Gurion-Universität, in seinem aufschlussreichen Buch »Die Geburt des palästinensischen Flüchtlingsproblems 1947–1949«. Ich war Soldat der genannten Einheit, die am Tag nach der Kapitulation in Ar Rama einrückte, und wurde Zeuge, wie wir, genauso wie die Einheit der Golani-Brigade am Tag zuvor, von den Bewohnern des etwa 1.800 Einwohner zählenden Dorfes mit der traditionellen palästinensischen Begrüßung mit Brot und Salz empfangen wurden. Sie erzählten uns von dem Horrorregime der ehemaligen Kawukdschi-Miliz. Sie waren froh, sie losgeworden zu sein.
Von Ar Rama aus wurden wir an die westliche Galiläa-Front in der Nähe von Tarkhisha-Me’eeliya geschickt, wo noch immer heftige Kämpfe stattfanden. Auf dem Weg dorthin war ich unter anderem für zwei Tanklastwagen mit Frischwasser in der Mitte des Konvois verantwortlich. Es war ein schrecklich heißer Chamsin-Tag. Das sind die warmen und trockenen Winde aus der Wüste, die staubigen Sand mit sich bringen, mit etwa 42 Grad Celsius. Wir fuhren begeistert durch eine wunderbare Landschaft, während unsere Fahrer die engen Kurven und Windungen der Serpentinenstraße verfluchten.
Nach einer weiteren Kurve begegneten wir einem arabischen Flüchtlingstreck. Hunderte von erbärmlichen, müden und schlecht gekleideten Menschen – Männer mit kleinen Kindern auf den Schultern, junge und alte verschleierte Frauen in ihren traditionellen muslimischen schwarzen Gewändern mit Babys in den Armen und kleinen Kindern an den Händen. Die meisten von ihnen waren schwer beladen mit Säcken und Hausrat aller Art. Einige wenige Esel, die ebenfalls Haushaltsgegenstände und offensichtlich leere Wassersäcke aus Lammfell trugen, trabten träge in ihrer Mitte. Alte Leute hatten sich erschöpft am Straßenrand niedergelassen und bettelten elendig um Wasser. Dieser Anblick prägte sich mir tief im Gedächtnis ein.
Wieviel Hass gegen uns israelische Soldaten und unseren neugeborenen Staat muss bei diesen Menschen entstanden sein? Als ich das menschliche Elend sah, konnte ich nichts anderes tun, als ihnen zu helfen. Mit Tränen in den Augen befahl ich den beiden Fahrern der Wassertankwagen unter meinem Kommando, anzuhalten und mindestens einen von ihnen zu leeren, um ihre leeren Säcke und Eimer zu füllen. Einige von uns boten den durstigen Menschen am Straßenrand Wasser an. Ich hoffe, dass sich einige der von unserer Armee grausam behandelten Menschen daran erinnern, dass nicht alle Israelis unmenschliche Bestien sind.
Natürlich kam der ganze Konvoi hinter uns in dem vermeintlich »feindlichen Land« zum Stillstand. Ein Hauptmann kam zu Pferd an, schrie mich an und drohte mir mit dem Kriegsgericht, zog sich aber nach einer kurzen Auseinandersetzung zurück. Ich bemerkte auch in seinen Augen Tränen, als er Zeuge der Tragödie dieser müden und durstigen Flüchtlinge wurde. Wir leerten einen unserer beiden Tankwagen, bevor wir weiterfuhren. Später wurde ein Kriegsgerichtsverfahren gegen mich eröffnet, das jedoch zu nichts führte, da ich bald darauf verwundet und von der 9. Brigade versetzt wurde. Nie im Leben werde ich diesen Flüchtlingstreck vergessen, ebenso wenig, was ich damals empfand: Wut gegen diejenigen Verbrecher, die Menschen aus ihren Häusern und ihrem Heimatland vertrieben, das sie und ihre Vorfahren besessen und bestellt hatten.
Von den eigenen Leuten erschossen
Nach der Schlacht von Me’eeliya-Tarkhisha wurde unser Bataillon in die Berge Obergaliläas zurückverlegt und schlug sein Lager in einem leerstehenden christlich-arabischen Dorf Safsa direkt an der Grenze zum Libanon auf. Das Dorf war einen Tag zuvor von einer Kompanie der Golani-Brigade erobert worden und leer – bis auf einige Alte und Kranke. Diese Einheit war immer noch da. Sie wurde von einem südamerikanischen Oberst in schicker Uniform mit goldenen Tressen und Schulterriemen befehligt. Zwei Soldaten brachten einen sehr alten Mann, der kaum laufen konnte, zu diesem Kommandanten. Er schrie die Soldaten erst auf Spanisch und dann in gebrochenem Englisch an. Es klang so wie »Ihr Idioten, konntet ihr diesen alten Bastard nicht dort erledigen, wo ihr ihn gefunden habt.« Dann stieß er selbst den alten Mann über die etwa 30 Meter hohe Klippe, auf der wir gestanden hatten. Ich fragte einige Soldaten aus seiner Einheit, wie sie einen so schrecklichen Kommandanten ertragen könnten. Sie antworteten, dass sie bereits wiederholt vom Bataillonshauptquartier verlangt hatten, diesen Wahnsinnigen aus Lateinamerika loszuwerden. Die Antwort, die sie jedes Mal erhielten, war, dass er aus einer sehr reichen Familie stammte, die eine große Summe für die Kriegsanstrengungen Israels beigesteuert hätte. Einen Monat später wurde er im Kampf durch Kugeln von hinten getötet.
Nach etwa zwei Wochen kehrten wir aus dem eroberten Galiläa zurück. Man darf nicht vergessen, dass dieses Gebiet durch die UNO-Resolution über die Teilung Palästinas als Teil des arabisch-palästinensischen Staates vorgesehen war.
Anmerkung
1 Ruthi und Margalith, die Töchter von Tosca und Hans Lebrecht. Esther ist Esther Bejarano, Auschwitzüberlebende und die Schwester von Tosca.
→ Hans Lebrecht: Autobiographie. Ein deutscher Jude gegen die Nazis. Ein israelischer Aktivist für einen gerechten Frieden in Palästina. Galerie der abseitigen Künste, Hamburg 2027, 464 S., 29 Euro. Für die Finanzierung der Lebrecht-Biografie hat der Verlag ein Crowdfunding-Projekt gestartet und bittet alle, die können, um Unterstützung: www.startnext.com/hans-lebrecht-autobiographie
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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