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»All diese Kids kämpfen für dieselbe Sache«
Frankreichs Jugend protestiert nicht nur gegen die Kürzungen im Bildungssektor. Ein Gespräch mit Hamadi H.
Sie beteiligen sich an den Protesten unzähliger Jugendlicher und Schüler gegen die französische Regierung. Was war der ursprüngliche Wendepunkt: Die Frustration über den ständigen Unterrichtsausfall oder eine tiefer sitzende Entfremdung vom Bildungssystem?
Das Schulsystem versagt, aber das Problem geht weit über die Éducation Nationale hinaus. Jugendliche aus den Banlieues sind von vornherein benachteiligt, weil ihnen das kulturelle Kapital fehlt. Das ist die erste Form von Chancenungleichheit. Dazu kommt, dass der Staat arme Menschen in Vororte und Cités HLM (»Habitation à loyer modéré« ist eine Form des sozialen Wohnungsbaus, jW) pfercht – marode Viertel mit minderwertigen Wohnungen. In der Nähe liegen die staatlichen Schulen. Dort landet man automatisch. Wer Geld hat, geht auf eine private und wer nicht, endet auf den heruntergekommenen Schulen.
Wie schlimm sind die Zustände dort?
Das geht seit Jahren so: Ratten, Überschwemmungen, Kakerlaken, fehlende Dächer, keine Stühle. Wir sitzen zu 36 Personen in den Klassen. Im Winter gibt es keine Heizung, und wir tragen Mäntel, im Sommer hat es 40 Grad Celsius. Unter diesen Bedingungen ist Lernen unmöglich. Gleichzeitig streicht die Regierung weiter Tausende Lehrerstellen. Einige von uns haben vor dem Baccalauréat (entspricht dem Abitur, jW) monatelang überhaupt keinen Unterricht in Kernfächern. Wir sind es leid, dass Macron Spielchen mit uns spielt. Die Regierenden erfinden schwachsinnige Reformen wie das Verbot von Abayas (traditionelles Frauenkleid aus Westasien oder dem Maghreb, jW) oder Handys, investieren aber keinen Cent in unsere Bildung. Den Pass Culture haben sie um die Hälfte gekürzt. Jeden Tag Unterricht von acht bis 18 Uhr – das Leben zieht an uns vorbei. Wir haben beschlossen: Wenn die Regierung nicht hört, werden wir sie zwingen. Wir sind mehr als die Polizei, und wir sind entschlossen.
Der Staat kürzt bei Bildung und Sozialem, während die Militärausgaben steigen. Bringen die Proteste beides zusammen?
Ja. Wir blockieren nicht nur, wir halten Reden und artikulieren unsere Forderungen. Unter dem Vorwand des Sparens kürzt der Staat die Bildungsgelder – und pumpt gleichzeitig astronomische Summen in den Krieg. Das ist skandalös und ungerecht.
Geht es nur darum, die Budgetkürzungen zu stoppen, oder auch um eine systemische Transformation?
Sehr viele von uns fordern einen grundlegenden Systemwechsel. Dieses System, das auf einer idealisierten Leistungsgesellschaft basiert, versagt kläglich. Allerdings wissen wir nicht, wie weit wir aktuell kommen. Ein echter Systemwechsel braucht mehr als nur uns – das betrifft alle Lebensbereiche und erfordert das gesamte Volk. Vorerst kämpfen wir um jede echte Reform: mehr Geld, mehr Lehrer. Aber für nachhaltige Veränderungen müssen sich alle zusammenschließen, die nicht von diesem System profitieren.
Wenn man der Polizei vor der eigenen Schule gegenübersteht, wird daraus Klassenbewusstsein?
Man kann das Gefühl nicht beschreiben, wenn man die Unlogik dieses Systems am eigenen Leib erfährt. Ich wusste, dass die Polizei ungerecht ist. Aber wenn du siehst, wie sie Gewalt anwendet, um dich oder deine Mitschüler zu unterdrücken, wird dir klar, wie machtlos du als einzelner bist. Ich habe mich vor einem Polizisten über sein Pferd lustig gemacht und gefragt: »Ist das Pferd auch bewaffnet?« Er hat mir direkt gedroht. Da habe ich begriffen: Wenn er mich jetzt lynchen will, kann ich gar nichts tun. Man erkennt die Unrechtmäßigkeit ihrer Gewalt. Sie sind unsere Bösewichte. Einem Jugendlichen wurden die Zähne ausgeschlagen, einer hat sein Auge verloren, ein anderer seine Hand oder gar den ganzen Arm. Ein Polizist hat einen Minderjährigen mitten auf der Straße gezwungen, sich nackt auszuziehen. Eine 14jährige wurde gewürgt, weil sie blockiert hat.
Das sind wir. All diese Kids aus ganz Frankreich kämpfen für dieselbe Sache. Der Staat erklärt seine Gewalt eigenmächtig für legitim, stellt uns aber als Kriminelle dar. Eine Revolution hat man noch nie gemacht, indem man dem Unterdrücker schmeichelt. Wie wir in der Schule sagen: Sie haben Ludwig XVI. auch nicht um Erlaubnis gefragt, bevor sie ihm den Kopf abgeschlagen haben.
Hamadi H. besucht eine Schule im Osten von Paris und beteiligt sich an den anhaltenden Protesten in Frankreich gegen die Regierung von Präsident Emmanuel Macron
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