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Töten als Naturerlebnis
Jagen wird von Jägern als Naturverbundenheit und Hege von Wildbeständen rationalisiert. Tatsächlich stimmt daran so gut wie nichts
Waffen boomen – auch im Wald. Seit 1945 hat sich in Deutschland die Anzahl der Jagdscheininhaber mehr als verfünffacht. Ende des vergangenen Jahres gab es genau 467.682 Personen mit gültigem Jagdschein. Die Zahl der »Jagdschüler« hat sich in den letzten 20 Jahren laut Deutschem Jagdverband (DJV) etwa verdoppelt. Darunter immer mehr junge Menschen und immer mehr Frauen. Aktuell gibt es in Deutschland etwa 150.000 waffentragende Soldaten. Mehr als dreimal so viele Menschen mit scharfen Waffen streifen also durch unsere Wälder. Noch drastischer ist das Missverhältnis in bezug auf die Bewaffnung: Jagdscheininhaber besitzen im Durchschnitt sechs Schusswaffen, insgesamt also fast drei Millionen. Sie können per Mausklick beliebig viele Schusswaffen jedweder Art kaufen, darunter auch zivile Versionen von Kriegswaffen.
In einem Jahr erschießen sie laut DJV 5,3 bis 5,6 Millionen Tiere, bei einer von Fachleuten auf zehn bis 20 Prozent geschätzten Dunkelziffer waren es sechs bis sieben Millionen. Nach Schätzungen von Veterinärämtern und Lebensmittelkontrolleuren wird die Hälfte der getöteten Tiere gar nicht verwertet, sondern verscharrt, liegen gelassen oder in eine Abdeckerei (Anlage zur Beseitigung von toten Tierkörpern) gebracht, statt als Lebensmittel genutzt zu werden. Weil die Nachfrage fehlt oder der gewünschte Preis nicht erzielt wird, weil amtliche Untersuchungen (zum Beispiel Trichinenprobe bei Wildschweinen) nicht durchgeführt wurden oder die Kühlkette unterbrochen oder das Tier durch die Schüsse des Jägers derart zerfetzt wurde, dass es nicht mehr als »verkehrsfähig« gilt. Laut DJV¹ beträgt das gesamte Wildbretaufkommen aus Schalenwild (Reh-, Rot-, Dam-, Schwarzwild) rund 45.800 Tonnen Rohgewicht. Davon werden etwa 19.600 Tonnen als Wildbret genutzt, also zu Lebensmitteln verarbeitet. Das bedeutet, dass rund 26.000 Tonnen (etwa 57 Prozent) nicht verwertet werden. Die Abdeckerei verarbeitet sie zu Tierfett, das als Brennstoff in Zementwerken oder zur Energiegewinnung genutzt wird, oder zu Tiermehl, das ebenfalls als Brennstoff dient oder in der Düngemittelindustrie Verwendung findet.
Jagdhype
Die immensen Dimensionen, die diese spezielle Spielart der Militarisierung – man könnte auch sagen: Kriegführung – erreicht hat, sind öffentlich kaum bekannt. Wie auch viele andere bedeutende Tatsachen aus diesem Themenbereich. Beispielsweise, dass nur 0,3 Prozent der Jagdscheininhaber die Jagd beruflich betreiben, also nur einer von 300 Jägerinnen oder Jägern. 99,7 Prozent der knappen halben Million Jägerinnen und Jäger also betreiben Jagen als Hobby. Es gibt in Deutschland ca. 1.200 bis 1.500 Berufsjäger, zumeist arbeiten sie in Landesforstverwaltungen, großen Privatforsten oder Nationalparks. Ihre Ausbildung dauert drei Jahre und schließt mit der Prüfung zum »Staatlich geprüften Revierjäger« ab. Der Erwerb des Jagdscheins zu Zwecken der Hobbyjagd aber ist – wie der SWR in einer aktuellen Fernsehdokumentation zeigt² – schon nach Kursen von ein oder zwei Wochen möglich. Wie aus der Dokumentation ebenfalls hervorgeht, wird der aktuelle Jagdhype von den sogenannten sozialen Medien mit angetrieben. Locker kommentierte Jagdaufnahmen können mit authentischer Action aufwarten, mit echten Schusswaffen, scharfer Munition, echtem Blut und echtem Tierleid inmitten idyllischer Natur.
Was steckt noch hinter diesem Jagdhype, der ja schon vor dem Aufschwung sogenannter sozialer Medien einsetzte? Warum machen Hunderttausende es zu ihrem Hobby, Tieren aufzulauern und sie zu hetzen, um sie zu erschießen? Ist es etwa die Liebe zur Natur? Die Frage klingt zynisch, aber genau das ist es, was vom Deutschen Jagdverband befragte »Jungjäger« als ihr Hauptmotiv benennen.³ An erster Stelle steht der Wunsch nach einem »intensiven Naturerlebnis«, danach, »Teil der Natur« zu sein. An zweiter Stelle das Motiv zu angewandtem Naturschutz, das eigene Engagement für Biotoppflege, Blühflächen und Lebensraumgestaltung. Als drittes wird gesunde Ernährung genannt, das Interesse an »nachhaltigem Fleisch« aus »eigener Hand«. Also ausschließlich altruistische und naturverbundene Motive.
Aber zu den Motiven des Jagdhypes existieren erfreulicherweise auch andere Quellen. Seit etwa 20 Jahren entfaltet sich in mehreren Ländern und in verschiedenen Fachbereichen hierzu ein starkes wissenschaftliches Interesse. Die Ergebnisse lassen sich zusammenfassen: Der Jagd liegt ein komplexes Bündel an Motiven zugrunde, die zum einen mit Status- und Kontrollmotiven zu tun haben, doch auch Identitätsfunktion besitzen. Das bedeutet, die Jagd gilt als wirksamer Weg, an Status zu gewinnen, als Mittel sozialer Aufwertung innerhalb eines exklusiven Milieus. Zugrunde liegt zudem ein Machtstreben, das Bedürfnis, Kontrolle über Natur und Tiere – vor allem große Tiere – zu besitzen und auszuüben. Und schließlich scheint Aggressionsabfuhr ein häufiges Motiv zu sein, indem Jagen eine sozial akzeptierte Form der Aggressionskanalisierung darstellt.
Motivierend ist ferner das Erleben, über das Schicksal eines Tieres zu entscheiden, das Jagdfieber, die meist nicht offen ausgesprochene, dennoch triumphal, zuweilen rauschartig empfundene Herrschaft über Tod und Leben. Immer wieder beschreiben Jäger den Moment des tödlichen Schusses als Höhepunkt der »Jagdlust«. In einem ähnlichen Erleben wird Töten als psychische Selbststärkung empfunden. Der Jäger kann sich der eigenen Sterblichkeit stellen, ohne selbst gefährdet zu sein. Das Tier fungiert dabei als Stellvertreter: Der Schütze besiegt mit ihm symbolisch den Tod.
Die zweite Motivgruppe betrifft die identitäre Funktion der Jagd. Sie erzeugt ein exklusives Selbstbild als »Eingeweihter«, »Naturkenner« und Inhaber einer »Lizenz zum Töten«. Sie schafft eine intensive soziale Abgrenzung gegenüber denen, die nicht jagen. Und sie festigt ein Rollenbild, in dem die Behauptung von Kontrolle, Kompetenz und Überlegenheit zentrale Elemente werden. Zweierlei fällt bei diesen Motiven auf: Sie sind ganz ähnlich auch aus anderen fatalen Zusammenhängen bekannt. Und sie sind mit der so gerne betonten ökologischen Verantwortung völlig unvereinbar. Die in Befragungen häufig geäußerten ökologischen und moralischen Motive dienen wohl eher einer Rationalisierung von Trieben und damit einer Idealisierung des Selbstbildes.
Dennoch könnte ja möglich sein, dass die Jägerschaft trotz fragwürdiger Motivation Gutes tut. Tatsächlich richtet sich in der Bevölkerung trotz einer zunehmenden Ablehnung der Jagd wenig Kritik gegen die konkreten Tätigkeiten der Jäger. Könnte es sein, dass wir sie doch brauchen, obwohl ihr Treiben uns nicht sympathisch ist? Damit die Rehe nicht den ganzen Wald abfressen, die Krähen nicht die Ernte ruinieren, die Wildschweine uns nicht die Afrikanische Schweinepest bringen und wir statt dessen gesunden Wildschweinbraten verzehren können? Diese Fragen allerdings sind wissenschaftlich erforscht.
Jagd soll laut eigener Begründung und laut gesetzlichem Auftrag Wildtierbestände regulieren. Jagdkritiker halten dagegen: In der Praxis passiert genau das Gegenteil. Warum? Der Förster und Bestsellerautor Peter Wohlleben rechnet vor: In einem naturbelassenen Wald, der nicht als Baumfabrik angelegt ist und in dem auch Beutegreifer wie Wölfe, Füchse, Eulen usw. leben dürfen, gab es früher und gäbe es auch heute ein Reh pro Quadratkilometer Wald. Es sind zur Zeit aber etwa 50. Noch mal zur Klarheit: Fast eine halbe Million bewaffneter Menschen schützt den deutschen Wald vor hungrigen Rehen (die eigentlich gar keine Waldbewohner sind und sich nur aus Angst vor der Jagd im Wald aufhalten), wobei im vergangenen Jahr 1,25 Millionen von ihnen erschossen wurden. Trotzdem gibt es 50mal mehr von ihnen, als es in einem natürlichen Wald ohne Jäger gäbe. Bei der Jagd geht es heute, anders als behauptet, viel mehr um die Trophäen als um das Fleisch. Um aber nur einmal im Jahr einen Hirsch oder Rehbock mit einem schönen Geweih erschießen zu können, braucht ein Jäger in seinem Revier einen Bestand von etwa 100 Tieren. Für Wildschweine sind die Verhältnisse ähnlich. Für die Pacht bezahlt er je nach Lage, Größe und Wildbestand 500 bis 3.000 Euro pro Jahr. Was tut er also? Er steigert kontinuierlich die Bestände, vor allem durch (verbotene) Fütterungen und das Verschonen weiblicher Tiere. Diese Praktiken konnten auf die Dauer vor der Öffentlichkeit nicht verborgen bleiben und haben zur wachsenden Ablehnung der Jagd beigetragen.
Jagd regelt Bestände nicht
Heute werden etwa fünfmal so viele Wildschweine und fast doppelt so viele Rehe erschossen wie vor 40 Jahren. Die Zahl der »Abschüsse« (das Wording erinnert den Spaß an Schießbuden) steigt enorm, doch die Bestände sinken nicht, sie steigen kontinuierlich. Die Jagd bewirkt dies durch mehrere Mechanismen: Zum einen kann der enorme Stress, den Tiere unter Jagddruck erleiden, eine beträchtliche Erhöhung der Reproduktionsrate hervorrufen. Bei kurzzeitigem Stress wird die Fortpflanzung gehemmt, bis die Gefahr vorüber ist. Bei anhaltendem oder wiederkehrendem Stress wie durch die Jagd werden vermittels Stresshormonen (Cortisol und Adrenalin vor allem) die Keimdrüsenhormone aktiviert. Der Körper versetzt sich in einen Zustand erhöhter Wachsamkeit und »Fortpflanzungsdringlichkeit«. Die Tiere zeigen verstärkte Brunft oder Paarungsaktivität, erlangen früher die Geschlechtsreife und bringen pro Geburt mehr Jungtiere zur Welt. Aus evolutionärer Sicht liegt der Sinn dieser Veränderungen darin, die durch die Jagd entstandenen Verluste zu kompensieren.
Im jagdfreien Teil des Nationalparks Bayerischer Wald hat man darüber hinaus beobachtet, dass Füchse pro Wurf durchschnittlich 1,7 Welpen zur Welt bringen, in intensiv bejagten Revieren dagegen liegt die Zahl zwischen fünf und sieben. In der Schweiz und in Frankreich wurde die Fuchsjagd stark eingeschränkt, im Vereinigten Königreich (2004) und in Luxemburg (2015) ganz verboten. Nirgends kam es zu einer Überpopulation als Folge – im Gegenteil: Die Bestände stabilisierten sich ökologisch. Füchse regulieren Nagetiere und tragen zur Gesundheit von Ökosystemen bei. Nach einer aktuellen Untersuchung der Pariser Universität Sorbonne⁴ ist die Fuchsjagd – der in Deutschland jährlich etwa 400.000 Tiere zum Opfer fallen – teuer und ökologisch wirkungslos. Schäden nehmen bei intensiver Jagd sogar zu. Ähnliches gilt für die Jagd auf Marder, Krähen und Elstern. Der DJV trägt vor, Füchse könnten die Erreger der Afrikanischen Schweinepest (ASP) verbreiten. Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), Deutschlands zentrale Tierseuchenbehörde, betont dagegen: »Es gibt keine Hinweise darauf, dass Raubtiere und Aasfresser bei der Verbreitung der ASP eine besondere Rolle spielen.« Füchse sind keine epidemiologisch relevanten Vektoren der ASP. Die Bejagung hat keinen nachweisbaren präventiven Effekt.
Ein weiterer Grund für die gesteigerte Reproduktionsrate hat mit der Zerstörung der Sozialverbände durch die Jagd zu tun. Viele Tierarten besitzen eine artspezifische Geburtenkontrolle, die über soziale und territoriale Strukturen funktioniert. In Rudeln oder Familienverbänden pflanzen sich meist nur die ranghöchsten Tiere fort. Wenn nun dominante Tiere getötet werden, verlieren Gruppen ihre soziale Struktur. Untergeordnete Tiere beginnen sich plötzlich selbst zu paaren. Der Tod der ranghöchsten Tiere ist bei der Hobbyjagd die Regel, während Beutegreifer bekanntlich eher kranke und schwache Tiere töten. Wenn die Leittiere plötzlich fehlen, existiert auch die territoriale Ordnung nicht mehr. Neue, unerfahrene Tiere besetzen Reviere, was zu mehr Paarungen und höheren Wurfzahlen führt. Hiervon abgesehen ist die soziale Zerstörung auch selbst ein enormer Stressfaktor.
Dass Jäger fundamental anders selektieren als natürliche Beutegreifer, führt zusammen mit Stressmechanismen und verändertem Sozialverhalten zu höheren Reproduktionsraten und Überpopulation. Darüber hinaus hat es katastrophale ökologische Konsequenzen: Die Überpopulationen schaden der Verjüngung des Waldes und mindern die Artenvielfalt. Dies verändert in einem Kaskadeneffekt die Bodenstrukturen, vernichtet Insektenpopulationen und damit auch Vogelbestände. Es werden sowohl bei der Trophäenjagd als auch bei der Jagd zur Fleischgewinnung gezielt starke Tiere »entnommen«. Dies schwächt die Körpergröße und die Widerstandskraft der Populationen. So konnte für Rotwild und Steinböcke gezeigt werden, dass die Trophäenjagd über Generationen zu einem Rückgang der Geweihgröße und der Körpermasse führt.
Gesundes Wildfleisch?
Der Wunsch nach gesunder Ernährung durch Wildfleisch steht an dritter Stelle der geäußerten Jagdmotive. Zunächst sei daran erinnert: Die WHO-Krebsforschungsagentur IARC (International Agency for Research on Cancer) hat schon 2015 den Verzehr von rotem Fleisch (Säugetierfleisch) als »wahrscheinlich krebserregend für den Menschen« (Gruppe 2A) und verarbeitetes Fleisch als »krebserregend für den Menschen« (Gruppe 1) eingestuft. Es besteht in beiden Gruppen ein erhöhtes, aber in Gruppe 1 mehr und in Gruppe 2A weniger epidemiologisch evidentes Risiko von Darmkrebs, teilweise auch von Bauchspeicheldrüsen- und Prostatakrebs. In Gruppe 2A befinden sich unter anderem auch Glyphosat, Acrylamid, Styrol, 1,4-Dioxan, UV-Strahlung in Solarien und die Infektion mit Helicobacter pylori. Diese WHO-Bewertung bezieht sich auf muskuläres Fleisch von Säugetieren und ist unabhängig von der Tierart oder Haltungsform. Damit gilt diese Einstufung auch für das Fleisch von Reh, Hirsch, Wildschwein, Hase usw.
Jegliches Wildfleisch erhöht also das Risiko einer Krebserkrankung, und wenn es gepökelt oder über 150 Grad Celsius erhitzt (also gegrillt, geräuchert, scharf angebraten oder im Ofen gegart) wird, steigt das Risiko noch mehr. Dann befindet es sich in der IARC-Gruppe 1, gemeinsam mit Arsen, Asbest, Benzol, Röntgenstrahlen oder Tabakrauch. In der Praxis wird Wild fast immer so zubereitet, dass zusätzliche krebserregende Stoffe entstehen. Nur selten verwendete Zubereitungsarten, zum Beispiel Schmoren bei niedriger Temperatur oder Vakuumgaren in Kunststoffbeuteln (Sous-vide), würden diese Stoffbildung vermeiden. Damit sind die häufigsten Zubereitungsformen von Wildfleisch – also Reh-, Hirsch-, Wildschwein- oder Hasenbraten, Steaks und Würste – tatsächlich mit denselben Risiken verbunden wie industriell verarbeitetes Rind- oder Schweinefleisch. Gleiches gilt übrigens für Biofleisch von Schweinen, Rindern, Schafen oder Ziegen. Die biologische Herkunft ändert nichts an den chemischen Prozessen, die bei hohen Temperaturen ablaufen.
Darüber hinaus gibt es spezifische Risiken bei Wildbret: Blei aus Jagdmunition und mangelhafte Hygiene bei Gewinnung und Verarbeitung. Blei schädigt die Blutbildung, die Nieren und das Nervensystem und lagert sich im Knochen ab. Besonders gefährdet sind Kinder, Schwangere und sogenannte Vielverzehrer. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) weist darauf hin, dass insbesondere Jägerfamilien ein erhöhtes gesundheitliches Risiko haben, weil sie häufiger Wildbret essen und damit mehr Blei aufnehmen.⁵ Es zeigte auf, dass metallische Fragmente wie Bleipartikel auch nach der Zubereitung im Fleisch verbleiben können. Die zweite große Risikokategorie betrifft mikrobiologische Belastungen durch unsachgemäße Schlachtung, Aufbrechen und Verarbeitung. Relevante Erreger sind Salmonellen, EHEC/STEC, Hasenpesterreger, Hepatitis-E-Viren und Trichinellen – sie alle können beim Umgang mit Wildfleisch übertragen werden.
Tierleid
Die jährliche Tötung von sechs bis sieben Millionen Tieren durch deutsche Hobbyjäger bedeutet für das Wild einen dauerhaften Zustand erhöhter Alarm- und Stressbereitschaft. Man hat bei den Tieren anhaltende physiologische und Verhaltensänderungen festgestellt, die den posttraumatischen Belastungsstörungen bei Menschen gleichen. Beispielsweise neigen Elefanten, die in ihrer Kindheit miterleben mussten, wie Familienmitglieder erschossen wurden, im Jugendalter zu erhöhten Aggressionswerten, die in Einzelfällen amokartiges Verhalten auslösen können.
Das Schicksal der Tiere, die nicht getötet, sondern verletzt werden, ist in den Medien praktisch unsichtbar. Es gibt weder amtliche Zählungen noch belastbare Schätzungen. Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT) und Wildtierbiologen schließen aus Schussanalysen, dass bis zu 20 Prozent der beschossenen Tiere verletzt entkommen. Bei jährlich sechs bis sieben Millionen Abschüssen wären das deutlich mehr als eine Million Tiere, die verletzt überleben – oft mit Kiefer-, Lauf- oder Bauchschüssen, die zu langem Leiden führen. Auch die Zahl der verletzten und erst später sterbenden Tiere wird in offiziellen Statistiken nicht erfasst, obwohl Fachquellen sie seit Jahren dokumentieren. Laut TVT werden bei den beliebten Treib- und Drückjagden bis zu 70 Prozent der Wildtiere nicht sofort tödlich getroffen, sondern verwundet. Bei Wildschweinen stirbt nur etwa ein Drittel sofort. Der Rest erleidet Kiefer-, Bauch- oder Laufschüsse und flüchtet oft kilometerweit. Bei Rehen wurden bis zu 60 Prozent Bauchschüsse festgestellt. Das bedeutet: Von den jährlich rund sechs bis sieben Millionen getöteten Wildtieren dürften mindestens drei bis vier Millionen zuvor verletzt worden sein – viele davon sterben erst Stunden oder Tage später. Diese Zahlen bedeuten nicht nur Tierleid in unvorstellbarem Ausmaß, sondern auch ein ökologisches Desaster.
Es ist die Summe dieser ethischen und ökologischen Untaten, die Jagdkritiker dazu veranlasst, die komplette Abschaffung, das heißt, das Verbot der Hobbyjagd zu fordern. Ein solches Verbot existiert bereits seit 1972 für alle Wildtierarten in ganz Indien, in Kenia seit 1977 für die Großwild- und Trophäenjagd, in Costa Rica ist jede Art von Sport- und Hobbyjagd seit 2012 verboten, in Kolumbien seit 2019. Der Schweizer Kanton Genf hat 1974 nach einer Volksabstimmung die Freizeitjagd für illegal erklärt. Eine aufmerksame wissenschaftliche Begleitung stellte fest, dass sich die Wildtierbestände seitdem zum größten Teil selbst stabilisierten. Auf der griechischen Insel Tilos gilt seit den 1990er Jahren ein komplettes Jagdverbot, wodurch die Insel zum Schutzgebiet für Zugvögel und seltene Tiere wurde. Großschutzgebiete und Nationalparks mit strikten Jagdverboten existieren in der Schweiz, in Italien und in Frankreich.
Anmerkungen
1 www.jagdverband.de/sites/default/files/2026-03/2026-02_Infografik_Wildbretaufkommen_2024_2025.jpg
3 www.jagdverband.de/zahlen-fakten/zahlen-zu-jagd-und-jaegern/jungjaeger-im-profil
→ Michael Kohler schrieb an dieser Stelle zuletzt am 30. Juli 2026 über die Militarisierung in Deutschland: »Aufrüstung als Bumerang«
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