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Sachbuch

Im Netz der Abhängigkeiten

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Cecilia Rikap untersucht in ihrer»Teoría de la dependencia digital« die politische Ökonomie des Techkapitalismus

Von Barbara Eisenmann
Foto: Audrey Richardson/REUTERS
Im Inneren des Behemoth: Rechenzentrum von Microsoft (Mount Pleasant, Wisconsin, 18.9.2025)

Die argentinische Ökonomin Cecilia Rikap hat an das Ende ihrer Studie zur »Teoría de la dependencia digital« einen bemerkenswerten Satz gestellt: »El conocimiento será crítico o cómplice« (das Wissen wird entweder kritisch sein oder mitschuldig). Ihre eigenen Arbeiten sind in diesem Sinn als Untersuchungen der politischen Ökonomie der Gegenwart zu verstehen, die darauf abzielen, ein Wissen zu produzieren, das gesellschaftliche Alternativen wenigstens denkbar machen kann. Ihr neues Buch ist eine von vielen empirischen Details gestützte Analyse des »digitalen Kapitalismus«, in dessen Zentrum eine Handvoll US-amerikanischer Techkonzerne steht (deren chinesische Pendants spielen außerhalb der Volksrepublik vorerst nur eine sekundäre Rolle).

Der Kern der Sache sind, Rikap zufolge, die Clouds, die ein Netz von Abhängigkeiten erzeugt haben. Clouds sind gleichbedeutend mit Speicherplatz, sind aber auch Anbieter von Software, KI-Modellen, Rechenleistung usw. Die Kundschaft ist dafür also nicht mehr auf die eigenen Computer angewiesen. Die Clouds sind so zu einem globalen Markt- und Arbeitsplatz avanciert, der – und das ist der springende Punkt – von drei Konzernen dominiert wird: Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure und Google Cloud. Diese Techgiganten haben nicht nur zahlreiche andere Unternehmen, öffentliche Universitäten, Forschungseinrichtungen, Startups, freie Softwarecommunitys, sondern längst – und das ist der nächste springende Punkt – auch Staaten in ihre »Sphären der Kontrolle« gezogen und zu Zwangskunden (»clientes forzosos«) gemacht. Es sind die unzähligen von der Cloud subsumierten Organisationen, die massenhaft Daten und Wissen produzieren: über Betriebsgeheimnisse, proprietäre Quellcodes, Softwarepatente usw.

Rikap buchstabiert es im Detail aus, wie sich diese kollektiv erarbeiteten Wissensbestände in immaterielle Vermögenswerte in den Händen einiger weniger Cloudanbieter verwandeln. Diese »intellektuellen Monopole« werden wiederum Staaten selbst immer ähnlicher – ein weiterer springender Punkt –, und sie verfügen über eine präzedenzlose antidemokratische Macht. Denn sie entscheiden u. a., was, wie, wozu und für wen geforscht wird. Kritisches Denken und alternative Gesellschaftsentwürfe geraten dabei immer mehr ins Hintertreffen.

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Rikap nimmt die neuen globalen Abhängigkeitsverhältnisse politisch, ökonomisch, juristisch unter die Lupe und greift dazu auf die in Lateinamerika in den 1960er Jahren entstandene marxistische Dependenztheorie zurück. Auch wenn sich die Beziehungen heute nicht mehr unbedingt als Abhängigkeiten der Kolonien von ihren Metropolen verstehen lassen, erlaubt ihr die Dependenztheorie, nach wie vor wirkmächtige Konzepte zu problematisieren, etwa die der technologischen Innovation und des Fortschritts, die an das Konzept des Wirtschaftswachstums gekoppelt sind. Selbst sozialdemokratisch regierte Staaten versprechen sich von den US-Rechenzentren wirtschaftlichen Aufschwung auch in ihren jeweiligen Ländern. Ziel ihres Buches sei es daher, zu erklären, warum dieser Umstand nicht zu Wachstum, sondern vielmehr zur Vertiefung von Unterentwicklung und Abhängigkeit, aber auch zur Verschärfung der ökologischen Katastrophe führt. In diesem Zusammenhang bringt die Autorin, die ein erhellendes neues Vokabular einführt, den Begriff eines »Zwillingsextraktivismus« ins Spiel: Nicht nur Daten werden angeeignet, sondern parallel dazu auch die für ihre Prozessierung notwendigen Rohstoffe.

Rikap, die als Professorin für Internationale Politische Ökonomie am Institute for Innovation and Public Purpose am University College in London arbeitet, adressiert immer wieder auch Europa als »digitale Peripherie«. Die außerordentliche Macht, die technologischer Hegemonie »made in USA« innewohnt, beispielsweise ein Satellitensystem wie »Starlink« einfach abzuschalten, hat die in Brüssel Regierenden seit Trumps zweiter Amtszeit aufgeschreckt. Doch die Herstellung digitaler Souveränität – eines der neuen ideologischen Schlagworte – ist nicht bloß ein technologisches Pro­blem der Entwicklung eigener digitaler Infrastrukturen mit nationalen Champions, sondern vorrangig ein politisches.

Die zentrale nicht gestellte Frage in diesem Zusammenhang lautet: Wem gehören diese Infrastrukturen? Dass sich die Schwarz-Gruppe, Muttergesellschaft von Lidl und Kaufland, mit Schwarz Digits und der Cloud Stackit als Alternative zu den US-Anbietern in Stellung bringt (und dabei um den Staat als Kunden wirbt: Die Polizei von Baden-Württemberg, die Bundesanstalt für Arbeit, das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung usw. haben bereits Vereinbarungen und Partnerschaften angekündigt), ändert nichts an den politisch-ökonomischen Verhältnissen und heißt am Ende schlicht und ergreifend, dass statt Amazon bald Lidl die Kontrolle über gesellschaftliche Entwicklungen übernehmen könnte. Digitale Infrastrukturen, Clouds und KI-Modelle müssten, so Rikap, öffentliche Güter sein wie Fahrradwege oder die Straßenbeleuchtung. Wie dieser erste Schritt in Richtung demokratisch geplanter neuer Institutionen zu machen wäre, skizziert sie, ohne Antonio Gramsci selbst zu erwähnen, aber ganz in seinem Sinn »nüchtern, geduldig« am Ende des Buches.

→ Cecilia Rikap: Teoría de la dependencia digital. Soberanía y desarrollo en el capitalismo del siglo XXI, Caja Negra, Buenos Aires 2026, 240 Seiten, 22,50 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 12.10.2026, Seite 10, Feuilleton

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