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IWF

Gestapelte Krisen

Der KI-Nachfrageschock bremst den Energiepreisschock, verschärft aber den Kreditschock auf den Anleihemärkten. Kürzen ist laut IWF angesagt, nicht Entlasten

Foto: Patipat Janthong/Reuters
Es geht um viel Geld beim Treffen von IWF und Weltbank in Bangkok (13.10.2026)

Läuft doch. Könnte man meinen. Immerhin bescheinigte der Internationale Währungsfonds (IWF) den größten Volkswirtschaften des Sonnensystems in seinem »World Economic Outlook« (WEO) am Dienstag dezentes bis sattes Wirtschaftswachstum: Das in den USA würde um 2,3 Prozent wachsen, in China um 4,5, in Deutschland um 1,3, in Indien um sieben und in Japan um 0,7 Prozent, lautete die Zusammenfassung auf X. »Die weltweite Wirtschaftstätigkeit hat sich erneut als widerstandsfähig erwiesen«, feierte die Speerspitze des Finanzkapitals per Mitteilung ferner das globale Wachstum von 3,1 Prozent im laufenden und die prognostizierten 3,4 Prozent im kommenden Jahr. Indes seien »die Spielräume für notwendige Anpassungen nicht unbegrenzt«, derweil zahlreiche Risiken das große Geschäft zu dämpfen drohten.

»Eskalierende Konflikte« militärischer sowie ökonomischer Natur etwa. Von denen können die Golfstaaten ein Lied singen. 16,7 Prozent ökonomischer Schwund stehe Kuwait bevor, wertete The National, eine Staatszeitung der Vereinigten Arabischen Emirate, den WEO für das Epizentrum der tobenden Weltordnungskriege aus. Zweistellig treffe die Rezession demnach auch Katar und Bahrain. Saudi Arabien, das auf alternative Exportrouten zurückgreifen könne, schrumpfe mit 3,3 Prozent »weniger drastisch«. Zwischen ihnen rangiere der zusätzlich von US-Sanktionen gebeutelte Iran mit einem Minus von 7,6 Prozent – bei einer Inflation von 78,6 Prozent. Einzig Oman könne sich über ein Wirtschaftswachstum von 4,1 Prozent freuen. Würde die Straße von Hormus wie vom IWF angenommen im März 2027 wieder geöffnet und dann bis Oktober zum Zustand vor dem Krieg gegen Iran zurückgekehrt, wäre eine zügige Erholung der Golfregion denkbar. Das ist freilich wie so oft: reine Spekulation.

Im Rest der Welt sei der Ölpreisschock durch den Boom künstlicher Intelligenz (KI) abgefedert worden, resümierte die Financial Times. Letzteren wertet der IWF allerdings als eigenen, nämlich »großen und vorgezogenen Nachfrageschock«, der »Kapazitätsengpässe in mehreren Sektoren« offenbart habe. Blieben die erhofften Produktivitätsgewinne aus, könnte eine Marktkorrektur die Weltwirtschaft – allen voran die USA und Asien – bis 2028 gut ein Hundertstel ihrer Leistung kosten: 1,2 Billionen Euro wären das – etwa ein Viertel des deutschen Bruttoinlandsprodukts.

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Dass das nicht nur eine böse Ahnung ist, zeigt der am Dienstag ergänzend veröffentlichte »Global Financial Stability Report« (GFSR). In nur zwei Jahren habe das Wettrennen um Rechenzentren demnach den Anteil von Hyperscalern wie Amazon, Microsoft und Alibaba an neu emittierten erstklassigen Anleihen von unter einem auf zehn Prozent getrieben. Die gute Bonität ist allerdings fraglich: In einem dichten Geflecht »zirkulärer Finanzierung« – das an die Dotcom-Blase erinnert – stünden 300 Milliarden US-Dollar Eigen- und 650 Milliarden Dollar Fremdkapital inzwischen Umsatzzusagen von 1,4 Billionen Dollar gegenüber. Das ist ziemlich ehrgeizig, wenn nicht aufgebläht, zumal Branchengigant Open AI noch nicht eine einzige schwarze Zahl geschrieben hat und das Geschäftsjahr 2025 mit einem Verlust von fast 40 Milliarden Dollar abschloss. Wie so oft: ein Kartenhaus.

Diese ebenso lukrative wie riskante Wette wiederum tritt Staatsanleihen auf den Kapitalmärkten als Konkurrenz gegenüber und verschärft somit ein drittes Risiko für die Weltwirtschaft: den fiskalischen Renditeschock. Das kommt erstens zur Unzeit, da der Anleihenmarkt aufgrund »historisch hoher Staatsverschuldung« laut GFSR ohnehin fragil ist, und wirkt zweitens auf die KI-Spekulation zurück, da steigende Zinsen die Bewertung künftiger Gewinne drückten und neue Kredite verteuerten.

Was also tun? Laut IWF wie so oft zuvörderst sparen: Breite Entlastungen wie Spritsubventionen, Steuersenkungen oder Preisdeckel seien zu vermeiden. Zudem sollten die Kapitalmärkte gezügelt werden: Private Risikokapitalgeber sollten besser überwacht, Banken notfalls mit Kapitalauflagen gebremst werden. Drittens müssten die Preistreiber Energie und KI mittels höherer Leitzinsen eingehegt werden. Der IWF bleibt sich schließlich treu: Dass die Reallöhne in früheren Teuerungskrisen noch drei Jahre später rund drei Prozent unter dem Vorkrisenpfad lagen, hält ihn nicht davon ab, Kürzungen anzuordnen. Für Märkte gelte es indes, »Auffanglinien« zu schaffen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 14.10.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

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