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Anschluss der DDR

Westimport Erwerbslosigkeit

Nur 17 Prozent der früher in der DDR Erwerbstätigen übten 1992 noch denselben Beruf aus wie 1989

Foto: Rolf Zöllner/imago
In den 90er Jahren vertrauter Anblick für Millionen Ostdeutsche: Flur eines Arbeitsamts (Berlin-Prenzlauer Berg, 21.12.1990)

Berufliche Unsicherheit und massenhafte Erwerbslosigkeit waren nach 1990 im Osten Deutschlands die verbreitetsten »Westimporte«. Das hat eine Studie der Rockwool Foundation Berlin (RF Berlin), eines Forschungsinstituts einer dänischen Stiftung, erneut bestätigt. Die Nachrichtenagentur Reuters zitierte am Donnerstag aus der Untersuchung. Demnach übten nur 17 Prozent der zuvor in der DDR Beschäftigten im Jahr 1992 noch denselben Beruf aus wie 1989. Die Erwerbslosenquote stieg von 1989 bis 1992 laut der Studie von null auf zehn Prozent bei Männern und auf rund 20 Prozent bei den Frauen.

»Zwischen 1989 und 1992 erlebten DDR-Beschäftigte ‌eine berufliche Umwälzung in einem Ausmaß, das Westdeutsche schlicht nicht kannten«, erklärte Alexandra Spitz-Oener, stellvertretende Leiterin von RF Berlin und Professorin für Volkswirtschaft an der ‌Humboldt-Universität, gegenüber Reuters. In Westdeutschland arbeiteten bei den Männern im selben Zeitraum 70 Prozent weiter in ihrem Beruf, bei den Frauen 63 Prozent. Die Umwälzung, so die Studie, hätte für die Ostdeutschen »Chancen«, aber auch Risiken beinhaltet. ‌Das Risiko eines beruflichen Abstiegs habe bei ostdeutschen Männern um 15 Prozentpunkte höher gelegen als bei westdeutschen Männern.

Die hohe Arbeitslosigkeit, die sich bis 1992 aufgebaut hatte, verfestigte sich in den folgenden Jahren. Bei den Frauen verharrte die Quote im Osten für den Rest der 90er Jahre bei mehr als 20 Prozent. Bei den Männern stieg die ‌Arbeitslosigkeit ab 1996 noch einmal stark an und erreichte 1998 offiziell rund 18 Prozent. Lokal lag sie nach der Schließung großer Werke trotz der starken Abwanderung Richtung Westen oft noch deutlich darüber. Für ältere Beschäftigte war mit dem Ende der DDR oft auch das endgültige berufliche Aus verbunden. Rund 80 Prozent wurden erwerbslos oder gingen in Rente.

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Auf die aktuellen materiellen Unterschiede zwischen Ost und West machte derweil die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser (SPD), anlässlich des 3. Oktober aufmerksam. Das durchschnittliche Nettogesamtvermögen je Haushalt habe 2023 in Ostdeutschland bei 125.500 Euro, im Westen bei 257.100 Euro gelegen, erklärte sie in einem Beitrag für die Rheinische Post.

Gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) wies Kaiser darauf hin, dass nach neuen Zahlen 95 Prozent des Gesamtwerts der steuerlich berücksichtigten Vermögensübertragungen durch Erbschaft oder Schenkung auf die westlichen Bundesländer entfallen, nur fünf Prozent auf die ostdeutschen (Bevölkerungsanteil 19 Prozent). Bei der Vorlage ihres Jahresberichts plädierte Kaiser deshalb dafür, Einnahmen aus der Erbschaftsteuer zu erhöhen und in Richtung Osten umzuverteilen. Auch ein »Grunderbe« stellte sie erneut zur Debatte, also einen Geldbetrag, den junge Menschen unabhängig von der finanziellen Lage der Eltern vom Staat erhalten.

Zentraler Teil des Jahresberichts ist eine Umfrage unter rund 2.700 Menschen für den sogenannten Deutschland-Monitor zum »Aufstiegsversprechen«. Demnach sagen 95 Prozent der Menschen in Ost und West, Leistung und Fleiß sollten für gesellschaftlichen Aufstieg zählen, 91 Prozent nennen Bildung und Ausbildung. In der Realität seien die Maßstäbe aber andere: So ist 80 Prozent der Befragten klar, dass Vermögen für den Aufstieg entscheidend ist, genauso viele sehen Beziehungen als ausschlaggebend, 72 Prozent nennen die soziale Herkunft.

Kritik an der Bundesregierung kam von Sören Pellmann, Fraktionschef der Linkspartei im Bundestag. Gegenüber dem RND (Donnerstag) erklärte er, die Ursachen der ungleichen Verteilung von Vermögen zwischen Ost und West lägen nicht allein in der DDR-Vergangenheit, sie seien durch politische Entscheidungen verschärft und verfestigt worden. Betriebe und Immobilien seien nach 1990 »oft an Investoren außerhalb Ostdeutschlands verscherbelt« worden.

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Erschienen in der Ausgabe vom 02.10.2026, Seite 4, Inland

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