Londons Grundschulen bleiben leer
Weniger Geburten, mehr Kriminalität und Gentrifizierung: Den Bildungseinrichtungen der Hauptstadt Großbritanniens gehen die Kinder aus – und das Geld
Londons Schulen fehlen die Kinder. Laut einem Bericht in der Mittwochsausgabe der britischen Financial Times haben in den vergangenen sechs Jahren bereits 90 Schulen in der Hauptstadt Großbritanniens schließen müssen, wie aus Daten der Stadtverwaltung hervorgeht. Am schlimmsten sei die Lage im Londoner Stadtteil Hackney.
Der Bezirk mit knapp 300.000 Einwohnern liegt nordöstlich des Stadtzentrums. Einst ein verarmtes Arbeiterviertel, wurde er in den vergangenen Jahrzehnten zu einem hippen, multikulturellen Stadtteil. Von den 57 Sitzen im Bezirksrat halten die Grünen 42. Mit dem Einzug der Gentrifizierung stiegen die Mietpreise und die Lebenshaltungskosten. Die traditionelle Bevölkerung zog weg oder verarmte weiter, während Kreative, Startups und andere Selbstständige zuzogen.
In Hackney sei die Zahl der Grundschüler im Vergleich zum Zeitraum vor der Pandemie bereits um 15 Prozent zurückgegangen, schrieb die Financial Times. Prognosen zufolge werde sie zwischen den Schuljahren 2024/25 und 2029/30 um weitere 14 Prozent sinken. Dem benachbarten Islington, in dem Ex-Labourchef Jeremy Corbyn seit 1983 einer von zwei Abgeordneten ist und das von Labour regiert wird, stehe landesweit der stärkste Rückgang bevor: Bis 2029 müsse mit 22 Prozent weniger Grundschulen als vor Beginn der Pandemie gerechnet werden.
Die Daten zeigen auch, dass sich das Problem der Schulschließungen nicht mehr nur auf Grundschulen beschränkt, sondern vermehrt auch Mittelschulen betrifft. Seit 2012 ist die Geburtenrate in Großbritannien um ein Drittel auf 1,39 Kinder pro Frau gesunken. So gab es weniger Schulkinder und damit weniger Förderung. Denn die »Academy Schools« werden direkt vom Bildungsministerium finanziert und erhalten rund 7.000 Pfund Sterling (8.100 Euro) pro Schulkind. Von diesem System hängen mehr als 80 Prozent der britischen Mittelschulen ab.
Doch nicht nur der Rückgang der Schulanfängerzahlen führte zu den deutlichen finanziellen Einbußen, wie der Hackney Citizen in seiner Mittwochsausgabe berichtet. Im vergangenen Schuljahr gab es im Bezirk die meisten dauerhaften Schulverweise von allen Londoner Bezirken. Zahlen des Bildungsministeriums zeigten, dass es im vergangenen Schuljahr 50 Rauswürfe in Hackney gab – eine Quote von 15,5 pro 10.000 Schüler. Dieser Wert sei fast dreimal so hoch wie im Londoner Durchschnitt, wo die Quote 5,7 beträgt. Bereits im Schuljahr 2023/24 hatte Hackney mit 15,8 Verweisen pro 10.000 Schüler die Spitzenposition unter den Londoner Bezirken inne. In diesen beiden Jahren wurden die meisten Schulverweise seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 2006/07 registriert. Im selben Zeitraum sank die Zahl der Schüler an den Schulen in Hackney von 33.615 auf 32.217.
Die Londoner Bezirke haben zuletzt eine gemeinsame Charta zum Kampf gegen Schulausschlüsse veröffentlicht. Denn Daten zeigen, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Verweisen und Überfällen mit Stichwaffen durch Jugendliche gibt. Durch einen UNICEF-Fonds sollen 1,4 Millionen Pfund Sterling (1,65 Millionen Euro) für Londons Schulen bereitgestellt werden, um Jugendliche im Bildungssystem zu halten und sie nicht an kriminelle Banden zu verlieren, gelobte der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan Anfang der Woche. Er forderte dabei die britische Bildungsministerin Lucy Powell auf, sich an der bezirklichen Charta zu orientieren, die von der Stadtverwaltung Groß-Londons unterstützt wird, und mit der es gelingen werde, die Zahl der Schulverweise im gesamten Stadtgebiet zu senken.
Nicht nur Hackney ist überdurchschnittlich stark von Schulschließungen betroffen. Laut Daten des Londoner Evening Standard gibt es in acht von zehn Londoner Innenstadtbezirken überdurchschnittlich viele Schließungen. Neben Schulverweisen und Geburtenrückgang spielten demnach die hohen Lebenshaltungskosten in der britischen Hauptstadt eine wichtige Rolle. Bereits zu Beginn dieses Jahres hatte der Ausschuss für Wirtschaft, Kultur und Qualifizierung der Stadtverwaltung davor gewarnt, dass gravierende finanzielle Probleme wie die Kosten für Kinderbetreuung und Wohnraum maßgeblich dazu beitrügen, dass Familien mit Kindern aus London wegziehen müssen.
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