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»Wir haben uns noch nicht vom Bürgerkrieg erholt«
Sri Lankas Regierung kommt beim Friedensprozess kaum voran. Ein Gespräch mit Visaka Dharmadasa
Wir schreiben 2026, also 17 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs, der Sri Lanka unzählige Opfer gekostet und tiefe Wunden hinterlassen hat. Wie präsent ist das Thema mit seinen Langzeitfolgen noch?
Wir haben uns trotz dieser langen Zeit noch immer nicht völlig erholt. Das ist sehr traurig. Rückblickend würde ich sagen, dass die Zeit um 2015 die beste war für ein Vorankommen. Damals wurden zwischen der Regierung und den Vereinten Nationen bestimmte Mechanismen zur Aufarbeitung etabliert, zum Beispiel ein Büro für die Fälle von Vermissten und ein Büro für Reparationen. Das war ein ganz wichtiger, grundlegender Schritt. Später wurde es schnell wieder schwieriger.
Die von Ihnen gegründete Association of War Affected Women Sri Lanka, AWAWSL, setzt sich weiterhin für den Friedensprozess und für Versöhnung ein. Wie waren die Anfänge?
Das war noch zu Zeiten des eskalierten Konflikts. Die AWAWSL wurde 1999 gegründet und 2000 offiziell registriert. Auslöser war für mich, dass mein zweiter Sohn, damals in der Armee, als vermisst galt. In der gleichen Situation waren und sind zahlreiche Familien, und zwar auf beiden Seiten. Der Versöhnungsprozess zwischen den Bevölkerungsgruppen bleibt noch immer schwierig, gerade wegen der vielen Opfer und Narben. Wir haben mit unserer NGO und vielen Partnern den Ansatz: Jeder, der in diesem Land geboren wird, ganz gleich welcher ethnisch-religiösen Herkunft, soll zumindest das Recht und die Möglichkeit haben, einmal an der Spitze zu stehen. Daran halten wir fest, doch an dieser Vision als Grundlage für die gesamte Gesellschaft fehlt es bis heute.
Ist eine Hürde nicht auch, dass weiter nicht offen über die Vergangenheit gesprochen wird? Das Thema ist ja immer noch mit Tabus belegt …
Das stimmt. Unter der Regierung von Präsident Mahinda Rajapaksa (2005 bis 2015. Sie beendete den Krieg mit der LTTE mittels einer blutigen finalen Militäroffensive, jW) bekam die Bevölkerung unmittelbar nach Kriegsende einen Maulkorb verpasst, nicht über dieses Thema zu sprechen. Das wirkt nach. Sein Nachfolger Maithripala Sirisena bemühte sich ab 2015 zumindest, das zu ändern, hat aber effektiv nicht viel erreicht. Die aktuelle Regierung, mit vielen Erwartungen gestartet, hat an Popularität eingebüßt und kommt an dieser Front nicht wirklich voran. Bisher hat jede Regierung nach ein oder zwei Jahren immer schon wieder an die nächsten Wahlen gedacht, da war der Friedensprozess dann schnell zweitrangig. Darüber hinaus darf man die übergeordnete Perspektive nicht vergessen: Wir leben global in einer sehr schwierigen, für Friedensaktivisten herausfordernden Zeit.
Sie sind ein Gast auf vielen Diskussionsrunden und Konferenzen bis hinauf zur UN-Ebene. Welche Aktivitäten entfaltet AWAWSL vor Ort im Land?
Wir sind mit dem Projekt »Recovery-Rebuilding-Reconciliation« (Erholung-Wiederaufbau-Versöhnung, jW) in zehn Distrikten aktiv. Darunter Jaffna, die größte Stadt im Norden, aber auch Batticaloa an der Ostküste. Das ist ein neuer Ansatz, auf die Dinge zu schauen, mit einem Blick mehr in die Zukunft als nur zurück, für etwas zu arbeiten, statt nur das »Gegen« zu betonen. Und es wird sehr konkret – was genau, entscheiden die Frauen basisdemokratisch vor Ort. Das kann unter anderem in Mannar der gemeinsame Toilettenbau als ein Vorhaben sein, das zusammenführt und alte Gräben überbrückt. Zudem gibt es Diskussionsrunden, erst kürzlich an der Uni Jaffna zur Archäologie, um zu zeigen, wie vielfältig unsere Geschichte und Gesellschaft ist. Durch mehr als 25 Jahre währendes Engagement haben wir ein solides Netzwerk lokaler Partner. Das Vertrauen untereinander ist unser größter Schatz. Persönlich habe ich Kontakt ebenso zu ehemaligen LTTE-Mitgliedern wie zu buddhistischen Mönchen, die ich alle einzubinden versuche. Vermisstenzertifikate für verschwundene Angehörige werden inzwischen zwar leichter ausgestellt. Aber es geht weiter um die Aufarbeitung.
Es gibt so viele Menschen, die auf jemanden warten und zumindest Klarheit wollen, auch wenn diese schmerzhaft ist. Darüber hinaus fordern wir, jenen, die noch in Flüchtlingslagern in Südindien leben, zumindest die Perspektive einer Heimkehr zu geben, sofern sie das möchten.
Visaka Dharmadasa ist Gründerin und Leiterin der Association of War Affected Women in Sri Lanka (AWAWSL) mit Hauptsitz in Kandy. Sie gehört auch den Führungen des National Peace Council in Sri Lanka und der People’s Action for Free and Fair Elections (PAFFREL) an.
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