Bodychecks und Powerplay
Von Max Grigutsch
Was im Internet schon seit Monaten trendet, kommt irgendwann auch in die junge Welt. Es gibt einen Anlass: Die kanadische TV-Serie »Heated Rivalry« ist ab dem 6. Februar mit deutscher Synchronisation im Streamingdienst HBO Max zu sehen. Bereits Ende November war die Produktion von Regisseur Jacob Tierney im kanadischen Dienst Crave gestartet. Versprochen war eine sportliche Romanze mit Hang zu Spice bis Smut: Zwei Eishockeyspieler verlieben sich.
Die Angelegenheit beginnt, wie könnte es anders sein, in der gemeinsamen Dusche. Es folgt eine mehrjährige Annäherung des Russen Ilya Rozanov (Connor Storrie) und des Kanadiers Shane Hollander (Hudson Williams), in dieser Reihenfolge Nummer eins und Nummer zwei Draft-Picks ihrer gemeinsamen Rookiesaison in der fiktionalisierten nordamerikanischen Eishockeyliga. Von unterschiedlichen Teams ausgewählt, begegnen sich die Protagonisten zunächst als Rivalen. Öffentlichkeit, Mitspieler, sogar ihre Familien denken: Die beiden hassen sich. Aber im geheimen werden Begegnungen zu Hook-ups, Hook-ups zu mehr. Den vom Zuschauer erwarteten Haken spricht Shane aus: »Du wirst doch niemandem davon erzählen, oder?« Ilya sarkastisch: »Ich? Ja, Hollander, ich werde es allen erzählen.« Und wieder Shane: »Weil niemand das wissen darf.«
Um Sport geht es, ebenfalls erwartungsgemäß, eher peripher. Der Erfolg der Serie hat hingegen nicht nur dazu geführt, dass die beiden Hauptdarsteller offizielle Fackelträger bei den Olympischen Winterspielen sein durften, »Heated Rivalry«-Obsessionen und Thirst Traps sind via Social Media auch längst in der – zumindest in Deutschland an Eishockey weitgehend uninteressierten – Popkultur angekommen. Die Begeisterung hat die sofortige Neubestellung einer zweiten Staffel bewirkt.
Und: Die Show ist durchaus in die Umkleidekabinen der Männerhockeyteams vorgedrungen – ob nun auf jene despektierliche Art, die vermuten lässt, dass ein wunder Punkt getroffen wurde, aus authentischer Begeisterung oder aus Freude darüber, dass mal eine »Eishockey«-Serie in aller Munde ist. Die Realität ist allerdings: Im Eishockey, jedenfalls bei den Männern, ist offene Homosexualität eine Seltenheit. In der NHL gibt es derzeit wohl keinen öffentlich geouteten Spieler. Die Autorin Rachel Reid, auf deren Büchern die Serie basiert, offenbart auf ihrer Webseite immerhin, sie habe sich von der legendären Rivalität zwischen Sidney Crosby und Alexander Owetschkin inspirieren lassen. Vielleicht kommt da ja bald noch etwas ans Licht. »Heated Rivalry«-Fans dürfen hoffen.
Ansonsten schwächelt die Serie da, wo alle Romanzen wesenhaft schwächeln: an der Handlung. Dass alle Nebencharaktere nur auftauchen, um die Beziehung der beiden Protagonisten zu erhellen – Folge drei ausgenommen –, sei dahingestellt. Dass sich ausgerechnet die ersten beiden Draft-Picks in die titelgebende Dyade aus aufgeheizter Affäre und athletischem Antagonismus begeben, ist nun eher unwahrscheinlich, obgleich das dem entscheidenden Gegenstand der Serie nichts abtut.
Dass sich in der Beziehung und auf dem Eis ein Kanadier und ein Russe gegenüberstehen (letzterer gespielt von einem US-Amerikaner – Connor Storrie, geboren in Odessa … Texas, musste sich den russischen Akzent erst antrainieren), darf eine westliche Produktion in Zeiten des Ukraine-Kriegs freilich nicht unideologisiert lassen. In das im unfreundlichen Schein oligarchischer Extravaganz schillernde Moskau kehrt Ilya nur aus Pflichtbewusstsein zurück. Sein Vater, sein Bruder, beide Polizei, wie er sagt. Aber offensichtlich hochrangig und mit guten Verbindungen. Ilyas Heimat ist kalt, seine Familie kaputt. Der autoritäre Vater ist nicht zufriedenzustellen. Die Mutter sei nett gewesen, hat aber Suizid begangen. Der von Ilyas Geld parasitär profitierende Bruder ist drogenabhängig. Ilyas Fazit lautet: »I fucking hate it here.« Ohnehin könne er nicht in seine Heimat zurück, würde er öffentlich geoutet, sagt er.
Es stimmt zwar, die Situation von Queers in Russland ist schlecht, besonders seit dem sogenannten Anti-LGBT-Gesetz von 2013 (die Serie beginnt allerdings 2008). Die Wahl dieses Gegensatzes sticht trotzdem ins Auge, hätte Shane schließlich genausogut der Sohn eines durchgeknallten, homophoben, faschistoiden US-Machthabers in Uniform (Gregory Bovino?) sein können. Ist er aber nicht. Er ist das Kind von warmen, wenn auch karriereorientierten Eltern, die ihn allseitig unterstützen und sich bei der Offenbarung seiner Homosexualität nur deswegen vor den Kopf gestoßen fühlen, weil ihr Sohn sich ihnen nicht früher anvertraut hat. Und weil Shane und Ilya, Hollander und Rozanov, doch Erzrivalen sein sollten.
Aber das war nun wirklich nicht anders zu erwarten. Der Rezeption tut es keinen Abbruch: 98 Prozent bei Rotten Tomatoes, eine seltene »Zehn von zehn« für Folge fünf bei der IMDb. Die Produktion landete auf den Listen der besten Serien 2025 von Cosmopolitan, New York Post, Refinery, The Seattle Times und Toronto Star. Laut AP ist die Serie zudem ein »Überraschungshit« in Russland. Demnach sei sie mit einer Bewertung von 8,6 auf der russischen Plattform Kinopoisk besser bewertet als »Breaking Bad« oder »Game of Thrones«. Die Stimmung im Publikum scheint eindeutig. Will heißen: »Heated Rivalry« hält, was es verspricht.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Regio:
Mehr aus: Feuilleton
-
Gut gegen alles: Wermut
vom 07.02.2026 -
In Einfachheit groß werden
vom 07.02.2026 -
Pulver
vom 07.02.2026 -
Rückzug ins Dunkel
vom 07.02.2026 -
Nachschlag: Das Wetter
vom 07.02.2026 -
Vorschlag
vom 07.02.2026 -
Veranstaltungen
vom 07.02.2026 -
Berliner Morgenpost
vom 07.02.2026