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Wie überlebt man auf der Straße?
Verprügelte Obdachlose in Hildesheim: Die Situation der Betroffenen hat sich dramatisch verschlechtert, berichtet Swen Huchatz
Man hört immer wieder, dass Obdachlose von Einrichtungen abgewiesen werden. Wie häufig kommt das Ihrer Erfahrung nach vor?
Das ist bundesweit so. In Hildesheim zum Beispiel gibt es das Sozialunternehmen Herberge zur Heimat gGmbH unter dem Dach der Diakonie Himmelsthür. Das ist ein Angebot für wenige Menschen. Unter denen, die dafür ausgewählt werden, finden sich auffällig viele mit den Namen Meier, Müller oder Schulz und nur selten Menschen mit Migrationshintergrund oder Menschen aus anderen EU-Ländern. Obwohl solch eine ausgrenzende Praxis nicht zulässig ist.
Warum wird das dann gemacht?
Zu den Bedingungen, um einen Wohnheimplatz zu bekommen, gehört, auch Sozialleistungen zu beantragen. Für die Herberge zur Heimat bedeutet das pro Tag 60 Euro pro Person. Aber Menschen, die gar keinen Anspruch darauf haben, werden da nicht berücksichtigt. Für sie bleibt zum Beispiel die Notunterkunft nach dem Ordnungsrecht und Polizeigesetz. Eine Zuweisung erfolgt durch die Stadt. Untergebracht werden sie in einer Notunterkunft, die auch nicht kostenlos ist. Ein Schlafplatz in einem Mehrbettzimmer kostet 475 Euro im Monat.
Wie sind die Wohnbedingungen dort?
Die Unterkunft liegt direkt in Bahnhofsnähe. Davor und dahinter fahren Züge, direkt daneben ist die Kulturfabrik Löseke, weshalb beinahe rund um die Uhr der Lärmpegel hoch ist. Die ausschließlich männlichen Mitarbeiter der privatisierten Notunterkunft haben keine Fachkenntnisse und sind kein ausgebildetes Sicherheitspersonal. Wie zuletzt auch in der regionalen Presse bekannt geworden ist, gab es dort mehrere Gewaltvorfälle. Es waren aber nicht die Menschen, die dort auf engstem Raum wohnen müssen, die nicht miteinander klarkamen. Die Bewohner wurden vom Personal verprügelt – nach gemeinsamem Drogenkonsum.
Gemeinsamer Drogenkonsum vom Sicherheitspersonal und den Bewohnern?
Ja. Den obdachlosen Menschen, die schon vorher über aggressives und übergriffiges Personal berichtet hatten, wurde nicht geglaubt. Nun ist es aufgefallen, weil die attackierte Person es geschafft hatte, aus der Notunterkunft herauszulaufen. Passanten haben Rettungsdienst und Polizei alarmiert, weil die Person sehr stark blutete. Daraufhin wurde darüber berichtet. Sonst wäre das wahrscheinlich nicht öffentlich geworden.
Gab es Konsequenzen, nachdem das öffentlich gemacht wurde?
Nein. In einem Nebengebäude dieser Unterkunft waren mal Frauen untergebracht. Sie haben ihre Zimmertüren mit Möbeln verbarrikadiert, damit die Männer des Sicherheitsdienstes nicht hereinkonnten. Ich weiß nicht, wie viele Proteste und Beschwerden dann irgendwann dazu führten, dass die Unterkunft abgeschafft wurde und die Frauen jetzt woanders untergebracht sind.
Sie selbst haben wegen Ihres Beschwerdeschreibens an den SPD-Landrat Bernd Lynack eine Anzeige erhalten. Was wurde daraus?
Das Verfahren wurde aus Mangel an Beweisen eingestellt. Aber so ist die Situation in Hildesheim. Man kritisiert einen Politiker dafür, dass er nichts gegen die Gesetzesverstöße im Umgang mit Obdachlosen macht, und erhält anstatt einer Antwort eine Anzeige.
Sie haben selbst einen Verein gegründet. Was ist »Randnotiz Hildesheim«?
Während meiner eigenen Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit hatte ich immer wieder Kontakt zu Menschen, die bereits in Vereinen oder Initiativen organisiert waren. Es ging vor allem darum, wie sich Wohnungslose gegenseitig unterstützen und Infos zugänglich machen können. Als ich vor fünf Jahren in Hildesheim ankam und meine Obdachlosigkeit nach zwei Jahrzehnten endete, dachte ich, auch in Hildesheim wird es Leute geben, die sich zusammentun. Und zwar jenseits dieser Konkurrenz zwischen Obdachlosen, Wohnungslosen, Geflüchteten usw., sondern im Sinne eines guten Wohnens für alle. Ich habe das Projekt »Randnotiz Hildesheim« mitinitiiert, weil mir wichtig war, die vielen Momente der Solidarität, die ich selbst erfahren habe, weiterzugeben.
Wie überlebt man zwei Jahrzehnte auf der Straße?
Das sind für obdachlose und wohnungslose Menschen individuell extreme Herausforderungen. Mir ist es gelungen, damit zurechtzukommen, weil ich privilegiert war: Ich war auch ohne Wohnung berechtigt, Sozialleistungen zu beantragen, und habe so bevorzugt Unterkünfte und Notschlafplätze bekommen. Und weil mir jederzeit Zugang zu Geld möglich war, das mir in Form von Sozialleistungen entweder wöchentlich oder täglich ausgezahlt wurde. Die Situation auf der Straße hat sich in den letzten 30 Jahren extrem verschärft. Sowohl strukturelle Änderungen als auch die Sozialreformen haben bewirkt, dass es schlechter geworden ist.
Wie man auf der Straße überlebt, da gibt es ganz viele Ansätze und Möglichkeiten, sich zu organisieren. Aber viele Menschen können das nicht oder wollen nicht, dass ihre Wohnungslosigkeit bekannt wird. Das ist sehr traurig, weil es ein großes Missverständnis über die Verantwortlichkeit aufzeigt. Man kann doch nicht die, die keinen Wohnraum haben, dafür verantwortlich machen, dass es keinen gibt.
Swen Huchatz ist Gründer von »Randnotiz Hildesheim«, ein Verein der Obdachlosenselbsthilfe
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