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Altertumswissenschaft

Kleines großes Stück

Utrecht: 1.700 Jahre altes »Odyssee«-Fragment identifiziert

Foto: Utrecht University
Die Antike ist auf uns in Fetzen gekommen. Der Rest ist Scharfsinn und Phantasie

Homers »Odyssee« ist vieles. Uralter Mythos, Sagenstoff der Bronzezeit, Zeugnis mündlicher Tradition, schriftsprachliches Meisterwerk. Und Ergebnis Jahrhunderte währender Detektivarbeit. Es gibt kein Urmanuskript, auch kein physisches Fragment aus der Zeit Homers. Die frühesten vollständigen Codices stammen aus dem 12. Jahrhundert, die ältesten Fragmente werden ins 3. Jahrhundert v. Chr. datiert, in eine Zeit also, in der Homer schon zwischen 400 und 500 Jahre tot war.

Wissenschaftliche Textausgaben, die maßgebliche von Martin L. West oder die lange Zeit maßgebliche der Oxford Classical Texts von Thomas W. Allen, rekonstruieren die zugrundeliegenden Quellen akribisch. Da die Überlieferung über viele Jahrhunderte hinweg passierte und die allermeisten Handschriften heute verloren sind, mangelt es nicht nur an physischen Quellen, je weiter man sich der Lebenszeit Homers nähert, es gibt auch Abweichungen in den Handschriften. In den wissenschaftlichen Editionen findet sich daher stets ein Stammbaum der Handschriften (Stemma), der Abhängigkeiten der Quellen voneinander sichtbar macht. Zudem ein umfangreicher Apparat mit abweichenden Stellen. Editionswissenschaft ist eine komplizierte Disziplin aus Detailwut und scharfsinniger Deduktion. So gibt es etwa die Regel »lectio difficilior potior«, nach der im Fall einer Abweichung die schwierigere Variante den Vorzug erhält, da wahrscheinlicher ist, dass ein Kopist bei einer scheinbar fehlerhaften, grammatikalisch holprigen Stelle eine Glättung oder Korrektur vorgenommen hat als umgekehrt eine glatte Stelle diffiziler zu machen.

Aus diesen und anderen Gründen sind Fundstücke, die in Zeiten weit vor dem 12. Jahrhundert fallen, von Bedeutung. Die Utrecht University annoncierte am 14. September die Identifikation eines Fragments, das eine Passage der »Odyssee« enthält. Der Pergamentfetzen hatte seit Jahrzehnten unerkannt in einer Sammlung antiker Handschriften gelegen. Beschädigt und verfärbt, war er als wenig bedeutender Text aus dem 7. Jahrhundert eingeordnet worden. Den Papyrologen Mark de Kreij von der Radboud University hatten allerdings einige Stellen an die homerische Sprache erinnert. Ein Abgleich ergab, dass das Fragment eine Passage aus dem zwölften Gesang der »Odyssee« beinhaltet. Es erhielt die Signatur Utrecht Gr. Ms. B6.39a.

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Da das Pergament auf beiden Seiten beschrieben ist, geht man davon aus, dass es nicht aus einer einzelnen Schriftrolle stammt, sondern Teil eines gebundenen Buchs (Codex) war, einer vollständigen, handschriftlichen Ausgabe der »Odyssee«, ungefähr im Format A5. Auch die Herkunft des Stücks ließ sich eingrenzen. Der Codex müsse um 300 in der ägyptischen Fayyum-Oase benutzt worden sein. Mit dieser Datierung in die Spätantike handelt es sich um ein vergleichsweise altes und seltenes Fragment. Weltweit gibt es kaum mehr als 30 »Odyssee«-Fragmente aus dieser Zeit.

Die auf dem Utrechter Pergament abgebildeten Verse erzählen von der Schlachtung der Rinder des Helios durch die Gefährten des Odysseus. Es setzt an der Stelle an, da Helios Zeus um die Bestrafung der Männer bittet. In der Homer-Version der Odyssee-Sage ist es diese Strafe, durch die Odysseus seine gesamte Mannschaft an die See verliert.

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Erschienen in der Ausgabe vom 22.09.2026, Seite 15, Natur & Wissenschaft

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