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Senat lässt Abholzen

Wie steht es um das Berliner Stadtgrün?

Anders als der Senat sieht der Verein »Baumentscheid« keine Anzeichen einer Verbesserung, erklärt Heinrich Strößenreuther

Foto: Bernd Friedel/imago images
Soll in Berlin gebaut werden, müssen die Bäume weichen (11.2.2022)

In einer Pressemitteilung vom 3. August 2026 widerspricht Ihr Verein »Baumentscheid« der Meldung des Berliner Senats, dass im gerade veröffentlichten Baumschutzbericht eine Trendwende zu erkennen sei. Worauf stützen Sie sich?

Das der Senatsmeldung zugrundeliegende Gutachten zeigt klar, dass statistisch kein Anhaltspunkt für eine Verbesserung erkennbar ist. Der Senat macht daraus trotzdem eine Trendwende und feiert sich für seine Untätigkeit. Tatsächlich sind seit 2020 mehr als 30.000 Straßenbäume gefällt worden. Das ist keine Trendwende, sondern eine Fortsetzung der bisherigen Politik. Deshalb werfen wir dem Senat vor, Tatsachen zu verdrehen. Was die CDU da macht, grenzt leider hart an Populismus und Fake News.

Wie steht es Ihrer Einschätzung nach tatsächlich um das Berliner Stadtgrün?

Nicht gut. Die Schadensraten sind nach wie vor zu hoch. Die Klimakurven zeigen, dass noch viele Hitze- und Dürreperioden auf uns zukommen. Und die 40 Grad Ende Juni waren ein Vorgeschmack darauf, was künftig auf uns und unsere Bäume zukommen wird. Es gibt keinen Grund für Entwarnung. Immer noch fällt Berlin jedes Jahr rund 6.000 Straßenbäume, bereits 88.000 seit 2010.

Sie halten auch die Senatsmeldung für falsch, wonach die Bezirke jährlich zusätzliche 3,25 Millionen Euro für Stadtbäume aufbringen würden. Was stimmt daran nicht?

Diese 3,25 Millionen für die Stadtbaumpflege wurden im Zuge der Haushaltskürzungen erst im vergangenen Sommer gestrichen. Das gekürzte Geld jetzt wieder einzustellen und sich dafür zu feiern, ist Irreführung. Davon abgesehen begrüßen wir, dass das Budget in Zeiten knapper Kassen gerettet wurde.

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Sie hatten vor rund zwei Wochen angekündigt, Bäume zum Wahlkampfthema zu machen. Warum sollte die Zahl der Bäume in Berlin ein Kriterium für die Wahlen am 20. September sein?

Wir wollen erreichen, dass die Berliner auch künftig trotz Hitze, Dürre und Klimawandel erträglich in Berlin wohnen können. Bäume spenden Schatten, kühlen ganze Straßenzüge, speichern Regenwasser, schützen gerade ältere Menschen und Kinder vor extremer Hitze und sind, wie Studien zeigen, gut fürs Gemüt. Doch selbst wenn unser »Bäume-plus«-Gesetz bestmöglich umgesetzt würde, würde der Hitzeschutz erst in der nächsten Generation greifen. Wahrscheinlich sogar erst in 40 oder 50 Jahren.

Was steht in diesem Gesetz?

Es soll Berlin auf den Klimawandel vorbereiten. Wir hatten es zuvor als Volksentscheid vorgelegt. Im November 2025 wurde es parteiübergreifend vom Abgeordnetenhaus beschlossen. Das Gesetz sieht eine Million Straßenbäume bis 2040 vor, außerdem gut 4.000 Miniparks und 100 größere Parks. Ein Drittel der Berliner Stadtfläche soll so während der Hitzespitzen um zwei Grad heruntergekühlt werden. In der Innenstadt sollen zudem 50 Prozent des Regenwassers nicht mehr einfach abfließen, sondern durch Schwammstadtmaßnahmen vor Ort versickern, um den Bäumen zu nützen. Im Gesetz steht auch, dass die Planung innerhalb der nächsten anderthalb Jahre abgeschlossen werden muss. Das geht nicht mit einer halben Praktikantenstelle, wie es der Senat derzeit offenbar vorsieht. Das Ganze wird nach Schätzungen von uns und dem Senat rund drei Milliarden Euro kosten.

Glauben Sie angesichts aktueller Entscheidungen wie der drohenden Fällung von 32 gesunden Bäumen in der Torstraße, dass der Senat das Baumgesetz umsetzen will?

Wir haben nicht den Eindruck, dass der Senat, die Politik und die zuständigen Planer bislang einen Richtungswechsel vollzogen haben. Bestehende Planungen werden durchgezogen und kaum angepasst. Wir werten das als einen Verstoß sowohl gegen das neue Berliner Klimaanpassungsgesetz als auch gegen die geltende EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur, nach der sich der Zustand im Vergleich zu 2024 nicht verschlechtern darf. Das scheint im Senat noch immer nicht angekommen zu sein.

Wie wollen Sie weiter Druck auf den Senat aufbauen?

Vor der Wahl machen wir sichtbar, welche Kandidatinnen und Kandidaten bereit sind, ausreichend Geld für den Berliner Klimaschutz bereitzustellen. Wir werden die rund 500 Kandidierenden für die Bezirksverordnetenversammlungen und das Abgeordnetenhaus bitten, vier einfache Ja/Nein-Fragen zum Baumschutz in Berlin zu beantworten: Wollen sie die Umsetzung des Gesetzes und die dafür erforderlichen Planungsleistungen ausreichend finanzieren? Wollen sie alle seit 2010 gefällten Bäume bis Ende 2027 nachpflanzen? Sprechen sie sich für ein Baumfällmoratorium aus? Und: Setzen sie sich für eine drastische Anhebung der Pflegesätze pro Straßenbaum ein? Wer alle vier Fragen mit Ja beantwortet, bekommt von uns symbolisch vier Bäumchen, und wer viermal mit Nein antwortet, bekommt vier Äxte. Damit geben wir eine einfache Orientierung für die Entscheidung an der Wahlurne zu einer der wichtigsten Zukunftsfragen Berlins. Und Politiker können sich nach der Wahl nicht mehr herausreden.

Heinrich Strößenreuther ist Initiator, Sprecher und Vorstand des Baumentscheid e. V.

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.08.2026, Seite 2, Inland

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