Rechts vor links
Böhmermann fährt Schwalbe
Lehrbuchmäßig« heißt, dass die Regel über die Ausnahme siegt, und ein Fachgesetz lautet, dass Volkszorn über Satire nicht genuin ist, sondern stimuliert wird. Muslimen am anderen Ende der Welt muss man einen europäischen Mohammed-Witz erst hinhalten, damit sie Nationalflaggen anzünden, und als das endgültige Satiremagazin Titanic sich im Jahr 2000 mit einem Geschenkkorb in die Vergabe der deutschen Fußball-WM eingemischt hatte, machte erst Bild das Fass auf: »Böses Spiel gegen Franz!« Der damals halt noch nicht korrupt war; das kam erst später.
Fast zwei Wochen hat es gedauert, bis ein Witz aus Jan Böhmermanns »ZDF Magazin Royale« für die rechte (und eben: rechte) Empörung sorgen durfte. Denn so linksversifft ist die Republik dann wieder nicht, dass man den Massen das nicht erst hinterbringen müsste, dass sich wer über ihr neues Idol Ulrich Siegmund lustig gemacht hat und Böhmermann, wie im für jenen so erfolgreichen Wahlkampf, mit blauer Simson-Schwalbe und weißem Helm durch ein Filmchen saust – bis ein Lkw von links der Fahrt ein Ende macht. Und, um sicherzugehen, noch einmal zurücksetzt. Eine widerwärtige, geschmacklose, erbärmliche »Tötungsphantasie«, fanden alle, denen die Sendung am 2. Oktober noch egal gewesen war, und im Netz schäumten Nius und der Welt-Kanal mit denen um die Wette, die es immer schon gewusst haben, dass Linke die eigentlichen Gewalttäter sind. Beim ZDF, las man, »glühen die Leitungen«, denn von Satire verstehen die Leute zwar nichts, wissen aber, wann die Grenzen der Satire erreicht sind. Man muss es ihnen nur sagen.
Jede Satire hat ihr Opfer, und dass der Spitzenkandidat einer Partei, für deren Anhängerschaft die sozialmediale Morddrohung – falls nicht der physische Angriff – Tagesgeschäft ist, dann eben aufpassen muss, sollte bereits die erste Instanz überzeugen. Noch unverfänglicher und kunstfreundlicher ist die Interpretation, wonach Böhmermann nicht als Siegmund-Double, sondern Allegorie des Faschismus über Land fährt (Faschismus = Politik als Gewalt), und wenn die freiheitliche demokratische Grundordnung klug ist, legt sie den Rückwärtsgang ein. Vielleicht hätte sich Böhmermann sogar einen Gefallen getan, wenn er »Demokratie« auf den Lkw hätte pinseln lassen. Das ist zwar übelstes Karikaturenwesen, aber dann ist es eben »camp«, und die Aufregung müsste nicht halb so groß sein.
Doch jetzt, wo die Aufregung da ist, geht es genau darum: wie sie sich kitzeln lässt. Der Aufschrei der empörten Massen, ihre Wehrbereitschaft vorm entmenschten Bolschewismus – das funktioniert noch immer, und man kann, wie die FAZ, finden, der Entertainer habe den Nazis ein Geschenk gemacht (»Jan Böhmermann nützt der AfD als Simson-Fahrer«). Ganz praktisch hat er das auch, zugleich aber ein Stück Aufklärung geliefert darüber, dass politische Gewalt nur dann von rechts beheult wird, wenn sie auch eine gegen rechts ist; das war schon unter Goebbels so. Wenn AfD-Funktionäre linken Jugendlichen mit dem Baseballschläger kommen, ist das lässlich, und wer in Sachsen-Anhalt in Zukunft Asylbewerberheime anzündet, ist kein Schwein, sondern ein Held. Der Ost-Kabarettist Uwe Steimle, der, natürlich im wortspielenden Scherz, Merkel an der Wand sehen wollte und fragte, wo Stauffenberg sei, wenn man ihn mal brauche, ist als AfD-Maskottchen gern gesehen und just darum das logische und faktische Prius des Einfalls, einen harmlosen Rollertörn an den Gefahren des Straßenverkehrs scheitern zu lassen.
Sicher ist der Clip Teil der vielbeschworenen »Verrohung des politischen Diskurses«, die er ja nicht mildert, indem er sie fortspinnt. Er hat sie aber nicht erfunden, und der grobe Keil gehört so zum groben Klotz wie die Heuchelei zum rechten Rand. Deshalb ist es Quatsch und dumm, die Gegenprobe zu machen wie der FDP-Generalsekretär Martin Hagen: »Man stelle sich mal umgekehrt vor: Ein rechter TV-Clown belustigt sein Publikum mit Mordphantasien gegen ’nen linken Politiker. Wie lange würde der ÖRR den wohl durchfüttern? Man muss keine Sympathien für die AfD haben (ich habe null), um das abzulehnen!« Denn erst kommt die rechte Gewaltphantasie, dann – wie im Fall Danger Dan/»Anstalt« – die linke. Die darf man gern ablehnen; aber den Rechten den Gefallen tun und ihre Opfererzählung bestätigen ist auch so ein Lehrbuchfall: für bürgerliche Blindheit.
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