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Lyrik

Die Dummheit wächst und wächst

Neues vom Multiartisten Gerhard Rühm: »welt im wandel – poetische texte«

Foto: gezett/IMAGO
»schbiglflegg / schbozndregg / grammschädl / schdaubwedel …«

Es war beim »Sprachsalz«-Festival 2016 in Pforzheim. Die Lesungen hatten ein Ende gefunden, da verschwanden die eher jungen Wortwerker lange vor Mitternacht in ihre Hotelbetten. Nur ein Wortwerker war noch lange nicht müde: Gerhard Rühm, damals schon weit über achtzig Jahre alt, winkte mit Getränkegutscheinen und lud in die Bar ein. Die Einladung konnte natürlich nicht ausgeschlagen werden, denn das wäre äußerst unhöflich gewesen. Also wurde munter geredet und getrunken bis drei in der Früh.

Gerhard Rühm muss nicht vorgestellt werden. Wer ihn jedoch nicht kennt, möge sich in der Mediathek von Deutschlandfunk Kultur in der »Zeitzeugen«-Reihe die fünfteilige Folge »Begegnungen mit Gerhard Rühm« von jW-Autor Florian Neuner und Carolin Naujocks, Redakteurin für Neue Musik, anhören. Die beiden haben in Köln und Wien zwischen November 2023 und Februar 2026 fünf Gespräche mit dem heute 96jährigen Multiartisten geführt, um sich seinem Werk von der musikalisch-akustischen Seite her zu nähern. Begonnen hat Rühm seine künstlerische Laufbahn als Musiker, aber auch das Zeichnen und die Dichtung sind Bereiche, in denen Gerhard Rühm zu Hause ist. Am bekanntesten ist Gerhard Rühm als Autor mediale Grenzen überschreitender Poesie und als Mitbegründer der Wiener Gruppe. Über diese Gruppe sagte Rühm 2016: »Ja, Wiener Gruppe. Da hat uns natürlich vor allem interessiert, die von den Nazis unterbrochene Traditionen fortzusetzen beziehungsweise überhaupt zu erkennen. Das war aber damals sehr schwierig, denn die Sachen waren einfach von der Bildfläche verschwunden.«

Nun hat Gerhard Rühm das in vier Teile gegliederte Buch »welt im wandel – poetische texte« vorgelegt. Es enthält so gut wie alle poetischen Texte (Gedichte und Kurzprosa), die seit dem Tod seiner Frau Monika Lichtenfeld im Jahr 2023 entstanden sind. Rühm macht keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Gedicht und Prosa – anspruchsvolle Prosa sollte aus seiner Sicht genauso artifiziell mit dem Material Sprache arbeiten wie das Gedicht, das sich semantisch mit dem programmatischen Begriff »Verdichtung« deckt. Der erste Teil ist der Erinnerung an Monika Lichtenfeld gewidmet – Texte des Abschieds in Liebe. »wir können nicht mehr zueinander kommen / der tod hat grausam dich mir weggenommen«, heißt es in dem Gedicht ›hilflos‹. In ›offen gebliebene frage‹ lesen wir: »was / was war es / das SIE / (…) mit angestrengt bewegten lippen / verzweifelt aufgerissenen augen / in vielen vergeblichen versuchen / mir unbedingt noch sagen wollte bevor / SIE starb.« Angesichts des Todes der geliebten Partnerin drängt sich der Gedanke an den eigenen Tod auf: »der weg zu meiner toten / war eben noch zu weit / nun ist er nah / bald bin ich / da.« An anderer Stelle will Rühm in großen Lettern geschrieben sehen: »ich schreibe und schreibe! / mit ganzem Leibe / schreibe voran / solange ich kann / mir ist nicht bange / ich kann noch lange.« Nach dem Tod, so Rühm in dem Text ›sterben lohnt sich nicht‹, hat man keine Sorgen mehr, »man muss nicht öde schriftsachen zu lesen bekommen, nicht öde filme und verpfuschte theaterstücke oder opern ansehen, man muss nicht das torgegröle faschistoider fussballer und ihrer fanclub-kunstbanausen anhören, man muss nicht fade einladungen annehmen oder selbst welche inszenieren …«

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Der zweite Teil von »welt im wandel« ist der Filmemacherin Martina Kudláček gewidmet, die Rühm kennenlernte, als der gebürtige »verna« Wien statt Köln als Lebensmittelpunkt wählte. »deine geschichte, deine stimme, deine lippen, dein mund, dein mund. deine lippen, deine stimme. hören und lauschen. sehen und wahrnehmen. das erleben eines großen glücksgefühls.« Rühms Gedichte für Martina Kudláček erinnern an die verliebter Teenager: »wo du süsse bist / ist es so gut / zu sein.«

Die Teile drei (›skriptomanie‹ und vier (›in alle richtungen‹) enthalten unterschiedliche Texte, die überwiegend zum Vortrag bestimmt sind. In dem Text ›der zeigefinger‹ heißt es: »ein abgetrennter blutbefleckter zeigefinger liegt auf der dreckigen strasse und zeigt in die zukunft: sie wird über alle massen schrecklich sein – das unheil ist bereits in vollem gange.« ein ›futuristisches stimmungsbild‹ sieht so aus: »es geht zu ende eben / verdorrt das pflanzenleben / die wälder weggestutzt / ›nutz‹tiere ausgenutzt …« Dem düsteren Stimmungsbild folgt das ›digitallamento‹: »man sieht wie die dummheit wächst und wächst / schon hat sie die wichtigsten stellen besetzt / doch bald wird alles konsequent / vom sieg der KI in den müll gehetzt.«

Grandios ist das Wiener Klanggedicht ›noankastl‹, das differenziert im breiten Wiener Dialekt vorzutragen wäre: »schbiglflegg / schbozndregg / grammschädl / schdaubwedel …«

Einen Staubwedel benötigt Rühm ganz und gar nicht. Er hält mit seinen Texten nach wie vor die trüben Tassen in Schach, die Familienromane mit mehr als zwei Seiten schreiben, sowie die Riege verstaubter Poeten, die glaubt, sich weiter der überholten literarischen Ausdrucksformen bedienen zu können, nach dem Motto »Drum samma froh und heiter / und machen immer weiter!«

→ Gerhard Rühm: welt im wandel – poetische texte. Ritter-Verlag, Klagenfurt am Wörthersee 2026, 174 Seiten, 29 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 07.10.2026, Seite 10, Feuilleton

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