Wie Tesla EU-Behörden weichkocht
Elon Musk treibt die EU-weite Zulassung selbstfahrender Teslas voran. Keine Studie ist zu dubios, keine Kampagne zu aggressiv. Nun steht er vor dem Durchbruch
selbstfahrende Teslas die Straßen dieser Welt erobern, verspricht Elon Musk seit mehr als zehn Jahren.
Vollautonome Teslas gibt es bisher nur in bestimmten Regionen in Texas und Florida. Verbreiteter sind Assistenzsysteme, bei denen das Fahrzeug im Autopilotmodus gesteuert wird, der Fahrer aber verantwortlich bleibt. Wie im Flugzeug, nur weniger ausgereift. Hunderte Unfälle sind dokumentiert, bei denen die Software völlig grundlos Vollbremsungen veranlasste, Teslas rote Ampeln überfuhren oder auf die Gegenfahrbahn rasten. Dutzende Menschen kamen dabei zu Tode. Aber Musk erklärt völlig unbeeindruckt, sein »Full Self-Driving«-System (FSD) rette Menschenleben.
Es ist das Kernargument einer aggressiven Lobbykampagne, mit der Tesla auch in Europa erste Erfolge erzielt hat. Acht EU-Länder haben mittlerweile nationale FSD-Zulassungen erteilt: Dänemark, Belgien, Tschechien, Kroatien, Estland, Litauen, Slowenien und die Niederlande.
Letztere konnte im Frühjahr sogar dazu gedrängt werden, das FSD-System für eine EU-weite Zulassung vorzuschlagen. In Kürze sollen die Aufsichtsbehörden der 27 Mitgliedstaaten darüber abstimmen. Tesla benötigt eine Zustimmung von 55 Prozent, wobei die Jasager mindestens 65 Prozent der EU-Bevölkerung vertreten müssen.
Aus Deutschland ist vor der Abstimmung nur zu erfahren, dass die Unterlagen des niederländischen Kraftfahrtamts Dienst Wegverkeer (RDW) geprüft würden. Wie diese Unterlagen zustande kamen und was von ihnen zu halten ist, haben Reuters-Journalisten in dieser Woche nach einer groß angelegten Hintergrundrecherche dargelegt.
Demnach legte Tesla dem RDW zwei Studien vor, in denen Äpfel mit Birnen verglichen werden. Eine Studie wurde in den USA gemacht. Dort wurden die Unfälle gezählt, bei denen Airbags in FSD-gesteuerten Teslas ausgelöst wurden. Verglichen wurde das Ergebnis mit der Zahl aller Unfälle, bei denen Abschleppwagen geholt wurden – auch wegen kleinerer Blechschäden oder ausgefallener Elektronik. Und siehe: FSD macht den Verkehr sicherer.
Ergänzt wurde die dubiose Erhebung mit einer neueren Studie aus Europa. Hier wurden einige professionelle Testfahrer in FSD-gesteuerten Teslas in die Spur geschickt. Deren Datensätze wurden mit denen aller europäischen Tesla-Fahrer abgeglichen: Wie oft wurde gehupt, geblinkt, schnell beschleunigt oder scharf gebremst? Wie oft wurden Kurven gekratzt? Alles keine verlässlichen Indikatoren für Unfallgefahr. Zudem war die Stichprobe der professionellen Testfahrten zu klein, um aussagekräftig zu sein.
Im übrigen ist davon auszugehen, dass Profitestfahrer mit Assistenzsystemen besser umgehen können als Hinz und Kunz. Sie erkennen brenzlige Situationen im Straßenverkehr früher, können vielleicht auch ein FSD-System noch deaktivieren, bevor es den Wagen mit Vollgas in den Gegenverkehr steuert.
Wohl auch, um von der Lächerlichkeit dieser Studien abzulenken, überzog Tesla die Prüfer vom RDW mit Beschwerden über Kosten, Methoden und Verzögerungen. Reuters hat den Mailverkehr eingesehen, zum Teil geschwärzt. Vorweg: In Europa müssen Autokonzerne die Kosten für Zulassungsprüfungen selbst tragen. Als die Niederländer im Mai 2025 fünf Prüfer in die Gigafactory bei Berlin schicken wollten, übernahm Tesla nur für zwei die Reisekosten. Überhaupt war dem Konzern, der vergangenes Jahr 95 Milliarden US-Dollar Umsatz machte, die »Reiselogistik« für RWD-Prüfer, die die Tests vor Ort bezeugen sollten, zu teuer. Im Zweifel sollten Tests schriftlich angemeldet oder besser gleich abgeblasen werden.
Das niederländische Amt reagierte auf diese Vorgaben erschreckend devot. Man wolle dies und das »nicht in Frage stellen«, wolle »nicht zu tief in technische Details einsteigen«, zitierte Reuters aus amtlichen E-Mails. Und überhaupt: »Wir hoffen, dass Sie erkennen, dass unsere Bemühungen von den besten Absichten getragen sind, diese gemeinsamen Ziele zu unterstützen und zu erreichen.«
So kamen also die Unterlagen zustande, die nun in der EU noch mal geprüft werden. Womöglich wohlwollend. Als der französische Verkehrsminister Philippe Tabarot (Les Républicains) im Juli Sicherheitsbedenken gegen eine EU-weite Zulassung des FSD-Systems vorbrachte, blies Elon Musk auf seiner Social-Media-Plattform X zum Shitstorm: »Die Verzögerung der Zulassung von FSD in Frankreich wird Menschenleben kosten.«
Seine Jünger bombardierten daraufhin Tabarots X-Account. Sie machten den Minister für alle Unfälle und Todesfälle im Straßenverkehr persönlich verantwortlich. Und wenn auch nicht wegen dieser wüsten Beschimpfungen: Tabarot knickte ein. Im September postete der Minister ein Foto von einem virtuellen Treffen mit einem lächelnden Musk und schwärmte von »konstruktiver«, ja »enger Zusammenarbeit«. Änderungen beim FSD-Antrag »werden es Frankreich ermöglichen, die Zulassung zu unterstützen«.
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