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Exegese

Marx erklärt sich

Vorabdruck. Vor 150 Jahren erschien in Chemnitz Johann Mosts »populärer Auszug« des »Kapitals« in der Überarbeitung von Karl Marx

Von Winfried Schwarz
Foto: gemeinfrei
Der in die USA emigrierte Anarchist Johann Most war ein »Feuerkopf«, ein leidenschaftlicher Agitator. Hier bei einer Veranstaltung in New York City am 16. April 1887

→ Im September erscheint Heft 147 der Zeitschrift Z. Marxistische Erneuerung. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher ­Genehmigung des Autors und der Herausgeber vorab den Beitrag »Eine Einführung ins ›­Kapital‹ – von Marx selbst« von Winfried Schwarz. Die Hefte von Z können bestellt werden unter: ­zeitschrift-marxistische-erneuerung.de (jW)

Unter den Einführungen in das »Kapital« gibt es nur eine einzige, die von Marx selbst bearbeitet worden ist. Ihre Nutzung, ja Kenntnis, ist nicht weit verbreitet. Es ist die 1876 in Chemnitz erschienene zweite Auflage von »Kapital und Arbeit«, einem »populären Auszug« aus »Das Kapital«. Die erste Auflage hatte ein gewisser Johann Most angefertigt, und zwar 1873 in der Strafanstalt Zwickau. Die Haft hatte ihn vom Studium des »Kapitals« ebenso wenig abgehalten wie von der für Arbeiter gedachten popularisierten Zusammenfassung.

Über sich selbst schrieb Most dreizehn Jahre später (unter Pseudonym): »Seine Hauptarbeit bestand darin, dass er aus dem großen Marxschen Werke ›Das Kapital‹ einen populären Auszug anfertigte, welcher später im Verlage der Chemnitzer Genossenschaftsdruckerei als Broschüre (vier Bogen stark) erschien.«¹ Mit Eigenlob sparte er nicht: »Durch diese Schrift hat das deutsche Proletariat eigentlich das Marxsche Buch erst kennengelernt, indem dieses selbst in einem so grundgelehrten Tone gehalten ist, dass Leute ohne speziellere Vorstudien es absolut nicht verstehen können.«

Obwohl Most im Januar 1874 in den Reichstag gewählt worden war (erneut 1877), wurde er im Mai 1874 wieder festgenommen und erst nach 26 Monaten freigelassen. In diesem Zeitraum, im Sommer 1875, wandten sich Wilhelm Liebknecht und Julius Vahlteich als Vertreter der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (»Eisenacher«) an Marx mit der Bitte, Mosts Broschüre für eine Neuauflage zu überarbeiten.

Marx sagte zu, zumal ihm eine überarbeitete zweite Auflage als sehr dringlich vorgestellt wurde, und machte sich unmittelbar an die Arbeit – trotz seines schlechten Gesundheitszustands. Kurz vor Abreise zur Kur nach Karlsbad sandte er das Manuskript nach Chemnitz. Ein Jahr später, im April 1876, war die Broschüre gedruckt, und Marx erhielt einige Exemplare, auf denen auf seinen Wunsch hin nicht sein Name stand.

Er war von der Broschüre spontan nicht begeistert. Sie sei »wimmelnd von sinnentstellenden Druckfehlern!«² gewesen, wie er sich gegenüber F. A. Sorge in den USA äußerte (und dabei stark übertrieb). In einem der Exemplare nahm er mit Tinte Korrekturen vor.

Ein Zufallsfund

Im Dezember 1984 wurde der Wuppertaler Marx-Engels-Stiftung von einem Düsseldorfer Antiquariat ein altes Heftchen ohne rückwärtigen Umschlag angeboten. Zur Freude ihres Leiters Richard Kumpf stellte es sich als jenes verschollene Marxsche Handexemplar heraus. Es enthielt 35 Korrekturen, die das zu Rate gezogene Institut für Marxismus-Leninismus in Berlin als Marx’ Handschrift bestätigte. Dieser Fund war bedeutsam, weil die Autorschaft von Marx immer noch angezweifelt wurde, zumal sein Name ja nicht vermerkt war. Zwar erschien der Text der 2. Auflage 1967 in der DDR, und 1972 veröffentlichte ihn in der BRD H. M. Enzensberger in der Edition Suhrkamp.³ Einen umfassenden Textvergleich der beiden Auflagen gab es jedoch noch nicht.

Das Handexemplar und sein originalgetreuer Neudruck mit dem Kommentar des IMSF⁴ schufen endgültige Klarheit über Marx’ Anteil. Zugleich stärkten sie dem Berliner Team um Rolf Hecker den Rücken, die Forschung zu intensivieren, um den Auszug in die Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) aufnehmen zu können. Er erschien 1989 in Band II/8, S. 737–787.

In den Anfängen der deutschen Sozialdemokratie war Johann Most einer ihrer wirkungsvollsten Agitatoren. 1846 in Augsburg geboren, wurde er Sozialist in den Arbeiterbildungsvereinen in Wien, wo er sich seit 1868 als wandernder Buchbindergeselle aufhielt. Als einer der Initiatoren einer Großdemonstration für politische und gewerkschaftliche Arbeiterrechte im Dezember 1869 wurde er im sogenannten Wiener Hochverratsprozess zu fünf Jahren Kerker verurteilt – dank einer Amnestie nach sieben Monaten entlassen.

Nach seiner Ausweisung ging er nach Sachsen, in die Hochburg der von August Bebel und Wilhelm Liebknecht gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP). Diese sagte Mosts Radikalität am meisten zu, weil sie sich an dem von Karl Marx verfassten Programm der Internationalen Arbeiterassoziation orientierte. Im Juni 1871 übernahm er die Redaktion der Chemnitzer Freien Presse, deren Auflage er rasch steigerte. Seine kompromisslosen Artikel kamen bei den Arbeitern im »sächsischen Manchester« gut an, obwohl – oder gerade weil – die Behörden immer wieder Strafen verhängten, darunter für Most einen Monat Haft 1871 und zwei Monate im darauffolgenden Jahr 1872.

Most wirkte nicht nur durch die Presse, sondern er war auch ein wortgewaltiger Versammlungsredner, der stundenlang begeistern konnte – nicht nur in Chemnitz, sondern auch auf Agitationsreisen quer durch Deutschland. Seine Beliebtheit bei den Arbeitern erhöhte sein Ansehen in der Partei: Auf dem vierten SDAP-Kongress im September 1872 in Mainz trat er bereits als prominenter Delegierter auf. Kurz vorher hatte er in Chemnitz eine machtvolle Protestveranstaltung organisiert: Statt den militärischen Sieg über Frankreich von 1871 mitzufeiern, zogen die Massen durch die Straßen, um der Pariser Kommune von 1871 zu gedenken – für die Staatsgewalt der Vorwand zu Mosts Verhaftung. Wegen »Majestätsbeleidigung« wurde er zu acht Monaten in der Strafanstalt Zwickau verurteilt. Aus dem Gefängnis im Oktober 1873 entlassen, wurde er sogleich aus Sachsen ausgewiesen. Es war diese Haft, in der Most den Auszug aus dem »Kapital« anfertigte.

Von Haft zu Haft

Most übernahm in Mainz die Parteizeitung Süddeutsche Volksstimme, gab jedoch seine Agitationsreisen nicht auf. Ein halbes Jahr nach seiner Freilassung wurde er schon wieder verhaftet. Ein Vortrag im Frühjahr 1874 in Berlin über die Pariser Kommune reichte den – jetzt preußischen – Behörden für eine Anklage. Die Befürwortung jenes Aufstands wurde ihm als »Aufreizung zu Gewalttaten« vorgeworfen, für die er zu 19 Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Die lange Untersuchungshaft wurde nicht angerechnet, so dass er erst nach 26 Monaten, im Juni 1876, die Strafanstalt Plötzensee bei Berlin verlassen konnte. Währenddessen überarbeitete Marx auf Wunsch der Parteiführung den »populären Auszug«.

Most blieb in Berlin, übernahm mit der Berliner Freien Presse erneut eine Parteizeitung. Wieder verfasste er kritische Artikel, publizierte, wie bisher, auch in anderen Parteiorganen. Allerdings befasste er sich immer mehr mit Religionskritik und atheistischer Propaganda. Er kritisierte die Kirche, forderte zum Austritt auf und stritt öffentlich mit einem reaktionären Kirchenmann. Wieder vor Gericht, wurde er wegen »Gotteslästerung« zu fünf Monaten Haft verurteilt. Und da er sich im Mai 1878 in Chemnitz etwas unvorsichtig zu einem (fehlgeschlagenen) Bombenattentat auf den Kaiser geäußert hatte, kamen noch sechs Wochen obendrauf. Diese saß er bis Ende Juni in Chemnitz ab, die anderen fünf Monate gleich danach erneut in Plötzensee. Dort befand er sich, als im Oktober 1878 die Sozialdemokratische Partei samt Presseorganen verboten wurde (»Sozialistengesetz«).

Nach der Haftentlassung aus Berlin ausgewiesen, emigrierte er im Dezember nach London, wo er sofort die Freiheit gründete. Er betrieb diese – 1882 nach New York verlegte – Zeitung unter ständig wechselnden äußeren Bedingungen bis zu seinem Tod 1906 in den USA. Dorthin war er 1882 emigriert.

In seinen siebeneinhalb Jahren in Deutschland hatten sich bei Most regelmäßig Zeiten außerhalb der Haft mit Zeiten in der Haft abgewechselt. Von den 90 Monaten verbrachte er die Hälfte, nämlich 45, in Gefängnissen. Allerdings wäre es falsch, die Haft in Deutschland (nur davon rede ich) als unproduktiv zu bezeichnen. Im Gegenteil. Seinen Memoiren zufolge wurde Most nicht wie ein gewöhnlicher Straftäter behandelt; vielmehr hatte er statt düsterer Zellen wohl eingerichtete »Studierzimmer« (Most), wo er weiterhin für die Presse schrieb und wo er genügend Zeit für längere Texte fand. Seine vier nach der Haft gedruckten Broschüren entstanden alle in Plötzensee.

Um so schrecklicher waren für ihn die Zuchthäuser in England und den USA, wo er nur einer der »gemeinen Sträflinge« war und unter Zwangsarbeit, Isolation und Schikanen genauso litt wie diese – und auch nicht schreiben durfte. Trotzdem kämpfte er danach in Wort und Schrift weiter für seine Sache. Diese Sache war aber durchaus fragwürdig geworden.

Dynamit und Nitroglyzerin

Most war kein einfacher Charakter. Enzensberger nannte ihn »Feuerkopf«. Differenzen mit der Partei über den Umgang mit dem Verbot brachen offen aus. Die auf eigene Faust gegründete Londoner Freiheit wurde von ihm als Parteiorgan betrachtet, von der Parteiführung aber nicht. Sie hatte sich für ein aus der Schweiz einzuschleusendes Blatt (Der Sozialdemokrat) entschieden. Most attackierte in seiner Zeitung zunehmend die Partei, der er mangelnde Radikalität vorwarf – ein Streit, der 1880 zu seinem Ausschluss führte.

Von da an wandte sich Most immer mehr dem Anarchismus zu, einschließlich der Doktrin, durch spektakuläre gewaltsame Einzeltaten die Massen für die Revolution aufzurütteln. Seine erste Gefängnisstrafe (16 Monate) im Exil erhielt er nicht wegen erfolgreicher Massenmobilisierung, sondern wegen »Anstiftung zum Mord«, als er das tödliche Attentat auf den russischen Zaren von 1881 mit einer Sonderausgabe der Freiheit und der Schlagzeile »Endlich!« begrüßt hatte.

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Vorläufiger Tiefpunkt seiner anarchistischen Publizistik war 1885 die »Revolutionäre Kriegswissenschaft; ein Handbüchlein zur Anleitung betreffend Gebrauches und Herstellung von Nitroglyzerin, Dynamit, Schießbaumwolle, Knallquecksilber, Bomben, Brandsätzen, Giften, u. s. w.« – heute vielleicht ganz amüsant zu lesen, aber doch tragisches Zeugnis des Niedergangs eines politischen Talents.

Engels schrieb am 17. Mai 1883 im Sozialdemokrat über sein und Marx’ Verhältnis zu Most, dass sie ihn in London, wo sie wohnten, »nicht mehr als einmal, höchstens zweimal« getroffen hätten, seit »sein neu ausgeklügelter Anarchismus in dem Blatt aufgetaucht« sei. »Für seinen Anarchismus und seine anarchistische Taktik hatten wir dieselbe Verachtung wie für die Leute, von denen er beides gelernt hatte.« (MEW 19, 344)

Zu diesem Zeitpunkt war Most bei der deutschen Sozialdemokratie bereits zur »Unperson« geworden. Sein Name wurde bald nicht mehr erwähnt und damit auch nicht mehr der populäre Auszug, der als Autor ja nur ihn nannte, weil Marx seine Mitautorschaft nicht preisgegeben hatte. Im nachhinein vielleicht ein Fehler.

Überarbeitung durch Marx

Marx behält die Gliederung des Auszugs in 13 Abschnitte bei, weil sie dem Aufbau des »Kapitals« folgt. Allerdings lässt er keine einzige Seite unverändert – darunter fast dreihundert Einzeländerungen stilistischer oder terminologischer Art. Neuformulierungen nimmt er in jedem Abschnitt vor, meistens begriffliche Präzisierungen. Er ersetzt Tauschwert durch Wert, Arbeitsmittel durch Produktionsmittel, Privateigentum durch Staatseigentum usw. Häufig ersetzt er Fremdwörter durch deutsche Ausdrücke – bezeichnenderweise in Passagen, die Most aus dem »Kapital« unverändert übernommen hatte. Insgesamt machen neue Texte im Umfang von mindestens einem ganzen Satz mehr als zwanzig Prozent des Gesamttextes aus.

Der Gerechtigkeit halber sei festgestellt, dass Marx die Wiedergabe des »Kapitals« sonst weitgehend akzeptiert – so die Mehrwerttheorie, den Kampf um den Normalarbeitstag, die große Industrie und das Fabrikwesen. Als gelungen darf auch die ursprüngliche Akkumulation gelten, ebenso die Behandlung des kapitalistischen Bevölkerungsgesetzes sowie Mosts »Schlussbetrachtungen«.

Der größte Teil neuer Formulierungen (von über einem Satz) ist auf zwei Abschnitte konzentriert, auf »Ware und Geld« und »Der Arbeitslohn«. Der Textvergleich zeigt: Marx hat beide völlig neu geschrieben. Auf diese zwei Abschnitte gehe ich näher ein.

Ware und Geld

Die ersten drei Kapitel des »Kapitals«, die den Abschnitt »Ware und Geld« bilden, sind nicht leicht verständlich. Marx selbst warnt im Vorwort zur ersten Auflage des »Kapitals«, dass »namentlich (…) die Analyse der Ware (…) die meiste Schwierigkeit machen« wird (MEW 23, 11). Unter den Leserinnen und Lesern dieses Artikels gibt es gewiss nicht wenige, die das selbst erfahren haben. Popularisierung, also Vereinfachung eines wissenschaftlichen Textes, geht nur, wenn dieser wirklich verstanden worden ist. In diesem Fall war Most überfordert, so dass Marx, anstatt den alten Text bloß zu verbessern, einen völlig neuen schrieb. Aus viereinhalb Seiten wurden sechs; nur wenige Zeilen blieben unverändert.⁵ Zur Neufassung sah er sich durch zwei Schwächen Mosts veranlasst: das Fehlen des Wertbegriffs und das Unverständnis der Wertformen.

Zu 1.: Most hatte zunächst Gebrauchswert und Tauschwert definiert und war dann sofort zur Größe des Tauschwerts übergegangen, ohne den Wert selbst, der im Tauschwert erscheint, zu behandeln. Die Bestimmung der Wertgröße durch die Durchschnittsarbeit blieb daher unverständlich. Für Marx kam es vor allem auf den Nachweis an, dass der Tauschwert der Waren »nur eine Ausdrucksweise ihres Werts ist« und seine »Form« bildet, die »zur Vermittlung ihres wirklichen Austauschs dient«.

Zu 2.: Mit der Entwicklung der Wertform vom einfachen Wertausdruck bis zur Geldform war Most überhaupt nicht zurechtgekommen. Geld ist bei ihm nur Wertmesser, eine von den anderen Waren quasi bewusst abgesonderte Warenart, »um den Abschätzungsmodus zu vereinfachen und in eine bestimmte Regel zu bringen« (l. Aufl., S. 9). Entsprechend knapp (15 Zeilen!) handelt er den Kern der Werttheorie ab, wofür Marx im »Kapital« über zwanzig Seiten (MEW 23, 62–85) verwendet.

Nirgendwo sonst hat Marx die vier Entwicklungsstufen von der einfachen über die entfaltete zur allgemeinen Wertform und Geldform in solcher Prägnanz präsentiert. Rolf Hecker spricht von der »vierten Fassung der Wertformanalyse« – nach den beiden in der ersten und derjenigen in der zweiten Auflage des »Kapitals«.⁶ Ungewöhnlich (und für viele Interpreten überraschend) ist die historisch-fiktive Illustration der Herausbildung des Geldes aus einfachem Austausch. Hierzu erfand Marx »Jägerstämme Sibiriens«, die ihr Produkt, nämlich Tierfelle, tauschen: zunächst zufällig, etwa gegen eine bestimmte Menge Salz, dann gegen alle möglichen fremden Waren wie »Messer, Waffen, Branntwein, Salz«, die ihnen als »Äquivalente« ihres eigenen Artikels dienen. Im »Kapital« ist dies die einfache und entfaltete Wertform.

Weiter: Indem umgekehrt jeder der fremden Warenbesitzer den Wert seines Artikels den Jägern gegenüber in Tierfellen ausdrückt, ist Tierfell »allgemeines Äquivalent«. Als »gemeinsamer Wertausdruck« dient es zugleich als »Wertmesser« und »Wertvergleicher« und wird so »innerhalb dieses Gebiets des Produktenaustausch – zu Geld«. Triebkraft der Entwicklung der Wertformen ist die »Verallgemeinerung des Warenaustauschs«, in deren weiterem Verlauf die Rolle des Geldes auf Gold und Silber übergeht. Dass die in Geld ausgedrückte Wertgröße ihr »Preis« heißt, war schon bei Most zu finden, dort aber ohne Begründung und folglich unverständlich geblieben.

Bei den Texteingriffen hat Marx das Popularisierungsgebot Mosts nicht in Frage gestellt, nur unverzichtbare Kategorien zu verwenden. Er führt »abstrakt menschliche Arbeit« oder »Doppelcharakter der Arbeit« der Sache nach, aber nicht wörtlich ein. Hinter »Äquivalent« setzte er in Klammern: »Gleichwertiges«. Und obwohl es bei den Wertformen der Sache nach um das Wechselverhältnis zwischen relativer Wertform und Äquivalentform ging, kommen diese Begriffe nicht vor.

Wer die Analyse der Wertformen im »Kapital« kennt, mag sich über die vorzeitlichen Tierfelle wundern. (Im »Kapital« sind es gegenwärtige Waren wie Leinwand, Rock usw.) Es handelt sich im Auszug aber gerade nicht um eine Realgeschichte der Geldwirtschaft in Sibirien oder anderswo. Vielmehr geht es Marx mit seinen historisch-fiktiven Tauschformen um den objektiv notwendigen Zusammenhang zwischen Ware und Geld. Genau um diesen geht es auch im »Kapital«, bei der umfassenden logischen Entwicklung der Geldform aus dem der Ware immanenten Widerspruch zwischen Wert und Gebrauchswert. Gleichwohl ist festzuhalten: Marx hat den »historischen Weg« nicht gescheut – wie ihn Engels bereits für das »Kapital« vorgeschlagen hatte.⁷

Der verkleidete Wert

Wie bei der Wertform machte sich auch beim Arbeitslohn Mosts Schwäche bei qualitativen Begriffen negativ bemerkbar. Wie er das Geld nicht als notwendige Form des Werts verstanden hatte, so entging ihm, dass Wert oder Preis der Arbeit zwar verkehrte, aber gleichwohl real geltende Ausdrucksformen des Werts oder Preises der Arbeitskraft sind.

Most weiß zwar, dass dem Arbeiter nur die Arbeitskraft bezahlt wird, was den Mehrwert ermöglicht. Er kann aber nicht erklären, weshalb es in der Realität anders aussieht, so dass im Lohn nicht nur die Arbeitskraft, sondern die ganze Arbeit als bezahlt erscheint – eine auch in der sozialdemokratischen Partei verbreitete Illusion. In seiner Unsicherheit (die sich in mehreren irrigen Formulierungen äußert) geht Most gänzlich dem Begriff »Preis der Arbeit« aus dem Weg und bleibt bei »Preis der Arbeitskraft«, wodurch seine Zitate über Zeitlohn und Stücklohn unverständlich werden. Er sieht im »Preis der Arbeit« offenbar eine absichtliche bürgerliche Irreführung und beharrt gegenüber dem Schein des ganz bezahlten Arbeitstags auf dem wirklichen Verhältnis: »Allein wir wissen bereits, daß dem nicht so ist.« (l. Aufl., S. 40)

Für Marx ist an dieser Stelle gerade die Ursache des falschen Scheins das Interessante: »Sehen wir nun, wie dieser wirkliche Sachverhalt durch die gang und gäbe Form des Arbeitslohnes verkleidet wird.« (2. Aufl., S. 37) Er selber hatte sich erst nach jahrzehntelanger Forschung von den Alltagsbegriffen Wert oder Preis der Arbeit gelöst und mit ihrer Auflösung in Wert oder Preis der Arbeitskraft das Mehrwerträtsel gelöst. Der Bedeutung theoretischer Klarheit entsprechend, streicht Marx aus Mosts Vorlage alles über »produktive Arbeit«, »formelle Unterordnung der Arbeit unters Kapital« und die »Naturbasis des Mehrwerts«, um Platz zu schaffen für eine Kurzdarstellung dessen, was im »Kapital« die »Verwandlung von Wert resp. Preis der Arbeitskraft in Arbeitslohn« heißt.

Die zweite Auflage des Auszugs erschien gedruckt am 11. April 1876. Über seine Überarbeitung äußert sich Marx im Juni 1876, als er ein Exemplar der gerade erhaltenen »verbesserten Ausgabe des Most« an F. A. Sorge nach New York schickt: »… habe mich nicht genannt, weil ich sonst noch mehr daran hätte ändern müssen«. Eine Distanzierung vom Auszug ist das nicht, will er ihn in den USA doch übersetzen und publizieren lassen. Und zugleich betont er seinen eigenen Anteil: »Das über Wert, Geld, Arbeitslohn und manches andre habe ich ganz streichen und statt dessen eignes hineinsetzen müssen.«⁸

Dass Marx sich nicht öffentlich zur Mitautorschaft bekannte, erklärte Engels 1883 (nach Marx’ Tod) damit, »dass es unmöglich war, mehr als die allerschlimmsten Böcke von Most auszumerzen«.⁹ Dieses Urteil ist zu großem Teil der Verärgerung über Mosts Wandlung zum Anarchisten geschuldet und wird dem Niveau der zweiten Auflage des Auszugs nicht gerecht. Wie gezeigt, hat Marx weit mehr getan als »Böcke« beseitigt. Seinen Namen hätte er wohl erst genannt, wenn er noch mehr daran hätte ändern können. Aber er hat eben keine eigene Popularisierung geschrieben. Und deshalb ist für die Beurteilung der zweiten Auflage des Auszugs der Umstand entscheidend, dass weder Marx noch Engels gegen ihre Verbreitung auftraten, sondern diese sogar förderten.

Die englische Übersetzung erschien vom 30. Dezember 1877 bis 10. März 1878 in zehn Folgen in New York in dem sozialistischen Wochenblatt The Labor Standard. Im April 1878 gab F. A. Sorge die Serie als Broschüre unter dem Titel »Extracts from the ›Capital‹ of Karl Marx« heraus.¹⁰ (Marx wurde als Autor nicht genannt, aber auch Most nicht.) Übersetzer war Otto Weydemeyer – wie Sorge aktiv in der »Ersten Internationale« und führend in der sozialistischen »Workingmen’s Party of the United States« (1876–1878). Marx erklärte sich noch vor dem Druck bereit, für den Fall einer Nachauflage die Übersetzung auf Fehler durchzusehen.¹¹ (Zur Neuauflage ist es nicht gekommen). Für England schlug Marx eine »amended edition« (verbesserte Ausgabe) vor, »aber so, daß ich ein paar Worte Vorwort schreibe, die Sache selbst aber unter Weydemeyers Namen erscheinen lasse«.¹²

Friedrich Engels befürwortete 1882 für die USA sogar eine Neuauflage des Auszugs in deutscher Sprache. Auf die Anfrage von Adolf Hepner aus New York, welche Schriften er für eine geplante »Deutsch-Amerikanische Arbeiter-Library« empfehle, antwortete Engels, dass Mosts Auszug in seiner zweiten Auflage immer noch »seine Vorzüge hat und abgedruckt werden könnte«, denn Marx habe »die gröbsten Missverständnisse entfernt und einige Zusätze gemacht« (15. Juli 1882, MEW 35, 345). Wohlgemerkt: Der Auszug war neben dem »Kommunistischen Manifest« und der »Lage der arbeitenden Klasse in England« die einzige Schrift, die Engels vorschlug.

»Kapital und Arbeit« in der von Marx überarbeiteten zweiten Auflage ist weit mehr als ein von ihm geduldeter Text. Ich halte ihn auch heute noch für eine geeignete Hilfe bei der Lektüre des »Kapitals«.

Anmerkungen

1 Anonymus Veritas (Johann Most): Acht Jahre hinter Schloss und Riegel. Skizzen aus dem Leben Johann Mosts, New York 1886, S. 45

2 Karl Marx an F. A. Sorge, 27. September 1877, MEW 34, 294

3 DDR: Rolf Dlubek/Hannes Skambraks: »Das Kapital« in der deutschen Arbeiterbewegung (1867 bis 1878), Abriss und Zeugnisse der Wirkungsgeschichte, Berlin 1967, S. 268–324. BRD: Johann Most. Kapital und Arbeit. »Das Kapital« in einer handlichen Zusammenfassung. Von Marx und Engels selbst revidiert und überarbeitet, mit einem Nachwort von Hans Magnus Enzensberger, Frankfurt am Main 1972.

4 Winfried Schwarz (IMSF): Entstehung und Überlieferung, in: Kapital und Arbeit. Ein populärer Auszug aus »Das Kapital« von Karl Marx von Johann Most. Zweite verbesserte Auflage. Chemnitz 1876; Reprint: Wuppertal 1985. Kommentar und Text erschienen ein Jahr später auf japanisch bei Iwanami Shoten, Publishers, Tokio.

5 Der Abschnitt »Ware und Geld« ist abgedruckt in Rolf Hecker und Ingo Stützle: Karl Marx. Das Kapital 1.5. Die Wertform, Berlin 2017, S. 202–209

6 Rolf Hecker: Springpunkte. Beiträge zur Marx-Forschung und »Kapital«-Diskussion, Berlin 2018, S. 264

7 Engels an Marx, 16. Juni 1867: »… auf historischem Wege die Notwendigkeit der Geldbildung und den dabei stattfindenden Prozeß (nachzuweisen)«. (MEW 31, 303)

8 Marx an F. A. Sorge, 14. Juni 1876, MEW 34, 183

9 Friedrich Engels in Der Sozialdemokrat, Nr. 21, 17. Mai 1883, MEW 19, 345/346

10 Zu Einzelheiten siehe Philip S. Foner in: Science & Society, 1967, 31/4, 464/5

11 Marx an F. A. Sorge, 27. September 1877, MEW 34, 295. Die Anonymität sowie die schwache Übersetzung Otto Weydemeyers (Sohn Joseph Weydemeyers, des in die USA emigrierten 1848er Revolutionärs) trugen dazu bei, dass der »Auszug« auf englisch praktisch unbeachtet geblieben ist – damit auch der Anteil von Karl Marx.

12 Marx an F. A. Sorge, 4. September 1878, MEW 34, 340. Der Plan kam nicht zustande. Es ist nicht wahrscheinlich, dass Marx die Übersetzung Weydemeyers kannte.

→ Winfried Schwarz war bis 1990 Mitarbeiter des IMSF in Frankfurt am Main. Er schreibt häufig für die Z - Zeitschrift Marxistische Erneuerung über Marx-Engels-Forschung.

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Erschienen in der Ausgabe vom 31.07.2026, Seite 12, Thema

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