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Rock

Aus der Hüfte geschossen

Neues vom Alten: Was macht eigentlich der Vintage Rock gerade?

Foto: Child / Heavy Psych Sounds Records
Lieber langsam: Child aus Australien

Eskapismus und Nostalgie hatten nie einen guten Leumund in aufgeklärten linken Kreisen. Ich fand das immer spielverderberisch und letztlich auch bigott. Denn am Kraftstrom des Gestrigen den eigenen Generator aufzuladen, ist bisweilen sinnvoll und vermutlich eine universelle menschliche Regung. Die lautstarken Verächter machen sich und anderen schlicht etwas vor.

In der Kunst geht es sowieso nicht ohne, schon gar nicht im Rock ’n’ Roll. Der Kulturjournalist und Sachbuchautor Simon Reynolds hat vor einigen Jahren »Retromania« (Ventil, 2012) als eine Art Krankheitssymptom des Pop beschrieben und den Verlust der Utopie beklagt. Wie immer bei solchen abstrakten Zeitdiagnosen stimmt daran eine Menge, und einiges eben auch nicht. »Reynolds hätte mehr Metal hören sollen, dann wäre sein Urteil nicht ganz so defätistisch ausgefallen«, erzählte mir damals ein befreundeter Kritiker. Im Spaß natürlich, denn gerade Metal gilt ja als besonders konservativ. Stimmt schon, aber der ihm von Beginn an mitgegebene transgressive Impuls sorgt eben auch immer wieder für Innovation an den Rändern. Dennoch weiß die Szene ihre Tradition zu würdigen – so kümmert sie sich seit vielen Jahren schon um die Vor- und Frühgeschichte des Genres und hofiert juvenile Epigonen, die noch einmal die Siebziger wiederauferstehen lassen.

Joyous Wolf sind auf dem besten Weg, zu Szenelieblingen zu avancieren. In den Clubs auf dem Sunset Strip haben die vier Vintage-Hard-Rocker aus Orange County jedenfalls Eindruck hinterlassen – und ihr zweites Studioalbum »In Between« versprüht schon im Studio mehr Energie, als einige Bands jemals auf die Bühne bekommen. Pedro Cordiero ist einer dieser Schreihälse mit einem unzerstörbaren Organ, die auch noch Soul für zwei in der Stimme haben. Soundgardens Chris Cornell trifft auf Jimmy Barnes von Cold Chisel – kennt die eigentlich noch jemand? Auch musikalisch ist damit alles gesagt. Die Band um den Gitarristen Blake Allard spielt harten, bluesgeerdeten Rock, kommt auf den Punkt und hat richtig was unter der Haube. Und es fallen sogar ein paar schöne Refrains ab, die man auch noch mit »sooo einem Helm« am Tag danach memorieren kann.

Apropos Cold Chisel: Australien war immer schon ein gutes Pflaster für Retrorock, schon als dieser noch gar nicht retro war. Das Fuzz-Blues-Trio Child aus Melbourne verbindet auf seinem nun auch schon vierten Album »Rebirth« einmal mehr psychedelischen Kontrollverlust mit einem kühlen Kalkül für Harmonien. Die rudimentären, immer leicht verschleppten Songstrukturen von Free und Bad Company, die dem nicht gespielten Ton mindestens soviel Aufmerksamkeit widmen wie dem gespielten, liefern hier die Grundlage. Mathias Northways Gesangskoloraturen orientieren sich dann auch deutlich am Shouting von Paul Rodgers. Aber Northway ist eben auch der Gitarrist der Band, und als solcher bleibt er der Hendrix-Schule verpflichtet wie Frank Marino oder Robin ­Trower und nimmt sich einige Freiheiten heraus. Alle sechs Songs bewegen sich im Slow-Blues-Drehzahlbereich; eine Up-Tempo-Nummer hätte dem Album sicher noch etwas hinzufügen können, trotzdem langweilt »Rebirth« nicht.

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Auch in Schweden gibt es Truppen mit Fransenlederjacke, Flanellhemd und Hüten, die einem Viehtrieb nach El Paso zum Vorteil gereichten. Schwedens besondere Affinität zur US-Musik muss mir ohnehin mal jemand erklären. Die Entdeckung Amerikas vor tausend Jahren durch Leif Eriksson ist ja kein Grund, oder doch? Gin Lady reihen sich jedenfalls ein in diese Tradition. Ihr entspannt aus der Hüfte geschossener Roots Rock mit leichter Südstaatenfärbung sortiert man irgendwo zwischen The Band, den Allman Brothers und Tom Petty ein. Auf ihrem ersten Livealbum »Toads & Diamonds« verlässt sich das Quartett ganz auf seine zurückgelehnten, stets etwas melancholischen Songs und sein souveränes Zusammenspiel mit schönen mehrstimmigen Melodieläufen und Chören. Die braucht es aber auch; Magnus Kärnebros Leadvocals sind eher Durchschnitt. Wie einst Tom Petty klingt die Band immer, als könnte sie etwas mehr aus sich herausgehen, aber das passiert nie. Schade eigentlich.

Die Schweizer haben das Genre zwar nicht erfunden, jodeln aber fröhlich mit. Wer solchen Blödsinn wie »Voice of Germany« schaut, könnte Marc Amacher kennen. In seiner Heimat hat sich sein TV-Einsatz jedenfalls ausgezahlt, das Vorgängeralbum »Load« grüßte von der Alpenspitze der Charts herunter. Fehlende Street-Credibility kann man dem Mann allerdings kaum nachsagen, er spielt überall, wo man ihn lässt, und sein hübsch garagenmäßig produzierter, angehärteter Bluesrock ist traditionell genug, dass auch ein echter Alm-Öhi etwas damit anfangen kann. Auf sein heiseres, rostige Nägel spuckendes Organ hält er sich einiges zugute. Kann er auch, das ist schon einzigartig, mir allerdings entschieden zu aufgesetzt. Wie eine Karikatur aus Howlin’ Wolf und Captain Beefheart gurgelt er sich auf seinem aktuellen Album »Overdrive« durch ein Set aus einigermaßen generischen Heavy-Blues-Nummern und scheuert schon nach vier, fünf Songs die Ummantelung meiner Nerven durch.

Das kann einem bei den ­Brooklynern Certain Death nicht passieren. Bereits 2024 erschienen, kommt ihr Debüt »Strange Garden« jetzt in einer um zwei Songs erweiterten Form noch einmal heraus. Das Album klingt sehr schön alt und organisch, als hätte man die Band geschlossen und ohne Overdubs in einem Raum in den ganz frühen Siebzigern aufgenommen. Harter Bluesrock trifft auf psychedelische Verpeiltheit, also Mountain auf Sir Lord Baltimore und Captain Beyond. Henry Black hat keine besonders erwähnenswerte Stimme, aber seine Wehmut darüber, dass er Flower-­Power nur aus Büchern kennt, erinnert ein bisschen an die Trauer jener Jahre, als allen bewusst wurde, dass die acidinduzierte Bewusstseinsrevolution doch ausbleiben würde. Melancholisch zumute wird einem jedenfalls auch hier, wiewohl die schöne Stimmungsmache über die Durchschnittlichkeit ihres Songmaterials nicht hinwegtäuschen kann.

Beenden wir unsere kleine Vintage-Weltreise mit Lynx aus Gießen. Sie rücken auf »Trinity of Suns« bis zur Mitte der Siebziger vor, als sich der Hard Rock eine Weichspülung gönnte und glaubte, auf einmal künstlerisch wertvoll sein zu müssen. Mit Sängerin Amy Zine erinnert das Quintett mal an Alunah oder Wucan, mal an The Riven, erreicht aber noch nicht ganz deren Klasse. Immerhin, sie trauen sich was, sogar eine von Melancholie verhangene, schon beinahe an Fairport Convention erinnernde Folk-Weise haben sie im Angebot. Im Zentrum stehen allerdings Thin-Lizzy-Hommagen wie »Oppressive Season«. Mit solcherart Nostalgie macht man bekanntlich nie was verkehrt.

→ Joyous Wolf: »In Between« (Blue Grape)

→ Child: »Rebirth« (Heavy Psych)

→ Gin Lady: »Toads & Diamonds ­Volume One: Live In Spain« (Ripple)

→ Marc Amacher: »Overdrive« (­Hoboville)

→ Certain Death: »Strange Garden« (Kozmik Artifactz)

→ Lynx: »Trinity of Suns« (Dying ­Victims)

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Erschienen in der Ausgabe vom 26.08.2026, Seite 11, Feuilleton

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