Zum Inhalt der Seite
Großbritannien

Wer arm ist, wird frieren

Britische Behörde erhöht Preisgrenze auf Energiemarkt und verschärft Lebenshaltungskostenkrise für Millionen Haushalte

Foto: Phil Noble/REUTERS
Gasherd: Perfekt geeignet, um Geld zu verbrennen

Großbritanniens privatisierter Energiemarkt für Haushalte und Eigenheime wird durch die Regierungsbehörde Ofgem reguliert. Alle drei Monate setzt diese Behörde neue Höchstpreise fest, welche die Energiekonzerne von ihrer Kundschaft verlangen dürfen. Die hat nur wenige Möglichkeiten, sich zu wehren: Außer einem Wechsel zu einem möglicherweise billigeren Anbieter ist nichts drin.

Am Mittwoch hat Ofgem neue Höchstpreise für die Zeit vom 1. Oktober bis zum 31. Dezember festgelegt. Sie steigen um vier Prozent auf den höchsten Stand seit drei Jahren. Schon im Juli schnellten vor allem die Gaspreise um 13 Prozent in die Höhe. Grund dafür seien die Auswirkungen des von den USA und Israel gegen den Iran geführten Krieges gewesen, so die Behörde.

Besonders betroffen von den Preissteigerungen sind rund 20 Millionen Haushalte mit »variablen Verträgen«. Das sind Verträge, bei denen sowohl die Grundgebühr als auch die monatliche Kostenabrechnung den Preisschwankungen am Markt unterliegen. Dies ermöglicht es den Energiekonzernen, Preissteigerungen nach Belieben, aber im Rahmen der von Ofgem vorgegebenen Deckelung, an die Endverbraucher weiterzugeben. Verbraucher mit fixen Preisstaffelungen sind von diesen Schwankungen weniger betroffen, da ihnen vertraglich für ein Jahr oder länger fixe Tarife durch die Energiekonzerne garantiert werden. Laut Ofgem werden die Strom- und Gaskosten eines durchschnittlichen britischen Haushaltes ab Anfang Oktober 1.723 Pfund Sterling pro Jahr betragen.

Für die seit Jahrzehnten unter der »Lebenshaltungskrise« leidende britische Bevölkerung bedeutet dies einen weiteren Anstieg der Kostenlast in den kommenden Wintermonaten. Und dies, obwohl die britische Regierung die Mehrwertsteuer für Strompreise befristet ausgesetzt hat. Damit wollte die Labour-Regierung demonstrieren, dass sie den steigenden Lebenshaltungskosten etwas entgegensetzen kann. Da die Preissteigerungen aber vor allem durch den Gasmarkt bedingt sind, läuft diese Maßnahme weitgehend ins Leere.

Anzeige

Dem Guardian gegenüber nannte Paul Nowak, Generalsekretär des britischen Gewerkschaftsbundes TUC, die Preissteigerungen einen »Hammerschlag« für all jene, die schon jetzt unter der Krise der Lebenshaltungskosten leiden würden. Um dem entgegenzusetzen, forderte er von der Regierung Schritte wie zum Beispiel eine Bankensteuer, deren Einnahmen dazu verwendet werden sollten, Bedürftigen bei der Zahlung ihrer Energierechnungen zu helfen.

Tatsächlich brennt der Hut, denn die Kostenkrise bei Strom und Gas ist längst nicht mehr nur ein Winterproblem. Inzwischen versucht ein großer Teil der Bevölkerung, ganzjährig im Eigenheim den Gas- und Stromverbrauch zu senken. Das geht aus Angaben der »End Fuel Poverty Coalition« hervor. Diesem Bündnis gehören unter anderem diverse Sozialträger sowie der britische Gewerkschaftsbund an.

In verschiedenen Veröffentlichungen legt der Zusammenschluss das Ausmaß des Problems dar. Demnach würde mehr als ein Drittel aller Haushalte seit 2023 die Heizungen in nicht benutzten Räumen abdrehen. Wenn es draußen kalt wird, gehen mehr als ein Fünftel aller Haushalte früher ins Bett, um Strom und Gas zu sparen. Hinzu kommen andere, die Lebensqualität beeinträchtigende Schritte, wie zum Beispiel das Weglassen warmer Mahlzeiten oder eine seltenere Nutzung von Waschmaschinen. Diese Zahlen, so das Bündnis weiter, seien sehr wahrscheinlich untertrieben, da der nun vergangene Dürrewinter den Heizbedarf überdurchschnittlich gesenkt habe. Gas sei heute um 120 Prozent teurer als 2020.

Während die Verbraucher unter Kosten ächzen, kreisen mit der Verkündung der Preiserhöhungen Geier einer ganz besonderen Art durch die Kommentarspalten britischer Tageszeitungen. Es handelt sich um Lobbyisten der Gas- und Atomenergie. Sie fordern von der britischen Regierung die Erschließung neuer Gasfelder in der Nordsee und im Atlantik sowie den Bau neuer Atomkraftwerke. So könnten die Preise gesenkt werden, behaupten sie. Wer’s glaubt …

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 27.08.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!

Heute liegt der jungen Welt das achtseitige Extra »krieg & frieden« kostenlos bei. Die Ausgabe erhalten Sie im gut sortierten Pressehandel für 2,50 Euro.