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Wasserentnahme trotz Trockenheit

Warum herrscht im Rhein ökologischer Notstand?

NRW: Trotz akutem Wassermangel bleibt die industrielle Entnahme praktisch ungebremst, erklärt Paul Kröfges

Foto: Jochen Tack/IMAGO

Die Pegel der großen Flüsse wie Donau, Elbe oder Rhein sind auf historisch niedrigem Stand. Derweil entnimmt die Industrie weiter riesige Mengen Wasser aus dem System. Welche Dimensionen hat das in Nordrhein-Westfalen?

Der gesamte Wasserbedarf von NRW beträgt laut aktuellen Daten über 3,7 Milliarden Kubikmeter im Jahr. Fast zwei Drittel davon entfallen auf die Industrie und Energiewirtschaft. Sie werden zu 90 Prozent aus dem Rhein entnommen. Das macht rund zwei Billionen Liter. An Bürger und Kleingewerbe in NRW werden dagegen über das gesamte öffentliche Netz nur eine Milliarde Kubikmeter abgegeben, die aber ganz überwiegend aus dem Grundwasser entnommen wird. Die Stadt Köln – zum Vergleich – braucht zirka 70 Millionen Kubikmeter pro Jahr.

Was macht es für einen Unterschied, ob aus Flüssen oder dem Grundwasser entnommen wird?

Flusswasser zur Kraftwerkskühlung mit anschließender Wiedereinleitung bleibt, abzüglich Verdunstung, erhalten. Zurückgeleitetes Kühlwasser ist aber um mehrere Grad erwärmt, salzreicher und kann Biozide zur Algen- und Keimunterdrückung enthalten. Entnommenes Grundwasser wird thermisch und chemisch verändert, dann in Kläranlagen behandelt, in Fließgewässer geleitet und so dem Grundwasser entzogen.

Da die meisten Industriekläranlagen keine vierte Reinigungsstufe betreiben, sind deren Abwässer mit der gesamten Palette an Chemikalien, die dort zum Einsatz kommen oder entstehen, belastet. So leitet der Currenta-Chempark in Leverkusen mit seinem Abwasser im Jahr mehr als 20 Tonnen an organischen Chlorverbindungen, zirka 50 Kilogramm stark giftiger Ewigkeitschemikalien, den PFAS, und täglich über 700 Tonnen Kochsalz in den Rhein.

Welche Industriezweige nutzen in Nordrhein-Westfalen das meiste Rheinwasser?

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Der mit Abstand wasserintensivste Wirtschaftszweig in NRW ist der Energiesektor, vor allem die fossilen Großkraftwerke von Steag, RWE und Rheinenergie, die insgesamt fast eine Milliarde Kubikmeter Wasser aus dem Rhein entnehmen. Das entnommene Flusswasser dient hier hauptsächlich als Kühlwasser und fließt anschließend erwärmt wieder zurück. Von daher ist es ein Gebrauch des Wassers, wobei es aber Verdunstungsverluste und Belastungen durch zugesetzte Chemikalien gibt. Dann folgen die Metallerzeugung und die chemische Industrie. Allein die drei sogenannten Chemparks von Currenta pumpen aus dem Rhein zusammen fast eine halbe Milliarde Kubikmeter Wasser im Jahr ab.

Wer ist für die Genehmigungen zur Entnahme zuständig?

Für die Genehmigung und Kontrolle von industrieller Wasserentnahme aus dem Rhein sind in NRW vor allem die Bezirksregierungen sowie die Kommunen zuständig. Eine lückenlose und behördliche Kontrolle der Entnahmemengen soll über gesetzlich vorgeschriebene Messeinrichtungen und jährliche Meldepflichten gewährleistet werden.

Welche Folgen hat es, wenn trotz historisch niedrigem Pegel die gleichen Mengen belasteten Wassers in den Rhein geleitet werden?

Die Schadstoffkonzentrationen dürften sich aktuell verdreifacht haben. Das stresst das gesamte Ökosystem des Flusses zusätzlich zur hohen Temperatur und dem geringen Sauerstoffgehalt. Trinkwasser, das aus rheinnahen Brunnen gefördert wird, kann bei langandauernder Belastung betroffen sein, wird aber durch mehrstufige Aufbereitung, insbesondere Aktivkohlefiltration, geschützt.

Gibt es derzeit Auflagen für die Betriebe, ihre Entnahmen wegen des aktuell niedrigen Rheinpegels zurückzufahren?

Grundsätzlich gibt es für die Industrie keine generellen Privilegien, die sie vor Einschränkungen schützen, sie muss sich dem behördlichen Gewässerschutz unterordnen. Bezirksregierungen können diese Bewilligungen bei extremem ökologischem Notstand, wie kritischer Erwärmung des Restwassers, einschränken oder mit strengeren Auflagen versehen. Dies ist meines Wissens noch nicht verfügt worden und sollte dringendst umgesetzt werden. Es herrscht ein ökologischer Notstand im Rhein.

Was sind die Forderungen des BUND?

Wir fordern in NRW und auf Bundesebene eine radikale Kehrtwende. Angesichts von Klimakrise, Hitze und historischem Niedrigwasser vertreten wir die Position, dass das Ökosystem Fluss und die Trinkwassersicherheit Priorität vor den wirtschaftlichen Interessen der Großindustrie haben müssen. Der Wasserverbrauch der Industrie muss deutlich sinken, was der BUND zum Beispiel im aktuellen Wasserrechtsverfahren des Currenta-Chemparks in Leverkusen konkret einfordert. Hier muss auch die Klärtechnik erheblich verbessert und die Produktion und Verwendung von PFAS, sowie anderen biologisch nicht abbaubaren Chemikalien beendet werden. Dies hat der BUND NRW gegenüber der Landesregierung für Currenta angemahnt, wurde aber mit Hinweis auf fehlende bundesweite Grenzwerte für PFAS zurückgewiesen.

Der BUND lehnt außerdem jede Vertiefung der Rhein-Fahrrinne bundesweit strikt ab. Hierdurch würde Grundwasser abgezogen und die ohnehin austrocknenden Rheinauen und Altarme komplett vom Wasser abgeschnitten.

Paul Kröfges ist Wasserexperte des BUND NRW e. V. sowie langjähriges Mitglied in den Bundes- und Landesarbeitskreisen »Wasser« des Verbandes.

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Erschienen in der Ausgabe vom 12.08.2026, Seite 2, Inland

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