Hybride Pinselführung
Die Ausstellung »Why Painting?« in Gladbeck widmet sich dem Verhältnis von klassischer Malerei zu digitaler Entwicklung
Musik ohne Lobby habe sich in die Weiten von Myspace zurückgezogen, in Popzeitschriften finde sie nicht mehr statt. Die Verdrängung der Avantgarde – der also nicht mehrheitsfähigen Kompositionen – in den Aufmerksamkeitsraum Internet, die der Poptheoretiker Martin Büsser vor bereits rund 20 Jahren für populäre Musik konstatierte, gilt für die bildende Kunst und ihr Immer-mal-wieder-Steckenpferd, die Malerei, gleichermaßen.
Werden durch eben jene Verschiebung jetzt die eingerosteten Verhältnisse und altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen aufgelöst? Die Ausstellung »Why Painting? Memes und digitale Bildkultur in der Malerei« in der Neuen Galerie Gladbeck versucht nicht nur, die Frage nach der anhaltenden Notwendigkeit klassischer Malerei als E- statt U- Kunst zu beantworten, sie verspricht, den mehrschichtigen Einfluss der digitalen Kultur anhand der gezeigten Werke zu illustrieren. Denn die vier dafür ausgewählten bildenden Künstler – Thomas Baldischwyler, Johannes Bendzulla, Julius Hofmann und Marta Vovk – würden »den Reibungsflächen zwischen Materiellem und Digitalem« nachspüren, um schließlich »digitale sowie popkulturelle Ästhetiken« auf die Leinwand zu übertragen. Dafür erweitert Thomas Baldischwyler das populäre »Good Boy«-Meme um die Frage, was denn wäre, wenn eben nicht herausgefunden werden könnte, wer denn nun ein guter Junge sei.
Seinen Durchbruch hatte das Meme als Teil des »Doge«-Trends um die Hunderasse Shiba Inu im Jahr 2013, auch die Kryptowährung »Dogecoin« entsteht zur selben Zeit in der Netzkultur. Baldischwyler bedient sich mit dem Meme nicht nur eines Formats, das seit dem Durchbruch sozialer Medien gegenwärtige Moden, politische oder gesellschaftliche Zustände aus dem digitalen in den analogen Raum hinein überträgt, kommentiert und verändert. Der in Hamburg lebende und arbeitende Künstler erweitert das Meme und dessen Bedeutung durch die Adaption und den Transport ins Analoge, überlässt die Beantwortung der hinzugefügten Frage, dennoch dem Betrachter. Mit dem beigestellten illustrierten Verlauf der Google-Suche des Memes verbindet Baldischwyler nicht nur auf einer weiteren Ebene das Digitale mit dem Analogen. Er illustriert, wie sich analoges Interesse in der digitalen Umgebung niederschlägt. Das Internet vergisst nicht – aber es erinnert sich auch nur nach Aufforderung.
Die Auswahl der Künstler in der Neuen Galerie Gladbeck scheint wahllos kompiliert, es gibt keine persönlichen, geographischen oder Arbeitsverbindungen, ihre Namen lassen sich nicht durch vermeintliche oder tatsächliche Relevanz im Kunstbetrieb oder messbares öffentliches Interesse erklären. Baldischwyler, Bendzulla, Hofmann und Vovk eint das Aufwachsen, die Sozialisation und die Arbeit mit digitalen Möglichkeiten. Deutlicher als bei Hofmann ist das bei keinem zu sehen: In die Malerei und seit einigen Jahren auch in das Medium Film lässt der Göttinger wechselseitig Charakteristika des jeweils anderen Mediums einfließen. Seine figurativen Bilder erinnern in Motivwahl, Farben und Stil an die pixelige Ästhetik von Pre-2000er-Computergrafiken, fehlt nur noch, dass sie sich bewegen.
Die Wahl Hofmanns, der in Leipzig bei Heribert C. Ottersbach und Neo Rauch gelernt hat, kann exemplarisch auch für eine Generation neuer Kunstschaffender gelesen werden, die Social Media nicht mehr als lästiges Mittel der Selbstvermarktung und damit als leidlich unverzichtbaren Alltag eines 2020er-Künstlerlebens begreift. Eine niedrige vierstellige Zahl Menschen folgt Hofmann auf Instagram, der Plattform, die in den letzten zehn Jahren die Gatekeeper-Funktion der Galerien und anderen klassischen Akteuren des »undemokratischen Kunstmarktes«, wie ihn Magnus Resch, einer der weltweit bedeutendsten Kenner der Branche, nennt, aufgebrochen hat. Denn dieser ermöglichte bisher einen Aufstieg traditionell nur denen, die über ein Netzwerk von Leuten verfügen, die an den Schaltstellen Unmögliches möglich machen können.
Wie der Musikmarkt, auf dem Plattenfirmen, Vertriebe, Management oder Tonstudios dank digitaler DIY-Möglichkeiten ihren Nimbus der Unersetzbarkeit auch jenseits einer Independent-Szene längst verloren haben – es entsteht also nicht mehr nur Punk, sondern längst auch autarker Pop –, unterliegt auch der Kunstmarkt einem demokratisierenden Wandel.
Instagram ermöglicht den Künstlern die Ansprache des Publikums und den Verkauf der eigenen Kunst ohne Umwege – ein Nachweis tatsächlicher Bekanntheit oder gar Relevanz und ebenso wenig ein Garant für Verkaufserfolge ist die Plattform allerdings nicht. Die Hereinnahme Hofmanns bildet die neue, digitale Wirklichkeit in der Malerei also auch im immateriellen Sinn ab. Trotz der stärkeren Bezüge der Künstler zur Ausgangsfrage wirkt die Ausstellung »Why Painting?« wenig zwingend. Die Kuration drängt sich dem Betrachter nicht auf, ein Aha-Erlebnis stellt sich nicht ein. Was bleibt, ist ein Gefühl von ungenutzten Möglichkeiten.
→ »Why Painting? Memes und digitale Bildkultur in der Malerei«, Neue Galerie Gladbeck,
Bottroper Str. 17, 45964 Gladbeck, bis 25. Oktober 2026
www.galeriegladbeck.de
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