Viel Wasser
Vor wenigen Jahren standen in Ostdeutschland Holztafeln, auf denen die Bundesregierung einen »Aufschwung Ost« verkündete. Die Tafeln sollten noch stehen. Am Donnerstag sagten fünf Wirtschaftsinstitute für 2026 ein Wachstum von 1,3 Prozent voraus, 2027 ähnlich, 2028 nur 0,4 Prozent. In den Bürgermedien war flugs von »Aufschwung« die Rede, einige waren sogar begeistert.
Die FAZ gehörte nicht dazu. Sie vermerkt säuerlich, die 1,3 Prozent träfen »exakt den langjährigen Durchschnitt seit 2010«, und ist verstimmt: »Das Ärgerliche an diesem Aufschwung aber ist, dass ihn niemand spürt. Die Stimmung der privaten Verbraucher ist gedrückt. Jeder Tag mit hohen Benzin- und Energiepreisen, mit neuen Nachrichten über höhere Sozialbeiträge oder Steuern und mit einer hohen Arbeitslosigkeit belastet das Konsumklima.« Ähnlich grimmig schreibt das Handelsblatt: »Als Titel hätten die Ökonominnen und Ökonomen auch ›Freut euch nicht zu früh‹ wählen können.« Und zitiert, die Inflationsrate werde im kommenden Jahr »auf 3,2 Prozent springen, weil die hohen Energiekosten dann bei den Haushalten ankommen.« Danach folgten aber zwei Prozent Teuerung. Die Prognostiker träumen demnach, dass Trump und NATO ihre Kriege beenden. Im Widerspruch dazu sind die Wirtschaftsforscher leicht beunruhigt wegen deren ungebremster Finanzierung auf Pump. Laut Handelsblatt schreiben sie, »vor allem konsumtive Ausgaben müssten gekürzt werden«, womit sie keinesfalls die deutschen 140 Milliarden Euro für Militärschrott meinen.
Bei all dem Segen bleiben dennoch die »Investoren« aus. Die Augsburger Allgemeine vermisst sie: »Die Investitionen der heimischen Unternehmen, welche die Basis für den künftigen Wohlstand legen, haben nicht angezogen. Damit es dauerhaft aufwärtsgeht, muss der Bund noch einige Schalter umlegen.« Das »dauerhaft aufwärts« ist jedenfalls eine schöne Erinnerung. Im »Rheinischen Grundgesetz« des leider im Juli verstorbenen Mundartsachverständigen Konrad Beikircher lautet Artikel drei zum allgegenwärtigen Murks: »Et hätt noch emmer joot jejange.« Daran hält sich der Kölner Stadtanzeiger und vertraut der Uhr: »Schon kommen aus allen Ecken die Kritiker hervor, die das zarte Pflänzchen mit aller Vehemenz kaputtreden. Vom ›Scheinriesen Export‹ ist da die Rede, der den Aufschwung künstlich getrieben haben soll. (…) Sogar die Gutachter selbst mäkeln herum. Das böse Erwachen drohe 2028, wenn das Wachstum auf 0,4 Prozent fallen könnte, schreibt das Ifo-Institut. Bei allem Respekt vor den Ökonomen – bis 2028 fließt noch viel Wasser den Rhein hinunter.« Viel Wasser im Rhein? Nimmt es den Kölner Stadtanzeiger mit? (as)
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