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Eisen und Bronze
Christopher Nolans »Odyssee« hat das Interesse für Homer neu entfacht. Auch der blickte in seiner »Odyssee« auf eine vergangene Epoche und das Erbe eines großen Krieges. (Teil 2 und Schluss)
Am Anfang dieser Reise, an deren Ende ein Verständnis für den Stoff und seine Anwendbarkeit stehen sollte, lässt sich ein Gedanke konzis formulieren – die Welt des Homer ist nicht die Welt Homers. Was die Entstehung beider Epen betrifft, gibt es in der Forschung verschiedene Auffassungen. Walter Burkert und Martin L. West haben die These vertreten, dass Homer nicht den Beginn der schriftlich fixierten griechischen Dichtung markiert, sie setzen Hesiod früher an. Die Mehrheit der Forscher hält dagegen bis heute an der traditionellen Datierung fest, Homer sei der »erste Dichter des Abendlands« (Joachim Latacz). Es geht dabei um kaum mehr als eine Differenz von etwa 80 Jahren, vom letzten Drittel des 8. bis zur Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. Die Frage scheint für die hier verhandelte Beziehung nachrangig, in beiden Fällen fiele die Lebenszeit Homers in die archaische Epoche, die Eisenzeit, und mehr oder weniger an den Beginn der schriftkulturellen Entfaltung.
Der archäologischen Quellenlage nach lässt sich der Beginn der griechischen Schrift im letzten Drittel des 8. Jahrhunderts v. Chr. verorten. Das älteste beschriftete Artefakt ist eine in Athen entdeckte Weinkanne, bekannt als »Dipylon-Inschrift«, datiert ins Jahr 740 v. Chr. Der 1954 auf Ischia ausgegrabene »Nestorbecher« wird auf 720 v. Chr. datiert. Lange ging man davon aus, dass die griechische Besiedlung der Peloponnes mit den Dorischen Wanderungen begann. Griechische Stämme waren demnach zwischen 1200 und 1100 v. Chr. gewaltsam in den Raum des heutigen Griechenland gelangt, und diese nicht alphabetisierten Horden legten dann binnen weniger Jahrhunderte einen unerhörten kulturellen Aufstieg hin. Das 12. Jahrhundert leitet zugleich das Ende jener Epoche ein, die seit Nolans »Odyssee« wieder in aller Munde ist, der Bronzezeit.
1952 brachte die Entschlüsselung der Linearschrift B durch Michael Ventris und John Chadwick dieses Modell zum Einsturz. Ventris war Architekt von Beruf und hobbymäßig Sprachforscher, Chadwick Altertumsforscher, der während des Zweiten Weltkriegs als Kryptologe für die Royal Navy gearbeitet hatte. Linear-B-Texte sind zuerst 1878 bei Ausgrabungen in Knossos auf Kreta gefunden worden, später auch auf dem griechischen Festland, in Mykene, in Tyrins, in Theben u. a. Bis 1952 war man davon ausgegangen, dass die beschrifteten Tontäfelchen Zeugnis einer frühen, nicht griechischen Hochkultur seien. Ventris und Chadwick wiesen nach, dass Linear B als Lautschrift benutzt wurde, und sie fanden bei der Zuordnung der Laute heraus, dass sie ein frühes Griechisch abbildet.
Das Bild musste neu geordnet werden. Der Untergang der Bronzezeit war jetzt nicht mehr der Beginn der (noch primitiven) griechischen Kultur, die dann 400 Jahre später, am Beginn der Eisenzeit, mit der Übernahme des phönizischen Alphabets erstmals Schrift entwickelte. Er markierte das Ende einer frühen, bereits Schrift besitzenden griechischen Hochkulturphase, auf die zunächst 400 Jahre ohne Schrift folgten, die Dark Ages, ehe die Eisenzeit begann. Was man klassischerweise als antikes Griechenland verstanden hatte (von Homer bis Alexander), repräsentiert tatsächlich eine Art zweiten Anlauf. Hinter dem bekannten Griechenland trat ein anderes, ein unbekanntes Griechenland hervor: jene Bronzezeit, das späte Helladikum, auch als »Mykenische Kultur« bezeichnet, in der Ägäis, in Attika und auf der Peloponnes. Die mindestens 400 Jahre nach dem Zusammenbruch verfassten Epen Homers spiegeln wesentlich Vorgänge dieser Epoche, genauer: des Zusammenbruchs dieser Epoche.
Dafür spricht vieles in und an den Epen, Indizien und Strukturen. Die Indizien fallen vor allem in den Bereich der Realien. Einige in »Ilias« und »Odyssee« beschriebene Details lassen sich archäologisch aus der Lebenswelt des Dichters Homer nicht erklären, sind aber in den Spuren der Bronzezeit nachweisbar. Obgleich Homer Eisen kennt, tragen seine Krieger fast durchweg Waffen aus Bronze, was in Homers Zeit (daher auch: Eisenzeit) nicht mehr üblich war. Ähnlich verhält es sich mit Formen und Material von Rüstungen, Helmen und Schilden, mit beschriebenen Trinkgefäßen und dergleichen. Hinzukommen sprachliche und geographische Details. Agamemnon wird als anax bezeichnet, was auf den mykenischen wa-na-ka zurückgeht, den obersten Herrscher des Palasts. Der Schiffskatalog im zweiten Gesang der »Ilias« weist auf Machtverhältnisse hin, die in der Bronzezeit bestanden und zu Homers Zeiten nicht mehr. So werden Mykene und Pylos als mächtige Königreiche beschrieben, während der Eisenzeit waren sie nur noch unbedeutende Siedlungen. Ähnlich in der Teichoskopie im dritten Gesang der »Ilias«, wo Machtverhältnisse der Bronzezeit beschrieben sind wie auch das gewaltige Mauerwerk der Stadt Ilion. Solche Mauern waren charakteristisch für die Zeit der Palastzentren, zur Lebenszeit Homers kamen sie nur noch als erratische Ruinen vor, von denen keiner mehr wusste, wer sie und aus welchen Gründen mal errichtet hatte. Auf irgend eine Weise muss der Dichter ein Wissen abgerufen haben, das er nicht seiner Welt entnahm und auf das er mangels schriftlicher Quellen auch historiographisch nicht zugreifen konnte.
Was Homer im 8. Jahrhundert poetisch gestaltet, entspricht dem, was man über das 12. Jahrhundert weiß, derart augenfällig, dass angenommen werden muss, was in mythologischen Zusammenhängen oft der Fall scheint: Es gibt eine tradierte, vom Ursprung längst abgelöste Erzählung, die auf einen historischen Kern zurückweist, so wie beim »Nibelungenlied«, in dem der Untergang der Burgunder stark deformiert verarbeitet liegt.
Das Problem der abwesenden Schrift hatte die Gräzistik schon lange vor der Entschlüsselung von Linear B bei Laune gehalten. 1795 veröffentlichte Friedrich August Wolf seine »Prolegomena ad Homerum«, in denen er den Epen absprach, einheitlich komponiert worden zu sein. Wolf ging davon aus, dass zur Lebenszeit Homers keine etablierte und verbreitete Schriftkultur existierte, Überlieferung also mündlich passierte. Derart komplexe Werke wie »Ilias« und »Odyssee« seien aber nicht memorierbar gewesen. Daher ging Wolf von kürzeren Gesängen aus, die von den Sängern der mündlichen Tradition (Aoiden) auswendig gelernt werden konnten und eher einzelne Episoden des »Ilias«- oder des »Odyssee«-Stoffs beinhalteten. Die verstreuten Einzellieder habe man dann erst im 6. Jahrhundert unter Peisistratos in Athen gesammelt und zum großen Epos kompiliert.
Mit Wolfs These begann jene lange Fachdiskussion, die unter dem Label »Homerische Frage« berühmt wurde. Die Gräzistik zerfiel in Analytiker, die von einer späten redaktionellen Montage kurzer Einzellieder verschiedener Autoren ausgingen, und Unitarier, die eine schriftstellerische Komposition der Epen aus einer Hand annahmen. Goethe und Schiller, die um 1795 auf dem Höhepunkt ihrer Korrespondenz standen und natürlich unitarisch gestimmt waren, spotteten in den Xenien über den »Wolfischen Homer«: »Sieben Städte zankten sich drum, ihn geboren zu haben, / Nun, da der Wolf ihn zerriss, nehme sich jede ihr Stück.«
Ein Ausweg aus dem insgesamt eher fruchtlosen Streit bot sich erst 1928, als Milman Parry in Paris seine Doktorarbeit über Formelhaftigkeit und Mündlichkeit Homers vorlegte. Eine neue Perspektive, die nicht eine andere Antwort gab, sondern die Frage verschob. Parry hatte in Feldforschungen auf dem Balkan die Tradition der Guslaren untersucht, der mündlich operierenden epischen Sänger im serbischen Sprachraum. Von ihren Techniken ließen sich Rückschlüsse auf das Handwerk der griechischen Aoiden ziehen. Die wichtigste Erkenntnis dabei: Oral poetry wird nicht auswendig gelernt und dann vorgetragen, sie wird extemporiert, also im Moment des Vortrags hervorgebracht. Möglich wird das durch eine formelhafte Sprache, die man auch von Homers Epen kennt und die man fast 2.700 Jahre lang für eine stilistische Eigenheit hielt. Parry zeigte, dass sie technischen Charakter in einer Welt ohne Schrift hatte.
Man erinnert die auffälligen Epitheta bei Homer, Attribute, die den Figuren streng beigeordnet scheinen: der »listenreiche Odysseus« (polymetis), die »helläugige Göttin Athene« (thea glaukopis), der »männermordende Hektor« (androphonos) usf. Oder die kurze Phrase »so sprach er« (hos ephat), die, stets am Versanfang, das Ende einer wörtlichen Rede signalisiert. Oder längere wie »Als nun die frühgeborene, rosenfingrige Eos erschien« (emos d’erigeneia phane rododaktylos Eos), die einen ganzen Hexameter füllt und simpel »am nächsten Morgen« bedeutet. Parry definierte diese Art Formeln als »Wortgruppen, die regelmäßig unter denselben metrischen Bedingungen verwendet werden, um einen gegebenen wesentlichen Gedanken auszudrücken«. Ihnen kam in der Technik der Oral poetry die Funktion zu, vermittels ihrer metrischen Werte Lücken im Vers zu füllen, die bei der Setzung des jeweiligen gegebenen Erzählinhalts offenbleiben mussten. Anschaulich: Der gegebene Erzählgedanke »am nächsten Morgen« erscheint metrisch passend in der Formel: emos d’erigeneia phane rododaktylos Eos. Der mündliche Sänger arbeitete demnach mit einer Art Baukastensystem, durch das er auf alle metrischen Situationen vorbereitet war und auf das er während des Vortrags schnell und intuitiv zugreifen konnte.
Durch die Verknüpfung gegebener (tradierter) Erzählinhalte mit Formeltechnik, die den Inhalt zum Vers auffüllt, kann fluide Mündlichkeit eine Art Solidität erhalten, die einer Gesellschaft mit Schrift ganz selbstverständlich scheint, doch in einer Gesellschaft ohne Schrift überhaupt nicht selbstverständlich ist, da keine Möglichkeit besteht, Inhalte abgesondert zu fixieren, und die poetischen Worte immer nur existieren, indem sie eben hervorgebracht, improvisiert werden. »Aber gerade in der Frage der literarischen Form der Darstellung«, notierte Parry 1930, »ist die Wahrscheinlichkeit am größten, dass wir ohne nachzudenken mit Vorstellungen arbeiten, die sich erst allmählich durch die Stilformen schriftlicher Darstellung in späteren Epochen in uns herausgebildet haben.« Und das betrifft nicht allein die Technik der Dichtung, es betrifft die gesellschaftlichen Beziehungen überhaupt.
Sänger, die bei Homer auftreten – Phemios und Demodokos vor allem –, sind fester Bestandteil höfischen Verkehrs. Der Hofbarde hatte in einer schriftlosen Gesellschaft Funktionen, die weit hinausgingen nicht bloß über die Stellung heutiger Künstler. Wo einer Gesellschaft kodifizierte Gesetze, Historiographie, Schriften über Heilkunde, Mathematik, Religion oder Ethik fehlen, fallen dem Sänger am Hof Pflichten zu, von deren Ausübung die Stabilität des Gemeinwesens abhängt. Er ist historisches Gedächtnis, kultureller Sachwalter, Vehikel von Ideologie, erfüllt teils theologische Zwecke und legitimiert die bestehende Herrschaft. Stephen P. Scully hat den Zusammenhang in seinem 1981 publizierten Aufsatz »The Bard as the Custodian of Homeric Society« sichtbar gemacht. Der Sänger in mündlichen Gesellschaften besitzt Macht, woraus folgt, dass er begehrt und latent bedroht ist.
Auch davon tragen die Epen Homers Spuren. Der obligatorische Musenanruf im Prooimion (den Mann singe mir, Muse – den Zorn singe, Göttin) war eine Art archaischer Disclaimer. Zur Ideologie der Aoiden gehörte die Behauptung göttlicher Inspiriertheit, Dichtung galt nicht als Fiktion, der Sänger vielmehr als Medium, durch das eine Gottheit spricht. Das wieder impliziert, dass Dichtung einen Wahrheitsanspruch hatte. Das Publikum der oralen Gesellschaft geht davon aus, was da gesungen wird, sei tatsächlich so vorgefallen. Während der Sänger am Hof also die politische Herrschaft legitimiert, sichert er sich gegen die Herrschaft ab, indem er sich durch die Behauptung göttlicher Wirkung legitimiert. Als Odysseus im 22. Gesang der »Odyssee« Phemios erschlagen will, weil der sich als Hofsänger Ithakas den Freiern dienstbar gemacht hatte, zieht der Künstler den Kopf aus der Schlinge, mit dem Verweis, dass ein Gott ihm die Lieder in die Seele gepflanzt habe.
So weit gelangt, lassen die beschriebenen Stränge sich zusammenführen. Der Dichter der »Ilias« und der »Odyssee« blickt vom Beginn der Eisenzeit (8. Jahrhundert) vermöge poetisch-erzählerischer Konservierungstechniken durch die schriftlosen Dark Ages hindurch (8. bis 12. Jahrhundert) auf Geschehnisse der späten Bronzezeit (12. Jahrhundert). Sagenstoff, Oral poetry und Schriftkultur der zweiten griechischen Kulturphase laufen in einer komplizierten Beziehung in seinem Werk zusammen, die zu durchleuchten die Forschung Jahrhunderte benötigte. Homer kann als Scharnier von Schriftlichkeit und Mündlichkeit gesehen werden, seine Epen sind offensichtlich am Reißbrett entworfen – subtil strukturiert, komponiert und, wie Martin L. West plausibel gemacht hat, mehrfach überarbeitet und erweitert. Gleichwohl tragen sie Elemente einer mündlichen Gesellschaft, nicht nur via Formelhaftigkeit, auch, was den Erzählinhalt betrifft. In der epischen Welt Homers gibt es keine Schrift: keine Bücher, keine Verträge, keine Gesetze, keine Inschriften, keine Briefe, Nachrichten werden von Herolden überbracht. Mit einer Ausnahme, der Bellerophontes-Stelle im sechsten Gesang der »Ilias«, die als blasse Spur der mykenischen Schriftkultur interpretiert wurde.
Inhaltlich kommen in beiden Werken uralte mythische Elemente (Götter, Helden, Ungeheuer) und weniger alte Sagen mit historischem Kern (Kampf um Troia) zusammen. In einer Zeit, da zwischen Poesie und Historiographie nicht unterschieden wird (diese Differenz wird erst Aristoteles am Ende seiner »Poetik« und damit den Charakter der Fiktionalität einführen), in einer Zeit mithin, wo zwischen der jüngsten, noch von Zeitzeugen erzählten Geschichte und der fernen, mythisch eingefärbten und gesanglich tradierten Geschichte stets ein »floating gap« (Jan Assmann) bleibt, kann der Unterschied zwischen Sage und Mythos ohnehin nicht bewusst werden. Dem Publikum Homers waren die Geschichten von »Ilias« und »Odyssee« bekannt. Das Originelle beider Epen liegt weniger in der Story, vielmehr in der poetischen und narrativen Form, wobei insbesondere die »Odyssee« mit ihrem nichtlinearen, hypotaktischen Bau an das Montageprinzip der Filme Christopher Nolans erinnert, das heißt, eher die an sie. In jedem Fall darf verwundern, dass Nolan gerade bei diesem Stoff sein gewohnt diffiziles Spiel mit einander verschränkten Zeitebenen vergleichsweise dosiert gehalten hat.
Unbestritten scheint, dass Nolan bei der Vorarbeit tief in den Stoff und sein historisches Substrat gestiegen ist. Bildliche und textliche Anspielungen auf die Epen, hintergründige Verwertung mythischer Motive und Sujets, Vor- und Nachzeichnung historischer und kultureller Zusammenhänge, Auseinandersetzung mit der Dialektik von Dichtkunst, Mündlichkeit und kollektiver Erinnerung – all das scheint nicht bloß in Form geschickt plazierter Buzzwords auf, nicht bloß als Fanservice für ein klassisch gebildetes Publikum. Das wiederum ließ sich nicht lange bitten. Seit Kinostart erschienen zahllose Artikel in den Feuilletonspalten, die Kinogänger mit der geheimen Welt der Bronzezeit vertraut zu machen. Nicht alle davon lesenswert, es lohnt daher, einen Blick auf jene Epoche zu werfen, die auch für Homer schon tief im Dunkel lag.
Man kann den Höhepunkt der Mykenischen Kultur um das 15. Jahrhundert v. Chr. ansetzen, bei der Eroberung des Hauptpalastes in Knossos auf Kreta. Dieser Expansion Mykenes folgte ein kultureller, politischer und ökonomischer Aufstieg, rund 250 Jahre später brach die nahezu gesamte Palastwelt um das Mittelmeer zusammen. Die ältesten Spuren griechischer Besiedlung auf der Peloponnes und auf Attika weisen auf die Zeit um 2000 v. Chr. Griechische Stämme wandern vom Norden her in die südliche Balkaninsel ein. In dieser Zeit etabliert sich in der Region ein Gesellschaftsmodell, das wahrscheinlich von damals bestehenden Großreichen – Hethiter und Ägypten vor allem – übernommen wurde: die Zentralpalastkultur.
Das Kind hat viele Namen. Produktionsverhältnisse und politische Strukturen betreffend entspricht das palatiale System im Ansatz (nicht vollständig) dem, was in der marxistischen Terminologie als »asiatische Produktionsweise« oder »orientalische Despotie« bezeichnet wird. 1957 prägte Karl August Wittfogel den Begriff »hydraulische Gesellschaft«, weil das Bewässerungssystem in dieser Formation von essentieller Bedeutung war. Die in den Mittelmeerraum gekommenen Griechen bauten ihre Poleis nach diesem im zweiten Jahrtausend dominierenden Prinzip. Ein befestigtes Zentrum mit subtiler und weit reichender Infrastruktur kontrolliert ein rurales Umland, aus dessen Bodenbewirtschaftung es seinen Reichtum bezieht. Das Zentrum lässt sich als Palast oder Burg verstehen, in jedem Fall umschlossen die Befestigungen (Mauern, Gräben, Walle) einen reichlich komplexen Komplex mit Vorrats-, Handwerks- und Repräsentationsräumen, mit Wohnbereichen, Küchen, Archiven und religiösen Stätten.
Die Paläste und ihr Umland wurden kontrolliert von einer stark ausentwickelten, hierarchisch funktionierenden Verwaltung, von Beamten sozusagen, regiert wurden sie von Königen, deren Folge oft (nicht immer) erblich geregelt war und die sich in jedem Fall aus der damaligen Adelsschicht rekrutierten. An der Spitze des Palastes stand der wa-na-ka, König und zugleich oberster Priester. Ihm unterstellt war der ra-wa-ke-ta, der wahrscheinlich die militärische Führung innehatte. Beide verfügten über abgesonderten Grundbesitz. Auf der nächsttiefen Ebene folgte eine Mehrzahl von Beamten, in zwei Funktionen: e-qe-ta (Gefolgsmann) und ko-re-te (Distriktfunktionär).
Der Palast diente nicht lediglich als Residenz des Herrschers, er war Zentrum in jeder Hinsicht: religiös, politisch, ökonomisch, kulturell, militärisch. Der komplexe Verwaltungsapparat bezeigt eine komplexe Form der Arbeitsteilung, ein zentral gelenktes und geplantes System der Produktion und Distribution. Die reich gekammerte Landschaft des griechischen Festlands und die feinteilige Insellandschaft der Ägäis scheinen indessen verhindert zu haben, dass aus der Vielzahl der Paläste ein integres Großreich wird. Die kleinstaaterische Polisstruktur ist eine Konstante in der griechischen Geschichte – während der mykenischen Zeit, während der Dark Ages, während der archaischen Epoche bis zur Zeit des Attischen Seebunds. Erst Alexander dem Großen würde im 4. Jahrhundert v. Chr. gelingen, woran das Persische Reich im 5. Jahrhundert noch gescheitert war: die gewaltsame Vereinigung der zahllosen Poleis.
Die Kleinstaaterei findet man auch bei Homer wieder. Die griechischen Königreiche existieren nebeneinander ohne absolute Obergewalt. Agamemnon ist mehr primus inter pares als Kaiser, allerdings spricht auch das für den Bezug der Epen zur Bronzezeit, denn Agamemnon ist der König von Mykene, dem stärksten griechischen Zentrum im späten Helladikum.
Mykene war auch maßgeblich verantwortlich für die Expansion der Griechen im Mittelmeerraum. Ob es die Eroberung Kretas im 15. Jahrhundert allein oder als führende Kraft eines Staatenbundes (ähnlich den Griechen vor Troia) durchgeführt hat, konnte bislang nicht geklärt werden. Nachweisbar ist dagegen, dass nach der Eroberung eine griechische Dominanz in Teilen des Mittelmeerraums Bestand hatte und das Geflecht der griechischen Zentren einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte. Gesichert scheint ebenfalls, dass weder Mykene noch andere griechische Zentren vor der Eroberung Kretas Schrift besaßen. Erst der Kontakt mit der minoischen Kultur brachte diese Entwicklung.
Die Eroberer stießen im Palast von Knossos auf die Linearschrift A, die bis heute nicht entschlüsselt ist. Das in ihr ausgelegte Zeichensystem wurde angeeignet zur lautlichen Abbildung der eigenen Sprache, so entstand jene Schrift, die als Linear B bezeichnet wird. Die Zeugnisse dieser Schrift, Tausende Tontäfelchen, dokumentieren eine rein technisch orientierte Verwendung. Weder Geschichten noch Geschichte noch Wissen über die Natur wurden mittels Linear B festgehalten. Die Ausgrabungen der Tontäfelchen zeugen vielmehr von einer ungeheuren Verwaltungswut: Personen- und Inventarlisten, Import- und Exportkataloge, Kataster, Dokumente über Besitzverteilung, Hierarchien, Abgabeordnungen und dergleichen. Für die Abbildung komplexer Syntax scheint das umständliche System mit seinen rund 90 Zeichen ebenso wenig geeignet gewesen zu sein wie das Material, auf dem geschrieben wurde. Ton zerfällt recht bald, kommt also als Schriftmaterial nur für den Ad-hoc-Gebrauch in Frage.
Eine faszinierende Paradoxie der Überlieferungsgeschichte liegt indessen darin, dass der Untergang der griechischen Palastzentren die Voraussetzung für ihr archäologisches Fortleben war. Im Feuer der eroberten Paläste wurden viele der Tontafeln hartgebrannt und blieben damit erhalten. Ohne den Untergang der Paläste wüsste man heute kaum etwas über die mit jenen Bränden untergegangene Zeit.
Der Untergang der griechischen Zentren ereignete sich dann ziemlich rasch. Von 1200 v. Chr. an brachen binnen weniger Jahrzehnte fast alle Paläste zusammen, flächendeckend und vollständig: Mykene, Pylos, Tiryns, Theben, Orchomenos, Agios Vasilios, das Menelaion (Sparta), Midea u. a. Mit einer berühmten Ausnahme: Athen. Die Welle erfasste große Teile des Mittelmeerraums, auf Kreta fielen Knossos und Kydonia, in Vorderasien Hattusa (Zentrum des Hethiterreichs), Ugarit (Levante) und das von Heinrich Schliemann 1871 im Nordwesten der Türkei identifizierte Troia, dessen Zerstörung nicht allein, doch im hohen Maße als historische Vorlage der »Ilias«-Sage gilt. Die Welle der Zerstörungen kam erst in Ägypten zum Stehen, als einziges Reich überlebte es, stark geschwächt, die Epoche.
Vollends befriedigend dürfte nie geklärt werden, unter welchen Umständen jener weitreichende, in schockartigen Kaskaden ablaufende Expresskollaps griechischer und nichtgriechischer Palastzentren vonstatten ging. Die archäologische Forschung konnte einige beliebte Erklärungsmodelle mittlerweile etwas einnorden. Monokausale Erklärungen, so viel lässt sich festhalten, reichen nicht hin. Innere Unruhen erklären nicht, warum die Zusammenbrüche zur selben Zeit und über weite Regionen hinweg stattfanden. Diese Lücke sollte die Naturkatastrophenthese schließen, doch sie kann nicht erklären, warum das Palastsystem durchweg unterging. Was wiederum die These leisten könnte, dernach das System bei den kleineren Staaten in Griechenland zu aufgebläht und damit strukturell anfällig war. Das wiederum erklärt aber nicht, warum die größeren Reiche im Osten ebenfalls untergingen. Was man hingegen mit der These der Seevölker, im Sinne einer Völkerwanderung, erklären könnte, die jedoch keine griffige Erklärung für den vollständigen Untergang des palatialen Systems gewährt.
Eine Verschränkung struktureller Ursachen und kontingenter Einflüsse scheint da plausibler. Gerade die Komplexität der Palastzentren musste zur Schwäche werden. Das Verwaltungssystem, vermutlich kopiert von den östlichen Großreichen, war für die vergleichsweise kleinen Gebiete der griechischen Zentren zu groß, der ökonomische Ertrag des Bodens reichte auf Dauer nicht, die damit hypertrophe Zentralverwaltung zu tragen. Hinzukommt, dass die griechischen Zentren durch Handelsbeziehungen voneinander abhängig waren, der Zusammenbruch des einen Auswirkungen auf die anderen haben musste. Ein System zudem, das derart abhängig ist von Registraturen und zentralen Mechanismen, verkraftet den Ausfall seiner Schaltzentrale deutlich schlechter als eine losere Organisationsstruktur.
Natürlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass Naturkatastrophen, zum Beispiel Dürren, diesen Prozess beschleunigt haben. Natürlich können hier oder dort innere Aufstände ausgebrochen sein, erst recht bei Knappheit von Nahrungsmitteln und daraus folgenden Verteilungskämpfen. Die Wucht und das Tempo der Zerstörung lassen allerdings eine Invasionsstreitmacht wahrscheinlicher scheinen, zumal die These von den angreifenden »Seevölkern« archäologisch gedeckt ist, entsprechende Berichte fand man in den antiken Archiven von Ägypten, Ugarit und Hattusa. Auch im Alten Testament findet man übrigens ein Echo dieses großen, Bevölkerungen verschiebenden Krieges, im Exodos des jüdischen Volks. Tatsächlich haben im Zeitraum um 1200 v. Chr. mehrere Wellen von Angriffen zu Land und vor allem zu Wasser die bestehenden Reiche überrollt, und es lässt sich vielleicht von einer Art Völkerwanderung sprechen oder von der frühhistorischen Version eines Weltkriegs. Nur dürfte diese Seevölkerkatastrophe nicht Ursache, sondern eher Folge der Zusammenbrüche gewesen sein, auch wenn sie ihrerseits zu weiteren Zusammenbrüchen und mittelbaren Folgen wie Handelsblockaden, Aufständen usw. geführt hat.
Für die Homerischen Epen allerdings ist gerade dieses Setting interessant. Die Troia-Sage der »Ilias« beschreibt eine Invasion kooperierender Völker, die von der See her anlanden und eine große Stadt zerstören. Die »Odyssee« erzählt von Seefahrern, die mittels Piraterie und Eroberung ihr Leben bestreiten müssen, wie auch die Seevölker kaum freiwillig zu Invasoren geworden sein dürften, sondern wahrscheinlich durch Versorgungsprobleme in ihrer Heimat in diese Lebensweise getrieben.
Das Epos verklärt den Zusammenhang, indem Odysseus bloß nach Hause will. Und macht damit selbst ein anschauliches Beispiel für das, worauf Christopher Nolan mit seiner Adaption der »Odyssee« hinauswill: Wer Opfer sei und wer Täter, wer Plünderer und wer Irrfahrer, wer imperialistischer Aggressor und wer Verteidiger seiner Lebensweise, hängt für die Beteiligten von der Seite ab, auf der sie jeweils stehen.
→ Teil 1 des vorliegenden Beitrags erschien in der jW-Ausgabe vom 26./27. September.
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