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Besessener oder Märtyrer?

Vor 50 Jahren verbrannte sich Pfarrer Brüsewitz öffentlich. Die Deutung von Person und Tat ist nicht einfach

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Foto: dpa/picture-alliance
Oskar Brüsewitz vor der Kirche, vor der er sich verbrannte (Foto einer Ausstellung im Schlossmuseum Zeitz 2006)

Am 18. August 1976 übergoss sich Oskar Brüsewitz vor der Kirche in Zeitz mit Benzin. Als die Flammen aufloderten, begannen die Glocken zu läuten. Am 22. August erlag er im Krankenhaus seinen Verletzungen. Ein Pfarrer als Suizidant. Im Abschiedsbrief beklagte er den »scheinbaren tiefen Frieden, der auch in die Christenheit eingedrungen ist«, während »zwischen Licht und Finsternis ein mächtiger Krieg« tobe. Seine Landeskirche, die evangelische Kirchenprovinz Sachsen – Bischofssitz Magdeburg, hatte es nicht leicht mit dem Dorfpfarrer Brüsewitz. Dasselbe kann man auch von seiner staatlichen Obrigkeit sagen, das heißt zunächst von Bürgermeister und Kreisrat, dann Politbüro und Regierung der DDR.

Oskar, Jahrgang 1929, wuchs im litauischen Memelgebiet auf, das ab März 1939 zum deutschen Reich gehörte. Er besuchte die Volksschule in Viešvilė bzw. Wischwill nur unregelmäßig, da Kinder armer Leute oft als Hilfe gebraucht wurden. Nach dem Schulabschluss 1943 wurde er konfirmiert, bald danach in die Wehrmacht gezwungen. In Burgstädt (Sachsen) absolvierte er 1945–1947 eine Schuhmacherlehre, und nach dem Umzug der Familie ins Westfälische eröffnete er dort eine eigene Werkstatt, legte auch die Meisterprüfung ab. Die Übersiedlung in die DDR im Jahr 1954 »per Anhalter und zu Fuß« hing offenbar damit zusammen, dass zugleich mit seiner Schuhwerkstatt die erste Ehe gescheitert war. In Weißenfels (Bezirk Halle) bekam er Arbeit in einer Schuhfabrik und wurde von einem pietistisch-fromm geprägten Ehepaar liebevoll aufgenommen. Ende des Jahres 1954 bewarb er sich bei der Predigerschule Wittenberg; aber das Probevierteljahr bestand der problematische Eigenbrötler mit seinem recht sonderbaren Verhalten nicht.

Überbordender Missionseifer

Die anschließende Lebensbahn Brüsewitz’ war erfolgreicher. Ende 1955 eröffnete er eine Schuhwerkstatt (Herstellung von Kinderschuhen) mit mehreren Angestellten. Und in Gestalt der Diakonisse Christa Rohland fand er sein Glück, eine zweite Ehefrau, die ihn in die freikirchliche Elim-Gemeinde einführte, mit Wiedertaufe. Das prägte ihn nachhaltig. In einer neuen Ortsgemeinde fühlte er sich bald zum Evangelisten berufen. Dabei legte er extremen Missionseifer an den Tag, bis die Landeskirche ihm eine neue Chance zum Besuch der Predigerschule bot. »Vieles spricht dafür«, schreibt Biograph Karsten Krampitz, »dass er immer noch derselbe Kauz war wie 1955.« Dennoch erfolgte die Zulassung zum Studium – als kirchliche Fürsorge-Entscheidung oder aus dem Wunsch heraus, ihn durch gediegene theologische Bildung zu zügeln. Das Theoretische lag ihm ganz und gar nicht, die Predigerausbildung (vergleichbar einer Fachschule ohne Abitur) absolvierte er dennoch mit der Note 4 = genügend. Und damit war er, der Macher, der Aktivist, endlich in die Praxis entlassen.

Pfarrstelle Rippicha: Kirche, Schule, eine Mühle, ein knappes Dutzend Bauernhöfe plus mehrere Filialgemeinden im Burgenlandkreis von Sachsen-Anhalt. Hier sah Brüsewitz sich gefordert, zuerst das Kirchengebäude in Schuss zu bringen und dann die Gottlosigkeit unter der Bevölkerung anzugehen. Seine erste Großtat, ein zweieinhalb Meter hohes, zur Fernstraße hin strahlendes Neonkreuz am Kirchturm, brachte bereits Dauerstress für Staats- und Kirchenbehörde. Als Ritter des Lichts war ihm jedes skurrile Mittel recht – das Reich Gottes fragt schließlich nicht nach kleinlichen Normen und Vorschriften; Hauptsache Wirkung. Langsam reifte der Entschluss zu einer außergewöhnlichen Tat. Brüsewitz fühlte sich zum »Zeugen berufen« (Abschiedsbrief). Minutiös plante er seine Tat und schaufelte vorab selbst das Grab in der »Selbstmörderecke« des Friedhofs.

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Was war Brüsewitz? Er war gewiss kein Geisteskranker, das von der Predigerschule 1964 eingeholte medizinische Gutachten schloss dies aus. Allerdings verraten verschiedene Handlungen, die ungewöhnlich zu nennen sind, einen Persönlichkeitsstil dissozialer Art: Normen geringschätzend, risikofreudig, reizbar und reuelos bei Kränkung anderer. Er war ein schlechter Autofahrer, »der seine Aggressivität beim Fahren abreagierte« (laut Kirchenpapier). Er war ein Besessener, gegen sich und andere rücksichtslos. Das ist jedoch der Nebenaspekt. Als Hauptsache ist sein überbordender Missionseifer anzusehen. Der geht wohl zurück auf die Zeit in der freikirchlichen Gemeinschaft Elim.

Ein Märtyrer? Nein, das war er nicht – denn ein christlicher Märtyrer erleidet den Tod, aber sucht ihn nicht vorsätzlich und geplant. War Brüsewitz’ Tat politisch motiviert? Nein – aber politisch wirksam. Primär war sein Eifer, seine Besessenheit beim Kampf zwischen »Licht und Finsternis«, für das zu errichtende Reich Gottes, wofür er mit eigenartigen Bekehrungsmitteln und sonderbaren Losungen (»Wir stürmen die Front«) auftrat. Für ihn bestanden klare Fronten. Nicht die Sozialordnung der DDR, nicht ihre Eigentumsordnung machte ihm zu schaffen; er nahm ja seit Übersiedlung in den Osten deren Vorteile gern wahr. Doch nach seiner religiösen Erweckung sah er hier eine Macht, die Gott leugnet. Es war die selbstherrliche »Gottlosigkeit« des Kommunismus, die keinen Kompromiss zuließ. Das heißt, das Antikommunistische war bei ihm sekundär und nicht (wie bei gewissen prominenten Dissidenten) die vorrangige Triebkraft.

Erfolg der Westpresse

Rückblickend schrieb der Magdeburger Bischof Werner Krusche, dass er die westliche Vermarktung der Selbstverbrennung »zur Aufheizung des kalten Krieges gegen die DDR für ein Unrecht hielt. Das Brüsewitz-Zentrum (im westfälischen Bad Oeynhausen errichtet, den Willen der Witwe ignorierend; C. S.) und die Rechtsaußen-Medien reagierten in einer Gehässigkeit, wie ich sie bis dahin nur von Eduard von Schnitzler (…) kannte.« Krusche war in einer Zwickmühle, er musste sich mit der SED über deren publizistisches Vorgehen auseinandersetzen, dabei aber vermeiden, Arm in Arm mit den Westmedien aufzutreten.

Die Partei- und Staatsführung war weit entfernt von der gelassenen Maxime »Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter«. Der nachträgliche Ratschlag könnte, in Anlehnung an den spätrömischen Gelehrten Boethius, lauten: Hättest du nur geschwiegen … es wäre besser gewesen. Doch bei allen besonderen Vorkommnissen erhob sich sogleich die bange Frage: Was sagt die Westpresse? Wir müssen reagieren! – Als die Agentur Associated Press als erste meldete, ein Pfarrer hätte sich »aus Protest gegen das DDR-Regime« mit Benzin übergossen, konterte der Allgemeine Deutsche Nachrichtendienst sofort und brandmarkte die verleumderische Hetze. Schädlich war zehn Tage später der parteiamtliche Kommentar im Neuen Deutschland. Vergeblich täuschte er Überlegenheit vor, doch die kleinkarierten, halbwahren Bosheiten gingen als Rohrkrepierer nach hinten los. Denn die bisher neutralen oder gegenüber Brüsewitz kritischen Theologen konnten nun nicht anders, als sich hinter den »Bruder Brüsewitz« mit seinen »Anfragen an die Kirche« zu stellen und gegen das SED-Zentralorgan Front zu machen. Der Propaganda­erfolg der »Westpresse« war riesig.

»Zum Zeugen berufen«

Liebe Brüder! u. Schwestern! Es ist mir sehr schmerzlich, Euch allen diese Schande zuzumuten …

Meine Vergangenheit ist des Ruhmes nicht wert. Um so mehr freue ich mich, dass mein Herr u. König u. General mich zu den geliebten Zeugen berufen hat. (…) (Es) tobt zwischen Licht u. Finsternis ein mächtiger Krieg. Wahrheit u. Lüge stehen nebeneinander. Ich grüße Euch alle sehr. In wenigen Stunden will ich erfahren, soll ich erfahren, dass mein Erlöser lebt.

→ Aus: Abschiedsbrief Brüsewitz’ an den Pfarrkonvent Kreis Zeitz, handschriftlich, 18. August 1976

»Du sollst nicht falsch Zeugnis reden«

Der Selbstmord eines »Pfarrers«, der nicht alle fünf Sinne beisammen hatte, durch Selbstverbrennung soll dazu dienen, einen Märtyrer gegen den Kommunismus hochzustilisieren. (…) Wir haben bislang aus Gründen des Taktes davon abgesehen, im Detail zu beschreiben, wer dieser »Pfarrer« Brüsewitz eigentlich war und wie er sein Amt betrieb. Angesichts der Bösartigkeit bundesrepublikanischer Kirchenführer ist eine solche Zurückhaltung nicht länger am Platze. (…) In seltsamer Auslegung christlicher Lehr- und Leitsätze beschimpfte er Andersdenkende als »Gesinnungslumpen«. Ob er unter seinem General, zu dem er heimkehren wollte, Gott oder den BND (Bundesnachrichtendienst) verstand, wollen wir hier nicht näher erörtern. Seine Handlungen entsprachen mehr den Geschichten von Karl May als den Geboten der Kirche. So stieg er während eines Hochwassers auf einen Traktor und verkündete die »Sintflut«, die die Gottlosen vernichten werde. Im März 1976 fuhr er mit seinem Trabant durch den Kreis Hohenmölsen, am Auto die Losung »Funkspruch an alle – Der liebe Gott wohnt heut in Wildschütz, um vier spricht zu Euch der Pfarrer Brüsewitz«. Im Pkw führte er zwei Lämmer und einen Hahn mit, als Prämie für denjenigen, der die meisten Kinder zur Veranstaltung mitbringt. Ebenfalls im März 1976 soll er bei einem Fußballspiel mit Kindern weniger angehabt haben als eine Unterhose.

→ Aus: Neues Deutschland, 31. August 1976, Seite 2

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Erschienen in der Ausgabe vom 22.08.2026, Seite 15, Geschichte

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