Hinter dem Zaun
Kultur der Wagenplätze: Die Leipziger Ausstellung »Drinnen im Draußen«
Mit der Kultur der Wagenplätze, ihrem Alltag und ihren Perspektiven beschäftigt sich die Leipziger Ausstellung »Drinnen im Draußen«. Sie eröffnete am 22. August direkt vor »Karl-Helga« in der Klingenstraße im Stadtteil Plagwitz. »Karl-Helga« ist der größte Wagenplatz der Stadt, mit seinen über 70 Bewohnern vermutlich auch einer der größten Wagenplätze in der Bundesrepublik.
Zur Ausstellungseröffnung gab es ein vielfältiges Begleitprogramm mit Konzerten und Essensständen sowie einer Podiumsdiskussion im nahegelegenen Café »Heiter bis wolkig« mit Vertretern aus Politik, Verwaltung und Umweltverbänden sowie einer Wagenbewohnerin. Bereits im Vorfeld der Ausstellung fand ein Gespräch mit Melissa Scheffel, der Schriftführerin des Zentralrats der Jenischen in Deutschland, statt. »In der heutigen Zeit sollte es der Menschheit doch möglich sein, Beschlüsse in der Politik und den Räten so zu treffen, dass alle Menschengruppen ihre Interessen verfolgen können«, so Scheffel.
Die seit Jahrhunderten stigmatisierte Minderheit der Jenischen wird bisher lediglich in der Schweiz als »nationale Minderheit« rechtlich anerkannt. Einst bekannt als »fahrende Leute« mit nomadischem Lebensstil, arbeiteten sie traditionell als Händler, Handwerker, Schausteller oder in vergleichbaren Berufen. Die Jenischen verstehen sich als transnationales Volk, das sich über Sprache und Kultur definiert. »Auf der Reise« zu sein, zählte für sie immer zu ihrer Identität, auch wenn heutzutage viele nur noch teilweise nomadisch leben oder ganz sesshaft geworden sind, unter anderem auch, weil es in der Gesellschaft, insbesondere im urbanen Raum, zunehmend schwieriger wird, als »reisend« akzeptiert zu werden. »Auch wenn uns das Leben auf einem Wagenplatz zu sesshaft wäre, nehmen wir das Angebot temporärer Aufenthalte auf der Durchreise gerne an«, entgegnet Scheffel schmunzelnd auf das Angebot eines Wagenbewohners aus dem Publikum.
Fehlende politische Akzeptanz und Angst vor Verdrängung aus dem städtischen Raum sind auch für »Karl-Helga« relevante Probleme, obwohl der Wagenplatz in Leipzig zu einer sowohl kulturell als auch politisch wichtigen linken Instanz geworden ist. Vor fünf Jahren wurde das Gelände, auf dem sich »Karl-Helga« befindet, von der CG-Gruppe bzw. deren Tochterunternehmen Gröner Group für 1,3 Millionen Euro gekauft, obwohl zu dieser Zeit bereits Kaufverhandlungen seitens der Bewohner mit den Eigentümern des fast 1,4 Hektar großen innerstädtischen Areals stattfanden. »Gröner lehnte unsere damaligen Gesprächsangebote ab und war der Meinung, uns das Areal nun für neun bis zehn Millionen – also das Zehnfache dessen, was er selbst dafür gezahlt hat – anzubieten, sei ja etwas zu dreist«, berichtet Bewohnerin Birte Lampart. Bevor die Pläne des Unternehmens, das Areal zu entwickeln und dort unter anderem eine Logistikhalle zu bauen, realisiert wurden, ist gegen das Unternehmen im März 2025 jedoch ein Insolvenzverfahren eröffnet worden. Die Bewohner sind seitdem in die Öffentlichkeit getreten, um auf die Situation aufmerksam zu machen und sich mit Direktkrediten die Möglichkeit zu schaffen, das Gelände zu erwerben, das mit mehreren Millionen Euro an Grundschulden belastet ist und Ende dieses Jahres in die Zwangsversteigerung gehen soll.
»Über 700 teils uralte Bäume, zahlreiche Vogel- und Reptilienarten wie etwa die geschützte Zauneidechse, kleine Biotope in Form von Teichen und Totholzhecken und nicht zuletzt das Entgegenwirken gegen die Stadt als Hitzeinsel, sind Argumente genug, den Wagenplatz langfristig zu erhalten«, betont Kristina Peters aus dem Arbeitskreis Natur- und Artenschutz des Umweltschutzverbandes BUND. Die ehemalige Baudezernentin der Stadt Lüneburg, Heike Gundermann, die in ihrer 30jährigen Laufbahn selbst drei Wagenplätze legalisiert hat, erklärt, dass Entscheidungen auf baurechtlicher und verwaltungstechnischer Ebene immer eine Frage des politischen Willens seien. Sie selbst konnte in Lüneburg sogar für Wagenplätze, die sich im planungsrechtlichen Außenbereich oder in einem Naturschutzgebiet befinden, eine dauerhafte Lösung erarbeiten. Bei einem weiteren Platz unterstützte die Lüneburger Verwaltung sogar mit eigenem Personal die Umsetzung eines Bebauungsplans, um die immensen Kosten, die bei einem solchen Verfahren entstehen können, etwas geringer zu halten. Lampart: »Fast immer sind die Reaktionen von den Leuten, die sich sonst fragten, was da wohl hinter dem Zaun passiert, viel positiver, als ich es erwarten würde, wenn man erst einmal mit denen ins Gespräch kommt, die bisher keine oder kaum Berührungspunkte mit Wagenplätzen hatten.«
Wer sich selbst ein Bild von dem Wagenplatz machen will, kann sich täglich von 18 bis 20 Uhr in der Ausstellung »Wagenleben zum Anfassen« anschauen, wie so ein Wohnlaster von innen aussieht. Großformatige Porträts des Fotografen Lukas Becker zeigen Wagenbewohner; Begleittexte erläutern ihre Lebensentwürfe. In einer Audioinstallation können Besucher sich Anekdoten von Kindern anhören, die auf Wagenplätzen großgeworden sind. Historische Fotografien aus der Sammlung des Zentralrats der Jenischen in Deutschland und Hintergrundinformationen zu deren Kultur und Sprache findet man genauso wie Literatur jenischer Schriftsteller. In der hinteren Ecke der Ausstellung stehen mahnend Grabsteine, auf denen in Stichworten und Fotos die Geschichte bereits aufgelöster oder geräumter Wagenplätze in der Gegend um Leipzig und Halle erzählt wird. Auf einer Karte der Bundesrepublik kann man allerdings auch die positiven Beispiele von erfolgreichen Wagenplatzgründungen begutachten. Die Ausstellung dokumentiert so Entwicklungen und städtebauliche Lösungen, von denen sich nicht nur die Leipziger Stadtpolitik inspirieren lassen kann.
»Drinnen im Draußen«, Klingenstr. 16–18, 04229 Leipzig, bis 30.8.
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