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Vom sachlichen Reichtum getrennt
Dass nur die Arbeit Wert schafft, gilt als längst widerlegt, und wer sich auf »Werttheorien« beruft, als ewig gestrig. Zur Rekonstruktion einer gar nicht so trivialen Trivialität
Wer heute noch behauptet, die Arbeit sei die Quelle des Werts, macht sich lächerlich. Nicht nur vor den Volkswirten, die längst wissen, dass der »subjektive Nutzen« den Preis bestimmt. Und nicht nur die Ökonomen mit ihren elaborierten Theorien vom Grenznutzen, sondern auch affirmative Geister aller Art auf Tik Tok und Co. können die Marxsche Werttheorie in einer Minute scheinbar widerlegen: Ist etwa ein Tisch besonders wertvoll, weil sein Tischler besonders faul oder inkompetent ist und deswegen länger als seine Konkurrenten braucht? Und wem das nicht reicht: Haben nicht auch Naturprodukte und der Boden einen Preis? Werden nicht Kunstwerke und Antiquitäten mit Höchstsummen dotiert, die in keinem Verhältnis stehen zur Arbeit, die zu ihrer Herstellung notwendig war? Wissenschaftlich angeblich unhaltbar, könne eben nur aus ideologischen Gründen behauptet werden, dass die Arbeit die einzige Quelle allen Werts sei.
Grenznutzentheorie
Die Theorien vom und mit begrenztem Nutzen operieren seit 150 Jahren im Grunde gleich: Am Beispiel von zumeist Brot oder Wasser wird illustriert, dass selbst lebenswichtige, d. h. sehr nützliche Dinge im Kapitalismus wenig Wert haben, weil sie massenhaft zur Verfügung stehen. Wenn sich das allerdings ändert – klassische Beispiele sind eine Hungersnot oder gleich das »Glas Wasser in der Wüste« –, dann können und werden Mondpreise verlangt; eben weil der subjektive Nutzen steigt. Mit diesem Beispiel und noch dem Hinweis darauf, dass alleine die hohen Preise für alte Bücher, Münzen und Antiquitäten das angebliche Verhältnis von Wert und Arbeit »zerstören«, trat schon 1871 der britische Ökonom William Stanley Jevons in den Ring.
Dass sich die Preise von Münzen, alten Büchern und einem Sekretär aus dem 19. Jahrhundert nicht aus der Arbeit ableiten lassen, wird schon so sein – die haben nämlich mit einem Glas Wasser in der Wüste und einem Brot in der Hungersnot etwas sehr Entscheidendes gemeinsam: Keines dieser Beispiele lässt sich herstellen. Auch Antiquitäten nicht, weil sie qua Definition eben nicht neu produziert werden, sondern aus vorherigen Jahrhunderten übriggeblieben sind. Und gleiches gilt ja für das Glas Wasser in der Wüste, wo es eben nicht abgepumpt, oder das Brot, das qua Szenario, das man sich ausdenkt – Hungersnot! – wohl auch nicht einfach erarbeitet werden kann. Übrig bleibt von dieser »Widerlegung« des Zusammenhangs von Arbeit und Wert also, dass der Preis sich ganz unabhängig von der Arbeit entwickelt bei Produkten, die man gar nicht herstellen kann. Wer hätte es gedacht?
Man muss sich die politische Ökonomie, die Marx erklären wollte, nur kurz wegdenken und eine Wüste ohne Produktionsmittel oder -verhältnisse vorstellen, in der Beduinen sich gegenseitig Bücher aus dem 16. Jahrhundert verkaufen, und schon haben die Preise nichts mehr mit der Arbeit zu tun. Das ist so richtig, wie als Beweis dafür, dass es nur »subjektive Werte« gibt, lächerlich.
Wert und Preis
Aber eines kann man selbst diesen bürgerlichen Versuchen entnehmen, sich ungelenk nicht nur Marx, sondern mit ihm auch gleich seinen Vorgängern David Ricardo und Adam Smith zu entledigen: Wert und Preis fallen offensichtlich nicht zusammen. Wenn Marx also behauptet, dass die Arbeit die einzige Quelle des Werts ist, dann folgt daraus aber gerade nicht, dass nur Arbeitsprodukte einen Preis haben. Letzteres gilt nicht nur für Jevons Kindergartenbeispiele, sondern natürlich in erster Linie einmal für Grund und Boden. Mit dem ist bekanntlich einiges an Pacht zu beziehen, obwohl höchstens der liebe Gott ein wenig dafür schuften musste. Aber vor allem hat bekanntlich auch das Geld seinen Preis, und der Zins spätestens ist nun der Preis des Geldes; und der speist sich sicher nicht aus der harten Schufterei zur Herstellung der kleinen, bedruckten Zettel.
Was könnte da weltfremder sein als das alte marxistische Dogma, dass nur die Arbeit Wert schaffe, wo doch Geld offensichtlich mit so viel anderem zu machen ist? Und doch ist es nicht nur richtig, sondern sogar eine Tautologie, dass nur Arbeit Wert schafft – so sah die Sache zumindest Marx. Denn so richtig es ist, dass in einer Gesellschaft der Privateigentümer mit allem Möglichen ein Geschäft gemacht werden kann, so wenig sollte einen das darüber hinwegtäuschen, dass sich jede Gesellschaft nur über Arbeit reproduziert. Wo mit arbeiten aufgehört wird, gibt es keinen gesellschaftlichen Stoffwechsel mehr. Das unterstellen die Grenznutzentheoretiker im Grunde selbst, wenn sie sich die Arbeit und die Arbeitsbedingungen erst mal wegdenken müssen (Wüste und Hungersnot), um den Zusammenhang zwischen Arbeit und Wert negieren zu können.
Marx widmete sich daher gar nicht erst der Frage, ob nur die Arbeit Wert schaffe, sondern der ungleich schwereren Frage, warum der triviale Umstand, dass die Arbeit als Prozess mit der Natur den gesellschaftlichen Stoffwechsel ausmacht, in einer Gesellschaft der Privateigentümer als eigenständige, verdinglichte Form – als Geld – getrennt von den sachlichen Reichtümern existiert. Er wollte sich die gar nicht banale gesellschaftliche Form erklären, in welcher der Reichtum in dieser Gesellschaft zählt, nämlich als Geld; und nicht sein banaler Ausgangspunkt, das nämlich der sachliche Reichtum das Produkt von Arbeit ist. Dass Marx also gar nicht beweisen wollte, was überhaupt nur universitär verbildete Volkswirte bezweifeln, ist richtig. Widmen wir uns also einmal mehr seinen Kritikern.
Natur, Arbeit und Produktionsmittel
Diese Kritiker stellen nun fest, dass die Produkte eben nicht nur, wie der alte Marx, Ricardo und Smith dogmatisch behauptet hätten, aus »Arbeit« bestehen, sondern ja vor allem aus Naturstoffen, welche durch die Arbeit verändert wurden. Darüber hinaus geht auch diese Veränderung selten und in modernen Produktionsverhältnissen nie ohne Maschinenpark vonstatten. Einmal mehr steht für die moderne Ökonomie fest: Es gibt ganz verschiedene und eben nicht nur einen Produktionsfaktor! Selbst wenn man die Preise also nicht ganz in einen subjektiven Nutzen auflösen will, dann bestehen die Produkte doch objektiv betrachtet aus mehr als nur toter Arbeit!
Was den Part mit den Maschinen angeht, hatte Marx wenig theoretische Schwierigkeiten, diesen zu erklären. Dass man durch deren Nutzung oder Verleihen einen Preis erzielen kann, ändert wenig daran, dass sie nicht nur Arbeitsmittel, sondern eben auch Arbeitsprodukt sind: Sie sind als tote, d. h. vergegenständlichte Arbeit nicht anders zu bestimmen oder zu verstehen als jede Ware und ihr Wert. Werden sie zur Produktion für Waren verwendet, wird die Sache nicht komplizierter. Verschleißt eine Maschine nach der Herstellung von 10.000 Stück, dann ist in diesen 10.000 Stück nicht nur die Arbeit vergegenständlicht, welche direkt für sie verausgabt wurde, sondern eben auch die Arbeit für die Maschine, die man zu ihrer Herstellung braucht. Umgekehrt ausgedrückt gibt die Maschine einen Teil ihres Wertes an die einzelnen Produkte ab, pro Stück ein Zehntausendstel.
Bleibt aber die Sache mit der Natur. Es ist ja nun wirklich nicht zu leugnen – und ist bei Marx an mehr als einer Stelle nachzulesen –, dass die Natur wirklich in jeder Ware steckt. Ohne Natur gibt es weder Waren noch Arbeit, die gar nichts anderes ist als eine Tätigkeit mit und an der Natur. Ist hier also der große Irrtum von Marx zu suchen: dass die Arbeit gar nicht die einzige Quelle des Werts sein kann, sondern nur eine der beiden Quellen?
Wert und Gebrauchswert
Würde noch irgend jemand Marx lesen, wäre die Frage eigentlich schnell zu klären: Immerhin besteht der sowohl darauf, dass Natur und Arbeit die beiden Quellen allen sachlichen Reichtums sind, als auch darauf, dass der kapitalistische Reichtum eben gar nicht aus dem sachlichen Reichtum besteht, sondern getrennt von diesem als Geld vorliegt. Der kapitalistische Reichtum ist ein abstrakter, er ist nichts als ein Zugriffsmittel auf alle Produkte des gesellschaftlichen Lebens. Anders formuliert: Geld ist Privateigentum in Hosentaschenformat, ein gesellschaftliches Verhältnis, auf ein Stück Papier gedruckt. Dieser Reichtum hat seine Quelle sicher nicht in der Natur: Die ist nämlich erst mal allen zugänglich und kann benutzt, vernutzt und vergiftet werden – und zwar zum Nulltarif. Die kapitalistische Praxis der Benutzung der Natur als kostenlose Müllkippe wie auch als kostenloses Regal für Naturstoffe beweist jeden Tag die theoretische Auskunft der Werttheorie: nämlich, wie wertlos die Natur im Sinne dieses abstrakten Reichtums ist, der eben nichts anderes als Privateigentum darstellt.
Einerseits ist es der Arbeitsprozess, der den ganzen sachlichen Reichtum nutzbar macht. Durch Arbeit werden Regale gefüllt und Supermärkte gebaut. Und dass mit Naturprodukten wie Gemüse, Obst und durch so manches Tier auch ganz ohne menschliches Zutun einiges an Gebrauchswerten heranwächst, ist so richtig, wie dass die Arbeit als Input daher immer nur ein Moment der Herstellung des sachlichen Reichtums ist. Aber Marx hatte, wie bereits dargestellt, einen ganz anderen Untersuchungsgegenstand als die Trivialität, dass Arbeit als Prozess mit und an der Natur die Gesellschaft reproduziert. Er wollte wissen, was es heißt, wenn die ganze Gesellschaft nach Privateigentum strebt, wenn dieses daher als vom sachlichen Reichtum getrennter, abstrakter Wert verdinglicht existiert. Da die Natur einfach bloß existiert, kommt als Quelle von Privateigentum nur die Arbeit in Frage, die unter der Kommandomacht des Geldes das Eigentum ständig mehren soll. Entsprechend wird die Natur von den Privateigentümern als genau das behandelt, was sie in dieser Ökonomie ist: eine Gratisgabe, die man ohne Gedanken an deren Reproduktionsbedingungen möglichst billig benutzt und die man in Extraprofit verwandeln kann, sofern man andere von ihrer Nutzung ein Stück weit ausschließen kann. Denn dass die Natur von sich aus keinen Wert schafft, hinderte noch keinen Kapitalisten daran, durch pure Gewalt, d. h. durch den Ausschluss anderer vom Gebrauch ihrer Früchte, selbst noch ein Stück Dreck zur Quelle eines Geldeinkommens zu machen.
Konkrete und abstrakte Arbeit
So trivial wie die Tatsache, dass die Arbeit mit und an der Natur den sachlichen Reichtum schafft, ist die Klärung der Frage, was den geldwerten Reichtum schafft, also nicht. Marx jedenfalls war sehr unzufrieden mit allen Versuchen der bisherigen politischen Ökonomen, sie zu beantworten. Wenn bis heute Polemiken gegen Marx populär sind, denen zufolge die »Arbeitswerttheorie« behaupten würde, eine Sache sei besonders wertvoll, wenn in ihr besonders viel Arbeit stecke, und entsprechend vom Leder gezogen wird, dass dann ein besonders fauler oder langsamer Arbeiter wohl besonders wertvolle Produkte herstelle, dann zeugt das vor allem davon, dass man sich nicht einmal klar gemacht hat, dass Marx selbst genau diese Polemik auf den ersten Seiten des »Kapitals« gegen die damals gängige Vorstellung ins Feld führte, es sei die konkrete Tätigkeit, welche den Wert schaffe.
Dagegen ist bei Marx das Produkt einer konkreten Arbeit erst mal nur ein konkretes Produkt: Wer tischlert, erhält einen Tisch; wer fischt, einen Fisch. Nicht die Trivialität, dass und ob Tisch und Fisch überhaupt Arbeitsprodukte sind, war Marx’ Fragestellung, sondern vielmehr: Inwiefern können Tisch und Fisch, in Geld ausgedrückt, ein Stück Privateigentum sein? Marx’ wissenschaftliche Leistung ist es gerade gewesen, den Wert als Produkt abstrakter Arbeit zu bestimmen – das ist es, was Marx den Springpunkt aller politischen Ökonomie nennt. Denn darin liegt die Erkenntnis, was Wert überhaupt ist: Ein gesellschaftliches Verhältnis und eben kein Naturprodukt. Die Waren sind nur in dem Maße Zugriff auf anderes Privateigentum, wie sie gesellschaftlich notwendige Arbeit repräsentieren: Denn wer nicht auf dem technischen Niveau der Konkurrenz produziert, wer nicht mit der durchschnittlichen Fertigkeit und dem allgemeinen Wissen seine Waren herstellt, der verausgabt zwar viel mehr konkrete Arbeit – aber Wert ist diese Mehrarbeit gerade nicht. Das gleiche gilt auch für die Natur, die dabei verschlissen wird: Wertbildend ist eben nur die abstrakte Arbeit, also nur die Arbeit, insofern sie am Ende ihren Dienst erfüllt, Zugriff auf anderes Privateigentum zu sein, also selbst Privateigentum ist.
Und das gilt umgekehrt für das, was Marx am Rande manchmal »Familienarbeit« oder »gemeinschaftliche Arbeit« nannte: Wer Kinder erzieht oder seine Angehörigen pflegt, mag noch so gesellschaftlich notwendige Arbeit leisten: Da sie oder er keine Waren im Dienst des Privateigentums herstellt, ist auch diese Arbeit – ebenso wie die Natur – völlig wertlos. Ein Zynismus der kapitalistischen Ökonomie, der bis heute von feministischer Seite gerne der Werttheorie angerechnet wird; ganz so, als würde die Wertlosigkeit der Carearbeit durch die Werttheorie nicht erklärt und damit auch kritisiert, dass Arbeit nur als Dienst am Eigentum zählt, sondern die Wertlosigkeit von der Theorie praktisch hergestellt würde.
Geldwerter Reichtum
Dass jeder sachliche Reichtum in der Natur und der Arbeit seine Quelle hat, aber nur die Arbeit im Dienst des Privateigentums den hier gültig gemachten, abstrakten Reichtum, d. h. das Geld, stiftet, hat einiges an Folgen: Geld wollen also alle Akteure in dieser Ökonomie des Privateigentums: Die einen haben es schon und wollen es vermehren, die anderen brauchen ständig neues, weil sie es zum Leben permanent ausgeben müssen. Geld ist gar nichts anderes als Privateigentum in seiner abstrakten Form, bereinigt von jedem Gebrauchswert, mit dem es mal in die Welt getreten ist. Geld repräsentiert den gesellschaftlich gültig gemachten Reichtum, ohne den Makel, dass es selbst für irgend etwas anderes nützlich wäre, denn genau für die Akkumulation. Die Vermehrung von Geld, das heißt abstraktem Reichtum, als Privateigentum in Hosentaschenformat ist also der Zweck aller kapitalistischen Produktion; jede Produktion von Gebrauchsgütern, also dem sachlichen Reichtum, ist erst dann ein Erfolg, wenn sie sich am Ende in Geld verwandeln lässt, und zwar mehr als die Produktion selbst kostet.
So wird das Privateigentum in seiner abstrakten Form als Geld zur Kommandomacht über fremde Arbeit. Im Dienst am und unter der Kontrolle des Privateigentums wird der ganze sachliche Reichtum geschaffen, den eine kapitalistische Gesellschaft in der Form der Warenberge kennt. Die Arbeit als Prozess mit und in bezug auf die Natur ist und bleibt im Kapitalismus wie in jeder anderen Gesellschaft die Grundlage von allem sachlichen Reichtum. Arbeit und Natur sind die Quellen aller Gebrauchswerte. Um die geht es aber im Kapitalismus nur bedingt, nämlich nur insofern, als dass die Waren von irgend jemand als so nützlich empfunden werden, dass sie auch verkauft werden. Hergestellt werden sie bekanntlich für den Zweck, Geld mit ihnen zu erwirtschaften, und entsprechend zählen sie auch nur als Reichtum, indem sie Zugriff auf anderes Privateigentum garantieren. So zerfällt die bürgerliche Gesellschaft gerade durch die Freiheit und Gleichheit vor dem Recht und im Gelderwerb in eine Klassengesellschaft.
Dass die Kapitalisten in dieser Art und Weise, wie sie ihrem Interesse nach Profit nachgehen, die Quelle des Werts, also die Arbeit pro Stück, immer weiter reduzieren, war dabei nur eine Erkenntnis von Marx. Denn die Arbeit ist als abstrakte Arbeit die Quelle allen Tauschwerts, als reiner Dienst für das Privateigentum gerichtet auf den Zweck der Geld- und nicht der Gebrauchswertproduktion. Das sieht man der Arbeit dann auch an. Sie ist nicht zweckmäßig an der Produktion von Tischen und Computern ausgerichtet, sondern zweckmäßig an der Produktion von Geld: Es kann auch an den modernsten Maschinen nicht lange genug gearbeitet werden; und diese verdanken sich selbst wiederum ebendieser Vermehrung des abstrakten Reichtums: Wieviel Gebrauchswert da bei den Produkten übrig bleibt, verdankt sich der Dicke des Geldbeutels, auf welche der jeweilige Produzent schielt. Neben dem kleinen Segment der Luxusproduktion gibt es auch eine Reichtumsquelle, die auf den schmalen Lohn der Massen schielt und durch pure Menge ihren Reibach macht: Das geht dann sowohl auf Kosten des Menschenmaterials in den Fabriken als auch zu Lasten dessen, was von den Waren dann noch zu gebrauchen ist: Klamotten zum Wegwerfen, Lebensmittel, die mit etwas Farbe und Geschmacksverstärker gerade noch als solche bezeichnet werden können, und so weiter und so fort.
Eine andere Erkenntnis von Marx war, dass es sich bei der Ware Arbeitskraft offensichtlich um eine besondere Ware handelt. Die hat nämlich einerseits die Potenz, mit ihrer Arbeit neue Werte zu schaffen, andererseits kostet sie den Unternehmer aber gar nicht den Wert, den sie schaffen kann, sondern eine ganz andere Größe: nämlich den Wert, den es braucht, um diese Arbeitskraft zu erhalten. Ganz ohne von dieser Diremption (Entzweiung, jW) im Wert etwas zu wissen, nutzen die Unternehmer sie: Mit dem Geld als Kommando über die Arbeit setzen sie eine ganze Produktion ins Werk, die sich zunutze macht, dass die Arbeit viel mehr Reichtum schafft, als sie kostet.
Wert und Ideologie
Dass die moderne Volkswirtschaftslehre vom Zusammenhang zwischen Arbeit und Wert nichts mehr wissen will, ist der interessierte, d. h. ideologische Blick auf eine Ökonomie, der selbst theoretisch vergessen machen will, dass die Arbeiter den Reichtum herstellen, von dem sie getrennt werden. Das ist das eine. Das andere ist, dass eine sozialistische und sozialdemokratische Arbeiterbewegung sich gerne auf die Fahnen geschrieben hat, nur die Arbeit sei wertbildend. Das »Lob der Arbeit« hat man in der Marxschen Theorie entdecken wollen und entsprechend auch entdeckt: Ausgerechnet der bittere Umstand, dass überhaupt nur abstrakte Arbeit in fremdem Dienst in dieser Gesellschaft als Wert gilt, wurde wie eine Auszeichnung präsentiert, welche »die Arbeiter« zu den eigentlichen Schöpfern allen Reichtums erklärte. Alle Hinweise von Marx, so etwa gleich zu Beginn seiner Kritik des Gothaer Programms, ob die Natur denn nicht auch ein bisschen was mit den Gebrauchswerten zu tun habe, blieben wirkungslos. Am Ende garnierte die sozialistische Bewegung ihren Fehler mit der Parole, die Arbeiter könnten stolz darauf sein, was sie alles herstellen – unter Absehung davon, was das gültige Produkt ihrer Arbeit in dieser Gesellschaft ist: nichts anderes als der geldwerte Reichtum, den sie vermehren müssen und von dem sie ihr Leben lang ausgeschlossen werden; mehr noch, der ihnen als Kommando über ihre Arbeit begegnet.
Wer sein Leben nicht im Dienste des Privateigentums verbringen will, täte gut daran, nicht auch noch stolz zu sein auf den abstrakten Reichtum, der aus seiner Arbeit gewonnen wird. Ein in diesem Sinne produktiver Arbeiter zu sein, bleibt ein Pech und kein Glück. Klassenbewusstsein so verstanden, ist etwas ganz anderes, als sich die Arbeiterschaft als so etwas wie die gute Seite der Klassengesellschaft zu denken, weil sie den in dieser Gesellschaft gültigen Reichtum schafft und vermehrt. Es beginnt vielmehr bei der bewussten Ablehnung einer Rolle, die einen zum Dienst an einer Sorte Reichtum nötigt, welche beständig die Quellen des sachlichen Reichtums unterminiert: die Natur und die Arbeiter selbst.
Damit aber nicht genug. Nicht nur seine Gegner haben oft nicht gut verstanden, dass Marx natürlich wusste, dass der Wert als abstrakter Reichtum seine Quelle gerade nicht in der konkreten Arbeit hat; dass er darüber hinaus auch wusste, dass das Geld als Ausdruck des Werts auch eine Selbständigkeit gegen den Wert hat und entsprechend auch Wertloses, wie der Boden, einen Preis haben kann. Entsprechend ist es eine Farce, wenn Kritiker der Werttheorie meinen, mit dem Hinweis auf Boden, Antiquitäten oder fiktives Kapital sei die Arbeit als einzige Quelle des Werts desavouiert.
Es ist umgekehrt eine Tragödie, wenn Freunde der Marxschen Werttheorie davon überzeugt sind, mit einer ausgeklügelten mathematischen Großformel könne man die konkret geleistete Arbeit in Werte und damit in Preise transformieren, also ausrechnen, wieviel Arbeit welche Preise hervorbringt. Man ist schlecht beraten, wenn man die Emanzipation des abstrakten vom sachlichen Reichtum, der mit dem Geld sogar eine eigene verdinglichte Form erhält, am Ende gedanklich doch wieder nicht gelten lassen will, indem man die geleistete Arbeit dann doch wieder – irgendwie – in Preise »umrechnen« will. Ganz so, als hätte Marx nicht einige Mühe darauf verwendet, den Irrsinn einer politischen Ökonomie zu kritisieren, in welcher »der Wert« als Ausdruck der Arbeit getrennt vom sachlichen Reichtum existiert und dann auch noch die Herrschaft über die Arbeit begründet; und als hätte er dagegen das im Anliegen mit der modernen Volkswirtschaftslehre sehr kompatible Projekt verfolgt, Preise prognostizieren zu wollen. Das am Ende als angeblich immer noch durch Marxisten ungelöstes »Transformationsproblem« zu verkaufen, obwohl das mit Marx nicht geht, ist dann endgültig der Entschluss, das eigene Brett vor dem Kopf als Waffe zu nutzen.
→ Peter Schadt schrieb an dieser Stelle zuletzt am 27. April 2026 darüber, warum Marx in seiner Theorie weder Natur noch Carearbeit übersehen hat: »Kein blinder Fleck«.
→ Am Mittwoch, 5. August, erscheint zu dem Thema »Arbeit und Wert« auch eine »99 zu Eins«-Podcast-Folge mit Peter Schadt, siehe: www. youtube.com/@99ZUEINS
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