Männer fördern Männer
Von Claudia Wrobel
Männer erklären die Welt: Was als sogenanntes Mansplaining im kleinen mehr als ärgerlich ist, offenbart sich auch beim täglichen Blick in die Zeitungen und Onlinemedien in Deutschland. Gerade mal ein Drittel der Führungspositionen deutscher Leitmedien ist von Frauen besetzt. Das erklärte der Verein Pro Quote, der sich seit 2012 »für eine ausgewogene Repräsentanz von Frauen in all ihrer Diversität in den Medien« einsetzt, am vergangenen Freitag. Demnach sinkt ihr Anteil sogar leicht, mit 37,5 Prozent lag er im Januar 0,3 Prozentpunkte unter der vergangenen Erhebung im Juli 2025.
Für das Ranking wertet der Verein die Impressen der Verlage aus, was einen guten Überblick über die Zusammensetzung der Redaktionen ermöglicht. Um einen Eindruck von der Entwicklung zu bekommen, werden die neun größten und nach Einschätzung des Vereins damit einflussreichsten Redaktionen ausgewertet. Für Pro-Quote-Vorständin Edith Heitkämper ist der beobachtete Rückgang ein »deutliches Warnsignal für die Medienhäuser«: »Gleichstellung in journalistischen Führungspositionen passiert nicht von selbst – sie ist eine Führungsaufgabe. Wer publizistische Verantwortung übernimmt, muss auch Verantwortung für vielfältige Perspektiven in Redaktionen tragen. Bleibt diese aus, verengt sich der Blick auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – mit Folgen für journalistische Qualität und demokratische Meinungsbildung.«
Die Verteilung zeigt, dass es sich bei der Unterrepräsentation von Frauen um eine Entscheidung handelt und es nicht daran liegt, dass es nicht genug qualifizierte Kandidatinnen gibt. Denn wenn in den Redaktionen Wert darauf gelegt wird, ist Ausgeglichenheit möglich: Spitzenreiterin bleibt die Taz mit einem Frauenanteil in Führungspositionen von 61,3 Prozent. Allerdings verzeichnet auch sie einen Rückgang um 3,8 Prozentpunkte im Vergleich zu Juli 2025. Interessant ist die Entwicklung bei der Süddeutschen Zeitung: Sie erreicht mit einem »Frauenmachtanteil« von mehr als 50 Prozent Rang zwei und legt gegenüber der Zählung im Vorjahr um 4,8 Prozentpunkte zu. Eine weitere Verschiebung im Ranking: Die Zeit liegt nun mit 42,6 Prozent auf Platz drei, während der Spiegel 3,9 Prozentpunkte verliert und auf Rang vier zurückfällt. Bei der Welt sinkt der Anteil weiter auf 16,7 Prozent – ein Minus von 1,3 Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr. Nach Angaben des Vereins war der neue Chefredakteur Helge Fuhst, der Anfang 2026 die Nachfolge von Jan Philipp Burgard antreten soll, zum Zeitpunkt der Zählung noch nicht im Impressum vermerkt und konnte daher nicht berücksichtigt werden. Wäre dies der Fall gewesen, läge der Anteil weiblicher Führungskräfte bei lediglich 14,9 Prozent – ein Rückgang um 3,1 Prozentpunkte. Dies hätte demnach auch spürbare Auswirkungen auf den durchschnittlichen »Frauenmachtanteil« insgesamt.
Ein Teil der Erklärung für den gegenwärtigen Trend, den man anhand älterer Auswertungen des Vereins auch in Regionalzeitungen, Rundfunk und Fernsehen in unterschiedlicher Ausprägung beobachten kann, ist der von rechts vorangetriebene konservative Rollback, der vor einigen Jahren kaum für möglich gehalten wurde. Und natürlich stimmt auch das verbreitete Prinzip, dass Menschen vor allem Menschen fördern, die ihnen ähnlich sind – also, dass Männer vor allem Männer fördern.
Bei Medien kommt aber auch wegen einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung noch das Problem hinzu, dass die fehlende Macht von Frauen diese Entwicklung gesellschaftlich weiter befeuern kann. So geht Pro Quote davon aus, dass weniger Frauen in Führungspositionen auch bedeutet, dass sich Redaktionen tendenziell weniger um Meinungsbeiträge von Frauen bemühen, weniger Expertinnen zu Wort kommen und weniger Geschichten mit Protagonistinnen gemacht werden. Damit verändert sich die Berichterstattung und verengt sich die öffentliche Debatte noch weiter, wenn es beispielsweise um Themen geht wie unterschiedliche Karrierechancen, also die sogenannte gläserne Decke, an die Frauen stoßen, Ungleichbehandlung von Männern und Frauen im medizinischen Bereich oder die spezielle Situation von Frauen in Kriegs- und Krisengebieten, sei es in Afghanistan, Gaza oder der Ukraine.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Mehr aus: Feminismus
-
»Institutionelles Gaslighting« gegenüber Epstein-Opfern
vom 20.02.2026