Nicht nur Wut
Von Tommaso Albizzati
Turin ist außerhalb seiner prunkvollen barocken Altstadt eine graue Industriestadt am Fuße der Grajischen Alpen, bekannt für die FIAT-Automobilwerke und ihr Wahrzeichen, die knapp 170 Meter hohe »Mole Antonelliana«. Gewaltsame Auseinandersetzungen um das soziale Zentrum Askatasuna, die zur Ausarbeitung eines neuen »Sicherheitsgesetzes« führten, haben der sonst ruhigen Stadt zuletzt europaweite mediale Aufmerksamkeit beschert.
Askatasuna – baskisch für »Freiheit« – war ein selbstverwaltetes, besetztes soziales Zentrum (Centro Sociale Occupato Autogestito, CSOA), von denen es früher Hunderte in Italien gab. Der Aktivist Fabrizio C., selbst in einem CSOA engagiert und Autor eines Buches zur Geschichte der römischen Sozialzentren, beschreibt solche Orte als »Räume des Möglichen«. Über viele Jahre hinweg seien sie das Rückgrat sozialer Bewegungen gewesen: »Brutstätten und Zünder von Kämpfen, Orte der politischen Auseinandersetzung, des Widerstands, der Kultur und der Kreativität.«
Die CSOA breiteten sich seit den 1970er Jahren in ganz Italien aus – dort, wo die tiefgreifenden sozialen, wirtschaftlichen und politischen Umbrüche ihre Verheerungen hinterlassen hatten. Der industrielle Boom und die anschließende Deindustrialisierung verschärften die Wohnungsnot, während zahlreiche Gebäude leer standen. So zählte Turin Anfang der siebziger Jahre noch fast 1,2 Millionen Einwohner, heute sind es nur noch rund 850.000. Vor diesem Hintergrund lassen sich die CSOA als Formen der Wiederaneignung verstehen: als Versuche, verlassene Räume kollektiv nutzbar zu machen.
Nach den großen Mobilisierungen von 1968 für eine Bildungsreform blieben viele Hoffnungen der jungen Generation auf Emanzipation unerfüllt. In diesem Klima entstanden die CSOA als Orte der Selbstverwaltung. Angesichts von Arbeitslosigkeit und wachsender existentieller Unsicherheit entwickelten sie sich zugleich zu Räumen der Solidarität – mit Arbeitsmöglichkeiten und teils Zugang zu Wohnraum. Darüber hinaus wurden die Zentren zu Werkstätten einer künstlerischen Gegenbewegung, die im marktorientierten Kulturbetrieb keinen Platz fand. In den vergangenen Jahren wurde ein Großteil der verbliebenen Häuser geräumt. Askatasuna war eines der letzten Symbole einer zu Ende gehenden Epoche.
Askatasuna befindet sich im Herzen von Turin. In dem Gebäude war bis 1980 die karitative Einrichtung Opera Pia Reynero. Danach stand es lange leer – bis es 1996 besetzt wurde. Die damalige Mitte-Links-Stadtverwaltung setzte zunächst auf Dialog mit den Besetzern, wie es damals vielerorts üblich war. Doch 2001 begann die Ära von Silvio Berlusconi: Die rechte Regierung ging immer stärker auf Konfrontationskurs. Auch Askatasuna suchte die Auseinandersetzung – insbesondere im Zusammenhang mit städtebaulichen Maßnahmen rund um die Olympische Winterspiele 2006. Deren Erbe umfasst unter anderem ein 90.000 Quadratmeter großes Olympisches Dorf, das bis zur Besetzung im Jahr 2013 nahezu ungenutzt blieb, sowie mehrere stillgelegte Sportanlagen. Der Protest gegen die Olympischen Spiele sowie das Engagement in der No-TAV-Bewegung gegen die Schnellzugstrecke Turin–Lyon, an der sich das Zentrum aktiv beteiligte, verschafften Askatasuna schließlich größere mediale Aufmerksamkeit.
Nach der Wahl von der sich selbst als progressiv verstehenden Chiara Appendino zur Bürgermeisterin von Turin im Jahr 2016 war das Verhältnis zwischen Askatasuna und der Stadt ambivalent. Die rechte Opposition drängte auf die Schließung mehrerer sozialer Zentren. Askatasuna jedoch blieb geöffnet und erfuhr zugleich eine gewisse öffentliche Anerkennung für seine sozialen Aktivitäten. Vor dem Hintergrund der wachsenden Beliebtheit des Zentrums leitete die Polizei 2019 Ermittlungen gegen 28 Aktivisten ein. Ihnen wurden Gewalttätigkeiten sowie die Bildung einer subversiven Vereinigung vorgeworfen. Tausende Gespräche wurden abgehört und umfangreiche Ermittlungsakten angelegt. Der Mammutprozess gegen die Aktivisten endete schließlich 2025 mit Verurteilungen lediglich wegen geringfügiger Delikte sowie mit zahlreichen Freisprüchen.
Die Stadtverwaltung ab 2021 unter dem sozialdemokratischen Bürgermeister Stefano Lo Russo setzte zunächst auf Dialog. Dieser mündete 2024 in ein Kooperationsabkommen, das Askatasuna als öffentliches Gut anerkennen sollte. Am 27. Februar 2025 fand – nach 30 Jahren – erstmals eine offizielle Inspektion des Gebäudes statt. Doch nach einigen Monaten relativer Ruhe kam es im Oktober zu einer erneuten Eskalation, die schließlich in der Räumung des Zentrums mündete.
Zunächst wurden einige Mitglieder des Kollektivs im Zusammenhang mit Sachbeschädigungen am Zentrum für zeitgenössische Kunst »Officine Grandi Riparazioni« während einer pro-palästinensischen Demonstration vom 2. Oktober identifiziert. Ende November wurde während eines landesweiten Protesttages von Basisgewerkschaften gegen Hochrüstung und den Genozid in Palästina das Redaktionsgebäude der konservativen Turiner Tageszeitung La Stampa gestürmt. Das »Autonome universitäre Kollektiv Turin« bekannte sich zu der Aktion, ohne dass dies unmittelbare Konsequenzen für die Gruppe hatte. Statt dessen wurden erneut einzelne Askatasuna-Mitglieder unter den Angreifern identifiziert. In der Folge kam es zu acht Hausdurchsuchungen, darunter auch am Sitz des Kollektivs. Schließlich stürmte die Polizei am 18. Dezember das Gebäude von Askatasuna und besetzte es. Seitdem sind sowohl das Zentrum als auch die umliegenden Gebäude von der Polizei abgeriegelt. Ende Januar fand eine große Protestkundgebung statt, an der Tausende Menschen aus ganz Europa teilnahmen. Die Demonstration begann als langer, friedlicher Marsch. Am Abend jedoch löste sich eine Gruppe Vermummter aus dem Zug, woraufhin es zu den später in den Medien berichteten Gewalttaten kam. Barrikaden aus Müllcontainern wurden errichtet, Steine und Feuerwerkskörper wurdne geworfen, auch ein Polizeifahrzeug ging in Flammen auf. Viele der beteiligten Personen wurden nicht identifiziert, so dass bis heute unklar ist, wer letztlich die Verantwortung trägt.
Die Frage der Gewalt ist zentral, doch ihre Dynamiken bleiben weitgehend unklar. Während Schäden bei der Polizei medial gut dokumentiert sind, gibt es trotz zahlreicher aus sekundären Quellen zirkulierender Videos keine zusammenhängende Darstellung der Demonstrationsereignisse. Aus diesem Grund beabsichtigt dieser Beitrag nicht, die Ereignisse des 31. Januar 2026 nachzuerzählen, sondern sich auf die Geschichte und die soziale Rolle des Askatasuna-Kollektivs im urbanen Kontext Turins zu konzentrieren.
Welchen Dienst leistete Askatasuna für Turin? Während die konfrontative, wütende Seite der Mitglieder des Kollektivs häufig für Schlagzeilen sorgte, blieb die in dem Zentrum geleistete soziale Arbeit auf Nachbarschafts- und Stadtebene weit weniger sichtbar – und es wird von ihr bis heute kaum erzählt. Über Jahrzehnte hinweg bot Askatasuna Unterstützung für Menschen mit Wohnungsproblemen, setzten sich die Aktivisten dort für das Recht auf Bildung, kostenlose Buchverteilungen, Kunstwerkstätten sowie Sprachkurse ein. In Zusammenarbeit mit einem nahegelegenen Kindergarten wurden Initiativen für Kinder organisiert, darunter Nachmittagsprogramme. Das Gebäude diente zudem als offener Raum für Treffen, Debatten, Konferenzen und gemeinsame Abendessen. Es gab Proben- und Aufnahmeräume, und regelmäßig fanden Konzerte der europäischen Undergroundszene statt – von Reggae über Hip-Hop bis hin zu Rock, Punk und Pop.
Darüber hinaus beherbergte das Zentrum ein landesweit bekanntes Sportangebot mit Yoga- und Boxkursen. Nicht zu unterschätzen ist der immaterielle Wert, den Askatasuna für viele Menschen hatte: es war ein Ort der Gemeinschaft, des Austausches von Ideen, der Entstehung von Freundschaften und der Entwicklung von Projekten, die weit über die rosafarbenen Mauern des Zentrums hinaus wirkten. Aus all diesen Gründen initiierte die Stadt Turin 2024 einen Prozess hin zu einem Kooperationsabkommen. Gleichzeitig lenkte Askatasuna immer wieder die Aufmerksamkeit auf Themen, die gesellschaftlich zu wenig Beachtung fanden – insbesondere auf die Wohnungsfrage in einem Land, in dem laut der Volkszählung von 2021 rund 27 Prozent der Gebäude unbewohnt sind.
Die Räumung von Askatasuna steht exemplarisch für den Konflikt zwischen sogenannter Sicherheitspolitik und sozialer Teilhabe, der heute viele italienische Städte prägt.
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