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Aufstieg der NSDAP

Ein grotesker Rückfall

»Machtschock«, »Ayatollah Adolf« und merkwürdige Karten: Philipp Ruchs Buch über die Septemberwahl von 1930 ist ein Desaster

Foto: akg-images/picture alliance
Um die Arbeiterstimmen werben, die bürgerlichen Stimmen kommen ohnehin: Parteilokal der NSDAP in der Berliner Lützowstraße am 14. September 1930

Die Literatur zum »Aufstieg« der Nazibewegung ist umfangreich. Zwar setzte in der Bundesrepublik eine gründlichere, über das anekdotische Niveau hinausgehende Befassung mit der eigentlichen Geschichte der NSDAP erst relativ spät ein – in den 70er Jahren, als sich die Technik, Hitler »mit Hitler« zu erklären, zumindest für den Bereich der wissenschaftlichen Publizistik vorläufig erledigt hatte und außerdem der Faschismusforschung der DDR etwas »entgegengesetzt« werden sollte. Aber seither ist doch eine Menge Material, das für eine kritische Begriffsbildung unentbehrlich ist, zusammengetragen worden, auch wenn Rückschläge und regelrechte Rückfälle nicht ausbleiben und man inzwischen sogar konstatieren muss, dass der Universalschlüssel »Hitler« (plus »Helfer«) weithin durch den Universalschlüssel »die Deutschen« ersetzt wurde, wodurch sogar ein noch nachhaltigerer Vernebelungseffekt erzielt wird.

In allen Darstellungen der langen »Vorgeschichte« des 30. Januar 1933 spielt die Reichstagswahl vom 14. September 1930 eine zentrale Rolle. Sie bedeutete den »Durchbruch« für die NSDAP, die ihren Stimmenanteil gegenüber 1928 von 2,6 auf 18,3 Prozent und die Zahl ihrer Mandate von 12 auf 107 steigern konnte. Nicht nur die marxistische Forschung hat immer wieder gefragt: Wie konnte aus der faschistischen Splitterpartei – eine von unzähligen ultrareaktionären Organisationen der 20er Jahre – die Sammlungspartei der deutschen Rechten werden, die ab 1930 vor allem die Stimmen der bürgerlichen Wähler wie ein Schwamm aufsog? Welche politischen und gesellschaftlichen Faktoren begünstigten bzw. förderten diese Entwicklung, welche wirkten ihr entgegen? Was hatte dieser Durchbruch mit Veränderungen im politischen Ansatz der herrschenden Klasse bzw. »der Eliten« zu tun? Gab es zwischen 1928 und 1930 spezifische Prozesse der Neugruppierung der politischen Rechten bzw. der »Aufwertung« der NSDAP, die den Erfolg vom 14. September 1930 erklären können?

Das sind allerdings Fragen, die Philipp Ruch eher nicht interessieren. Der »Gründer und künstlerische Leiter« des Verfassungsschutz-Fanclubs »Zentrum für politische Schönheit« hat ein Buch (»Der Rückfall«) über die Septemberwahl geschrieben, in dem nicht nur die übergriffige Verwendung der Wörter »wir« und »uns« und der gehetzte, von einem Unfall in den nächsten taumelnde Schreibstil – der ziemlich Bild-tauglich ist: verliebt hat Ruch sich zum Beispiel in das Wort »Machtschock« – signalisieren, dass den Autor ein tagespolitischer Zweck antreibt. Er will – AfD ante portas, »Widerstandsfähigkeit unserer Demokratie« usw. –, verrät der Untertitel, erklären, »wie eine Demokratie in nur einer Wahlnacht sterben kann«. Schon das ist blühender Unsinn: Weder lässt sich, worauf vor 90 Jahren bereits Arthur Rosenberg hingewiesen hat, die Brüningsche Notverordnungsdiktatur noch halbwegs sinnvoll als »Demokratie« diskutieren, noch »starb« das politische System, das Ruch für eine Demokratie hält, in oder an dieser »Wahlnacht«.

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Wenn bereits die Grundidee eines Buches eine elementar kontrafaktische Beweisabsicht enthält, ist das selten ein gutes Zeichen. Wenig zuversichtlich stimmt auch Ruchs Entschlossenheit, Hitler als »Kriegsfürst der Finsternis«, »Diva« oder »Ayatollah Adolf« anzusprechen. Dass in den verwendeten Übersichtskarten für die Septemberwahl 1930 das Territorium der Freien Stadt Danzig in das Reichsgebiet eingegliedert und die Provinz Ostpreußen in den Grenzen des »Großdeutschen Reiches« dargestellt wird, also mit den 1939 angegliederten polnischen Territorien, ist eine exemplarische Visualisierung des »Rückfalls«.

Ruch rennt – während er den Fragen, die die kritische Geschichtswissenschaft im Zusammenhang mit dem Aufstieg der NSDAP vertieft diskutiert hat, mit geradezu traumwandlerischer Sicht ausweicht – entschlossen gegen mehr oder weniger eingebildete Gegner an, die den Wahlerfolg der NSDAP immerzu falsch erklärt haben sollen. Besonders nachdrücklich wendet er sich gegen die Vorstellung, dass die Wirtschaftskrise ab 1929 eine oder die Erklärung sei. Auf Seite 221 donnert er: »Es gibt ein Wort für diese Art der materialistischen Weltbetrachtung: Marxismus. Das Weltwirtschaftskrise-Paradigma ist durch und durch marxistisch.« Das ist es selbstverständlich nicht, aber Ruch ist immerhin für die Offenheit zu danken, mit der er einräumt, keinen blassen Schimmer davon zu haben, was die marxistische Forschung zu diesem Thema zu sagen hat.

An anderer Stelle schreibt Ruch: »Wir sollten den Sinn für das Groteske zurückgewinnen.« Offen ist vorläufig, ob grotesker Schund wie dieses Buch den Sinn dafür eher schärft oder doch eher weiter verkümmern lässt.

Philipp Ruch: Der Rückfall. Der rätselhafte Triumph der NSDAP am 14. September 1930. Wie eine Demokratie in nur einer Wahlnacht sterben kann. Heyne, München 2026, 415 Seiten, 24 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 09.11.2026, Seite 15, Politisches Buch

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