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Wasserentnahme trotz Trockenheit

Warum kann die Industrie weiter Wasser entnehmen?

Trotz ausgetrockneter Böden und Flussbetten scheuen sich Kommunen vor Auflagen für Großverbraucher, erklärt Andreas Marx

Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Die Versorgung mit Trinkwasser ist – noch – gesichert, heißt es

Der vom Institut für Umweltforschung am Leipziger Helmholtz-Zentrum betriebene sogenannte Dürremonitor zeigt derzeit riesige orange-rote Flächen, vor allem im Süden der Bundesrepublik. Wo bleibt der Regen?

In den vergangenen neun Monaten hatten wir regional teils sehr geringe Niederschlagsmengen. Als durchschnittlich betrachten wir zwischen 500 Liter pro Quadratmeter im Jahr, wie zum Beispiel im nördlichen Oberrheingraben, und 2.200 Liter, wie in den Alpen. Im August hat es im Südwesten allerdings so wenig geregnet, wie es nur ungefähr alle 50 Jahre geschieht. Das pflanzenverfügbare Wasser bis 25 Zentimeter Bodentiefe liegt hier in Teilen zwischen null und 30 Prozent. Der Trockenstress beginnt für Pflanzen aber schon bei 50 Prozent. Im Norden ist der Wassermangel dagegen auf einem Niveau, mit dem ungefähr alle zehn bis 20 Jahre zu rechnen ist.

Welche Auswirkungen hat das auf Tiere und Pflanzen?

Ein Problem ist, dass diejenigen Pflanzen und Tiere, die Hitze sehr gut vertragen, nicht unbedingt die sind, die wir hier haben wollen, darunter Neophyten wie Ambrosia. Der einjährige Korbblütler verträgt Hitze und Trockenheit, verbreitet sich rasant, ist aber hochallergen. Das schmalblättrige Greiskraut ist für Weidetiere hochgiftig. Essig- und Götterbaum breiten sich stark aus und verdrängen heimische Pflanzen und Tiere. Ein Beispiel aus der Tierwelt ist die asiatische Hornisse, die Honigbienen frisst. Flüsse mit niedrigem Pegel erwärmen sich außerdem zu stark. Während der Hitzewelle Ende Juni wurden in Elbe und Rhein nie dagewesene 30 Grad Celsius gemessen. Der damit einhergehende Sauerstoffmangel bedroht aquatische Lebewesen.

Ist da eine Erholung der Böden überhaupt möglich?

Pflanzen, die ihren Bedarf nur aus der obersten Erdschicht ziehen, erholen sich schnell. Da reichen wenige Regengüsse. Bis der Gesamtboden bis zu zwei Meter Tiefe und darunter sich wieder auffüllt, braucht es länger. Aber selbst von der extremen Dürre 1947 hatten sich die Böden innerhalb von drei bis vier Monaten erholt. Dafür muss nicht die bislang ausgebliebene Regenmenge nachträglich noch fallen. Sechs Monate mit normaler Niederschlagsmenge würden reichen.

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Ist die Trinkwasserversorgung trotzdem gesichert?

Definitiv. Wir haben ein gut ausgeprägtes Wasserleitungssystem, das durch Uferfiltrat, Brunnen und Talsperren gut versorgt wird. Städte werden oft über Fernleitungen bedient. Zum Beispiel Leipzig bekommt zusätzlich per Fernleitungen Wasser aus der Elbe bei Torgau und der Rappbodetalsperre im Harz.

Landwirte rechnen teils mit großen Ernteausfällen. Wie sinnvoll sind da kommunale Verbote der Entnahme aus Gewässern?

Unsere Landwirtschaft ist niederschlagsgetrieben. Nur rund drei Prozent der landwirtschaftlichen Fläche werden bewässert. Zur Vermeidung regionaler ökologischer Schäden durch zusätzliche Entnahmen kann es nötig sein, dass die untere Wasserbehörde ein vorübergehendes Verbot ausspricht. So etwas wird aber nie leichtfertig entschieden. Und für das Tränken von Vieh gelten überall Ausnahmen.

Erhebliche Wassermengen, allein in NRW rund zwei Milliarden Kubikmeter, werden pro Jahr von der Industrie bislang ohne Einschränkungen genutzt. Warum wird hier keine Grenze aufgezeigt?

Das Problem ist die unklare Rechtslage. Einschränkungen wären in extremen Situationen und zeitlich beschränkt möglich. Allerdings mit einem Recht auf Kompensation, das in bislang geltenden Gesetzen nicht differenziert ausgearbeitet ist. Kommunen wissen deshalb nicht, welche Ausgleichszahlungen bei Entnahmebeschränkungen auf sie zukommen könnten. Selbstverständlich will ein einzelner Landrat keinen jahrelangen Rechtsstreit mit Industriegiganten riskieren. Hier fehlt eine bundesweite Regelung.

Und wie können wir das Wasser zurückzuholen?

Zentraler Punkt aller Bemühungen muss der Landschaftswasserhaushalt sein. Früher hatte Deutschland zuviel Wasser. Die Folge ist heute noch eine zu starke Entwässerung. Es braucht zum Beispiel ein neues Grabenmanagement, um das Wasser in der Landschaft zu halten. Ein weiterer Punkt ist, mehr Wasser aus dem Winter für den Sommer nutzbar zu machen, etwa durch Erhöhung der Grundwasserstände mit Flusswasser.

Aktuell verfällt die Regierung aber angesichts von Extremwetterereignissen kurzzeitig in reaktiven Aktionismus. Ein Beispiel ist die hochrangig besetzte Konferenz zum Niedrigwasser in der ersten Augustwoche, deren Ergebnis die Lockerung des Sonntagsfahrverbots für Lkw und die Diskussion um eine Fahrrinnenvertiefung sind. Das ist Herumdoktern an Symptomen, aber kein Konzept, um langfristig die Trockenresilienz zu fördern.

Die neue Dimension der Trockenheit in den Jahren 2018 bis 2020 hätte ein Warnschuss sein müssen. Wassermangel wird auch zukünftig eine riesige gesamtgesellschaftliche und auch wirtschaftliche Herausforderung sein. Es gibt längst kein Wissensdefizit zu Wetter, Klima und Wassermanagement mehr. Wir haben ein ausgewachsenes Handlungsdefizit.

Andreas Marx ist Leiter des Dürremonitors am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig

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Erschienen in der Ausgabe vom 14.08.2026, Seite 2, Inland

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