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Aus: Naher Osten, Beilage der jW vom 15.05.2024
Resolution 181

Wie »die Welt« Palästina teilte

UN-Teilungsplan war Ergebnis einer von Kolonial- und Imperialmächten dominierten Ordnung
Von Knut Mellenthin
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Die Bilder haben sich in den vergangenen 76 Jahren kaum verändert: Menschen fliehen vor den Bomben aus Rafah (6.5.2024)

Am 29. November 1947 stimmte die UN-Vollversammlung mit der Resolution 181 der Empfehlung einer Kommission zu, das britische Mandatsgebiet Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat zu teilen. 56 Prozent der Fläche sollte dem Staat der Juden zufallen, die rund ein Drittel der Bevölkerung Palästinas ausmachten, während der arabische Staat mit 42 Prozent deutlich kleiner sein sollte. Jerusalem und seine Umgebung mit den übrigen zwei Prozent sollte als »internationale Zone« unter Verwaltung der UNO gestellt werden. Eine Entscheidung der Vollversammlung war erforderlich geworden, nachdem Großbritannien im Februar 1947 mitgeteilt hatte, es werde in nächster Zeit das Mandat für Palästina, das ihm der Völkerbund als Vorgänger der UNO 1922 übertragen hatte, niederlegen. Daraufhin war im Mai 1947 ein UN-Spezialkomitee für Palästina, UNSCOP, eingesetzt worden.

Irreführung

Die Darstellung des Vorgangs in der israelischen Propaganda sieht so aus: In Form der Resolution 181 sei eine demokratische und verbindliche Mehrheitsentscheidung der »Weltgemeinschaft« gefallen. Die jüdische Seite habe diese Entscheidung angenommen, die arabische Seite hingegen habe sie abgelehnt. Dadurch sei es zum Krieg gekommen, der den jüdischen Bewohnern des Mandatsgebiets aufgezwungen worden sei. Israels »internationale Legitimität« sei »eng mit der Teilungsresolution verbunden«.

Vieles an dieser Erzählung ist falsch oder irreführend:

1. Die UN-Vollversammlung stimmte lediglich einer Empfehlung zu, ordnete jedoch keine Maßnahmen rechtsgültig an. Sie übernahm auch keine tatsächliche Verantwortung für die Umsetzung des »Teilungsplans«. Folglich entstand durch den Beschluss keine völkerrechtliche Legitimität.

2. Nicht »die Juden« Palästinas insgesamt akzeptierten die Resolution, sondern deren damalige Vertreter. Für den ultrarechten, terroristischen Flügel des Zionismus, der unter dem Namen Irgun operierte, erklärte dessen Führer Menachem Begin am 30. November 1947: Die »Teilung des Heimatlandes« sei illegal und unmoralisch. Sie werde »niemals anerkannt werden«. Die Unterschriften von Institutionen und Individuen unter das Teilungsabkommen seien »ungültig«, das jüdische Volk sei daran nicht gebunden. »Eretz Jisrael« – eine sagenhafte Fiktion, deren angestrebte Grenzen noch keine israelische Regierung definiert hat – werde »wiederhergestellt« werden, »insgesamt und für immer«.

Da die Irgun fortwährend mit Terrorangriffen gegen die arabische Bevölkerung vorging, waren diese Worte keine folgenlose Deklaration, sondern repräsentierten einen besonders radikalen und barbarischen Teil der militärischen Eskalation durch die Zionisten, die unmittelbar nach der »Teilungsresolution« einsetzte. Über die politische Stärke der sich offen bekennenden Terroristen im zionistischen Spektrum gibt die Tatsache Auskunft, dass die von Begin gegründete Cherut bei der ersten Parlamentswahl am 25. Januar 1949 mit 11,45 Prozent viertstärkste Partei wurde. In den Jahren 1977 bis 1983 war Begin Premierminister. 1988 schloss die Cherut sich mit anderen Organisationen zur Partei Likud zusammen, an deren Spitze seit 2005 ununterbrochen Benjamin Netanjahu steht.

3. Die UNO zur Zeit der Resolution 181 bildete die damalige – von einer relativ kleinen Zahl imperialistischer und kolonialistischer Staaten – aufgeteilte und dominierte Welt ab. Dass der »Teilungsplan« eine sozusagen demokratische, völkerrechtliche Legitimität gehabt habe, ist schon von diesen Voraussetzungen her auszuschließen und zurückzuweisen. Am 29. November 1947 stimmten 33 Länder für die Resolution, 13 dagegen, und es gab zehn Enthaltungen. Außerdem ließ Thailand zu Protokoll geben, es sei »abwesend«. Insgesamt hatte die UNO damals 57 Mitglieder. Gegenwärtig sind es 193. Mit nur zwei Ausnahmen, Indien und Griechenland, kamen die Gegenstimmen von Ländern mit muslimischer Mehrheit. Der Sitz Chinas in der Weltorganisation wurde noch bis 1971 vom Guomindang-Regime eingenommen, das seine Truppen und Verwaltung 1949 nach Taiwan evakuiert hatte.

Die bei weitem wichtigsten Veränderungen in der UNO gegenüber der damaligen Situation haben sich durch die Entkolonialisierung in den Regionalgruppen Afrika und Asien-Pazifik ergeben. Der gesamte afrikanische Kontinent war 1947 nur mit vier Staaten vertreten, darunter das von weißen Rassisten beherrschte Südafrika und Liberia, das wegen seiner Kautschukproduktion völlig von den USA abhängig war. Inzwischen gibt es 54 afrikanische UN-Mitglieder. Elf Staaten gehörten damals zur Regionalgruppe Asien-Pazifik, gegenwärtig sind es 53. Insgesamt leben in diesen beiden Regionalgruppen heute rund 75 Prozent der Weltbevölkerung.

Sowjetische Unterstützung

Eine nicht mehr allgemein bekannte Besonderheit der Abstimmung am 29. November 1947 war: Die Sowjetunion und die übrigen Mitglieder der osteuropäischen Regionalgruppe – Weißrussland, Ukraine, Tschechoslowakei und Polen – stimmten mit Ausnahme Jugoslawiens, das sich enthielt, für die Teilungsempfehlung. Staats- und Parteichef Josip Broz Tito ging damals schon Sonderwege, die im Juni 1948 zum Ausschluss seines Landes aus dem von der Sowjetunion dominierten überstaatlichen Bündnis kommunistischer Parteien, Kominform, führten.

Dass Moskau dazu neigte, auch gegen den Willen der arabischen Seite einer Teilung Palästinas zuzustimmen, war erstmals am 14. Mai 1947 durch eine Rede des russischen Vertreters bei den Vereinten Nationen, Andrej Gromyko, deutlich geworden, die weltweit Überraschung ausgelöst hatte. Gromyko ging darin von der allgemein anerkannten Tatsache aus, dass Großbritannien bei der Umsetzung des Mandatsauftrags gescheitert und der gegenwärtige Zustand zwischen den streitenden Bevölkerungsgruppen nicht länger aufrechtzuerhalten sei. Grundsätzlich sei die Sowjetunion der Ansicht, dass es »keine einseitige Lösung« gegen den Willen einer der beiden Bevölkerungsteile geben dürfe. »Die Schaffung eines einzigen arabisch-jüdischen Staates mit gleichen Rechten für Juden und Araber« wäre eine der besten Arten, »dieses komplizierte Problem zu lösen«. Nur im Fall, dass sich das als unmöglich erweisen sollte, würde die Sowjetunion eine Teilung befürworten. Schwer ins Gewicht fielen dabei, so Gromyko, die außergewöhnlichen Leiden und Menschenverluste des jüdischen Volkes durch den deutschen Faschismus und die verzweifelte Lage von Hunderttausenden Überlebenden nach dem Krieg.

Die sowjetische Unterstützung für den entstehenden jüdischen Staat beschränkte sich keineswegs nur auf die Zustimmung zur »Teilungsresolution«. Während die von Präsident Harry S. Truman geführte US-Regierung anschließend ein Waffenembargo über die gesamte Region verhängte, erhielt die zionistische Seite mit aktiver Zustimmung Stalins und seines Außenministers Molotow militärische Lieferungen in bedeutendem, vielleicht sogar entscheidendem Umfang. Sie bestanden hauptsächlich aus Infanteriewaffen wie Gewehren, Maschinengewehren und Pistolen mitsamt der Munition. Obwohl seit dem Ende der Sowjetunion viele Dokumente zugänglich wurden, gibt es über Stalins Motive für die Unterstützung Israels – die schon um 1950 endete – nur Vermutungen.

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